Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Zum Streik bei SKF
Der Streik brachte eine
VOLLE NIEDERLAGE DER STREIKENDEN
Hoffentlich wird das von der Belegschaft, die den Streik getragen
hat, genauso gesehen. Eingeständnis der Niederlage ist nämlich
die Voraussetzung dafür, daß die Fehler abgestellt werden, die in
sie führten. Das übliche Gerede des Betriebsrats vermeidet gerade
dieses Eingeständnis: "Wir haben Gesprächsbereitschaft erzwingen,
Kompromisse geschlossen, Kröten geschluckt, dann wurde unser Ver-
trauen mißbraucht, aber immerhin haben wir's ihnen gezeigt" Sol-
ches Geschwafel ist das Gegenteil einer Bilanz des Streiks, mit
seinem ewigen Zwar und Aber macht der Betriebsrat Sieg und Nie-
derlage im Streik ununterscheidbar und sorgt so dafür, daß der
hilf- und nutzlose Zirkus genau so weitergeht wie bisher. Am Ende
fällt dabei glatt noch die Lehre ab: Streik bringt nichts!
Dabei zeugt das vernichtende Ergebnis nur von einem: die Beleg-
schaft wußte bei ihrem Streik nicht, was sie wollte und auf was
sie sich mit einem Streik eingelassen hatte.
1.
Die Arbeiter haben ihren Streik nicht mit einer klar formulierten
Liste von Streikzielen begonnen, bei deren Erfüllung sie die Ar-
beit wieder aufnehmen würden - andernfalls nicht. Wer selbst
nicht genau weiß, unter welchen Bedingungen er wieder arbeitet,
braucht sich nicht darüber zu beklagen, daß er beschissen wird,
er lädt geradezu dazu ein.
2.
Die Belegschaft ist nicht f ü r i h r e Z i e l e, sondern
a u s E m p ö r u n g in den Streik getreten; Empörung darüber,
daß die Firma ihre Pläne zu Lohnsenkung und Wochenendarbeit mit
dem Betriebsrat gar nicht mehr diskutieren wollte. Logisch, daß
die Forderung nach Verhandlungsbereitschaft seitens der Firma
leicht erfüllt ist. Da überhaupt verhandelt wird, heißt eben noch
gar nichts über ein für die Belegschaft günstiges Ergebnis. Lohn-
senkung und Samstags- (jetzt vielleicht auch Sonntags-) Arbeit
bleiben doch gleich beschissen, ob sie nun Resultat eines Diktats
der Geschäftsleitung oder Verhandlungsergebnis sind. Die Ver-
wechslung von Streikzielen, um die dann unter dem Druck des
Streiks verhandelt würde, und Verhandlungen als Streikziel hat
sich gerächt.
3.
Wäre es um die Streikziele "keine Lohnsenkung und keine Wo-
chenendarbeit!" gegangen, hätte Betriebsratschef Lang am letzten
Montag sagen müssen: "Leute streikt weiter, noch will die Firma
keine unserer Forderungen erfüllen." Das hätte der Wahrheit ent-
sprochen.
Aber es ging um das Erkämpfen von Verhandlungsbereitschaft, so
konnte er unwidersprochen folgenden Unsinn sagen: "Geht bitte an
die Arbeit, es gibt Verhandlungen und ich sehe Chancen für eine
Einigung." Daß die Einigung, für die Lang Chancen sah, nicht das-
selbe sein würde, wie die ersatzlose Streichung der Verschlechte-
rungen, mußte jeder heraushören. Angepeilt war ein K o m-
p r o m i ß - und wo der liegen sollte, das wollt der Be-
triebsratschef für die Leute entscheiden. Die sollten derweil ar-
beiten und so der Geschäftsleitung jeden Zwang zum Nachgeben er-
sparen. Diese bedankte sich für so viel Rücksicht damit, daß sie
in ihren Plänen zur Wochenendarbeit nach dem Streik noch weiter
ging als vor ihm: jetzt sollte die Nacht zum Sonntag vollständig
zur normalen Arbeitszeit werden.
Die Belegschaft war mit der Verwechslung von Verhandlungen mit
einem günstigen Verhandlungsergebnis, auf der die ganze Betriebs-
ratspolitik beruht, ihrerseits zufrieden. Sie benutzte nicht den
Betriebsrat als Sprachrohr des Streiks, sondern ermächtigte mit
dem Streik nur den Betriebsrat dazu, sich über die Streikziele
mit der Geschäftsleitung einig zu werden. (Daß nicht einmal das
ging, liegt nicht an Lang, er hätte manchem miesen Kompromiß
gerne zugestimm, die Firma ließ ihm nur keine Chance!)
4.
Die ernste Bitte von Lang, wieder an die Arbeit zu gehen, ist auf
fruchtbaren Boden gefallen, weil der Großteil der Belegschaft gar
nicht wußte, worauf er sich mit dem Streik eingelassen hatte. Die
Leute waren erleichtert, daß sie wieder arbeiten durften.
Sie hatten den Streik niemals kühl als ö k o n o m i s c h e s
K a m p f i n s t r u m e n t kalkuliert, sondern ziemlich kopf-
los ihrer Empörung Ausdruck verliehen. Obwohl ein richtiger
Streik von 4 Arbeitstagen auf diese Weise zustande gekommen ist,
war er nur als Warnstreik und Demonstration gemeint, Man wollte
in diesem Fall von Schlechterstellung e i n m a l a u f d e n
T i s c h h a u e n, und der Firma e i n e n S c h u ß v o r
d e n B u g s e t z e n und sie mit der Demonstration, daß man
auch anders - nämlich echt streiken - k ö n n t e, zur alten
Tour der schiedlich-friedlichen Durchsetzung aller Kapitalbedürf-
nisse zurückpfeifen. Der S c h u ß v o r d e n B u g sollte
der Firma die Augen öffnen, aber man wollte nicht
s c h i e ß e n.
Die Streikenden waren in den ersten beiden Tagen ihres Streiks
e r s t a u n t und um so mehr e m p ö r t darüber, daß die
Firma solche Warnungen kalt ließen und sie nicht die geringste
Konzessionsbereitschaft zeigte. Je länger der Streik dauerte, de-
sto verbitterter wurden die Streikenden über die unsoziale und
verantwortungslose Haltung der Geschäftsleitung - und desto
hilfloser wurden sie: "es muß doch einmal wieder aufhören und mit
der Arbeit weitergehen."
Daran, daß Streik eine Schädigung der Kapitalinteressen ist, die
so stark ausfallen muß, daß der anderen Seite Zugeständnisse bil-
liger kommen als die Fortsetzung des Kampfes, - daran dachte kaum
einer. Umgekehrt war man eher betroffen von der Zeitumgsmeldung,
die Firma habe nach 4 Streiktagen schon 10 Millionen D-Mark ver-
loren. - Als ob es sich dabei um Geld handeln würde, das den Ar-
beitern fehlt.
Dabei existiert der ganze Schaden für die Firma überhaupt nicht,
Denn sie ist sich sehr sicher, daß sie die Streikzeit nicht be-
zahlen muß und daß die Streikenden in den nächsten Monaten - ganz
ohne neue Schichtregelung - am Samstag wegen ihres Streiks arbei-
ten und das verlorene Geld hereinarbeiten werden. Mit dieser Si-
cherheit, daß der Firma kein Geschäft und keine Arbeitsstunde
entgehen wird, kann sie das Ende des Streiks leicht abwarten und
die Streikenden am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Zu einem
Streik, der auf ökonomischen Zwang berechnet ist, gehört es eben
auch, die B e z a h l u n g d e r S t r e i k z e i t in die
Forderungen aufzunehmen und so der Firma Eile und Einigungsdruck
zu verschaffen statt umgekehrt der eigenen Seite.
Die Hälfte der übertariflichen Bezahlung hat der Betriebsrat
schon abgegeben - wenn es nach ihm geht.
Die Schichtregelung geht in die Schlichtung und diese empfiehlt
irgendetwas zwischen der Absicht des Unternehmens und dem be-
scheidenen Wunsch der Betriebsräte, so schlimm möge es nicht kom-
men.
Die Empfehlung wie die Vereinbarung über die Kürzung des Überta-
rifs gilt - nur, wenn die Belegschaft sie sich gefallen lassen
will. Wenn nicht, müßte der Streik wieder aufgenommen werden -
ohne die Fehler des letzten.
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