Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter


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       Die kleinliche Nachbereitung des SKF-Streiks
       

WER WAR SCHULD?

Wie bei den Kindern geht, wenn der große Streit vorbei ist, ein zweiter los: Wer hat angefangen? Der Betriebsrat wirft der Ge- schäftsleitung eigenmächtiges Handeln und Unwillen zu einer Eini- gung vor; die Geschäftsleitung gibt den Schwarzen Peter zurück. Sie kann sich über die harte und einseitige Position des Be- triebsrats nur wundern, der doch seit langem über die, schwierige Lage des Unternehmens und die unerträglich hohen Lohnkosten in- formiert gewesen sei. Der katholischen Kirche wirft SKF Inkompe- tenz und einseitige Parteinahme für die Arbeiter vor, worauf diese zurückfragt, wer es denn gewesen sei, der das Gespräch nicht gesucht habe. Ein CSU-Abgeordneter stellt sich als Lafon- taine-Schüler vor. Er wirft den Arbeitern vor, ihre Interessen zu verfolgen, anstatt Verantwortung für die Arbeitslosen zu tragen und ihren Lohn der Firma zu lassen. Von Vertretern der Arbeiter bekommt er mit gleicher Münze heimgezahlt: Er vertrete Unterneh- merinteressen und sei nicht unparteiisch, wie man es von einem Politiker doch wohl erwarten dürfe. Eine Renate Kraus muß richtig übertreiben, um an den Bundestagsabgeordneten ihren heißen Vor- wurf loszuwerden: "In SKF läuft das Schlichtungsverfahren. Unter anderem heißt es, der Betriebsfrieden dürfe nicht gestört werden. Durch Ihr Schrei- ben haben Sie dies aber getan. Sie brachten mir Empörung in die Belegschaft, statt Ruhe ist wieder Unruhe eingekehrt. Das haben wir Ihnen zu verdanken, Herr Rind." Ist ja furchtbar, jetzt ist wegen dem Rind der Betriebsfrieden wieder im Arsch, und die Arbeiter sind unruhig. Die gute Renate womöglich selber Arbeiterin bei SKF - benimmt sich wie ein Auf- passer über die Arbeiter und beschimpft diejenigen, die die guten Arbeiter in ihrer braven Schicksalsergebenheit stören könnten. Jede Seite wirft der anderen vor, es gehe ihr um ihre Interessen, anstatt um Kompromiß, Einigung und Frieden mit dem anderen entge- gengesetzten Interesse. Die Schweinfurter Zeitung stellt ihre Le- serbriefspalten zur Verfügung und moderiert nur allzu gerne diese wechselseitigen Vorwürfe: Das sind nämlich genau die national er- wünschten Betrachtungsweisen von Streiks: 1. Wenn jeder jedem vorwirft, er sei schuld daran, daß es so weit gekommen ist, dann sind sich die gegnerischen Seiten darin einig, daß es e i g e n t l i c h nicht dazu kommen darf; daß Streik niemand wollen kann und daß er e i g e n t l i c h nicht nötig wäre. Er kann nur Produkt eines F e h l v e r h a l t e n s sein. Das hört die Öffentlichkeit gerne, besonders von der Seite der Arbeiter, die ja immerhin einen Streik anfangen (der Unternehmer tut das ja wirklich nicht!). Wenn sie auf Notwehr plädieren und beteuern, von sich aus würden sie nie streiken wollen, dann lie- fern sie die Selbstverpflichtung aufs brave Arbeiten ab, die an- dere, Beauftragte, sich um die Bedingungen von Arbeit und Lohn kümmern läßt. 2. Wer einen Streik als Produkt und Reaktion auf ein Fehlverhal- ten hinstellt, unterschreibt, daß ein Streik nicht nur nichts bringt (wie der im März), sondern auch gar nichts bringen soll! Den Einigungswillen stellt er wieder her, der vorher nicht groß genug war: Beide Seiten müssen sich ein bißchen Schaden antun, damit sie noch weiter aufeinander zugehen können, als sie es vor dem Streik wollten. Je weniger die Einigung, die dabei heraus- kommt, dann taugt, desto deutlicher wird, daß man das auch ohne Streik hätte haben können, wären nur manche Dickköpfe nicht so dickköpfig gewesen. Der Streik - so die Lehre - gleicht nur das Fehlverhalten aus, das zu ihm führte, sonst nichts. Wo die Eini- gung liegt, die dabei herauskommt, interessiert bei einer solchen Nachbetrachtung schon keinen mehr! Ein Vorschlag von der MAZ: Schuld an dem Streik ist die Belegschaft von SKF. Die hat ge- streikt und wenn sie nicht gewollt hätte, hätte sie es gelassen. Hätte sie gescheit gestreikt und etwas herausgeholt, dann wäre wäre es auch kein Problem gewesen, sich zu dem Streik als dem Mittel der Arbeiter zu bekennen: es hätte ja etwas gebracht. Daß nichts herausgekommen ist, liegt an Fehlern, und ist kein Grund, sich an der heuchlerischen Debatte zu beteiligen, man habe die Eskalation nicht gewollt. Die ehrliche Alternative ist ganz klar: Wem der Arbeitsfrieden wirklich der höchste Wert ist, der muß sich halt alles gefallen lassen. Wer sich aber etwas nicht gefallen lassen will, soll nicht so tun, als ginge es ihm vor al- lem um den sozialen Frieden. *** Ein ideologisches Streikresultat gibt es auch noch: --------------------------------------------------- War nicht einer der Umstände, die die Belegschaft so in rage ver- setzt haben, daß die Firma o h n e N o t sich an den Löhnen bedienen wollte? Freunde, das Krisengeschmarr könnt Ihr kostenlos zu Eurer Lohn- senkung mittlerweile aus der Zeitung dazu haben. Die Firmenlei- tung ist nämlich auch lernfähig. Wenn es bloß daran liegen sollte, daß sie nicht genug rumgejammert hat - d a s können ge- lernte Akademiker allemal nachliefern. In wohlgesetzten Worten schreibt man dann in einer Presseerklä- rung, daß die wirklichen Gewinne, die SKF eingefahren hat, um 100 Millionen hinter dem zurückgeblieben sind, was man sich e r w a r t e t h ä t t e, und daß die Nettogewinne der letzten 10 Jahre geringer waren als die Brutto-Übertarifzahlungen im gleichen Zeitraum. Und wenn sich die Arbeiter dann immer noch nicht wie Halsabschneider vorkommen, dann verweist man darauf, daß 1987 keine Dividende ausgeschüttet worden sei (aus welchen Gründen auch immer!). Die aktuellen Herausforderungen an die Geschäftstüchtigkeit der Chefs kommen dann auch noch vor: Marktverengung, Preiskonkurrenz auf dem Weltmarkt, Nachteile wegen der Parität DM/Dollar. Bezüg- lich dieser Schwierigkeiten tut die SKF mit jedem Satz kund, daß sie mit ihren Produktionsanlagen, mit ihrem Kapital und ihren Ar- beitern alle Mittel an der Hand hat, die Schwierigkeiten zu be- wältigen und Schaden vom Geschäft fernzuhalten. Für Arbeiter be- deutet es eben nur Schwierigkeiten, wenn Geschäftemacher die ih- ren aus der Welt schaffen. zurück