Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Wenn in Deutschland wilde Streiks passieren
Beispiel: SKF Schweinfurt Mitte März 1988
EIN UNERWARTETER STREIK UND SEIN ABSEHBARES RESULTAT
Der Anlaß:
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Die Schweinfurter Kugellager-Fabrik SKF hatte sich bis dato kaum
an den branchenüblichen Streichungen und Senkungen der übertarif-
lichen Zulagen beteiligt. Wegen der Lohnsenkungsaktivitäten der
anderen Firmen kam es, daß die bei SKF gezahlten Löhne schließ-
lich ein ganzes Stück höher waren als anderswo. 12% über dem
Branchendurchschnitt lag der SKF-Lohn Anfang 1988. Im Zuge der
zum 1.4.1988 anstehenden Vereinbarungen über Lohn und Arbeits-
zeit, entsprechend dem laufenden mehrjährigen Tarifvertrag von
1987, wollte die SKF dieses Ärgernis nun aus der Welt schaffen.
Die SKF kündigte an, daß die "betriebsspezifische Umsetzung der
tarifvertraglich vereinbarten Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhö-
hung" nun folgendermaßen aussehen sollte: 1. volle Anrechnung der
Tariflohnerhöhung auf übertarifliche Zahlungen, also keine Lohn-
erhöhung, stattdessen Fortzahlung des alten Lohns jetzt als Ta-
riflohn und Streichung des Übertarifs im Umfang der Lohnerhöhung.
2. Keine Bezahlung eines Lohnausgleichs für die wegfallende eine
Wochenstunde, also absolute Lohnsenkung um einen Stundenlohn. 3.
die Arbeitszeitregelung sah die Umwandlung des bisherigen 3-
Schicht-Betriebes in ein 2-Schicht-System vor mit verlängerten
Schichten (bis 24.00 Uhr) unter Einbeziehung jedes 3. Samstags
als Normalarbeitstag in die Schichtpläne. Darüber hinaus wollte
die Geschäftsleitung von SKF gleich jetzt vereinbart haben, daß
mit der zum 1.4.1989 fälligen "Lohnerhöhung" und "Arbeits-
zeitverkürzung" genauso verfahren wird wie 1988. Schließlich
sollte, sozusagen im Rahmen eines Gesamtpaketes zur Reduktion der
SKF-Lohnkosten auf den branchenüblichen Durchschnitt, noch die
Beseitigung weiterer "Sozialkosten" um insgesamt DM 500.000,-
vereinbart werden (Schließung eines Ferienheimes, Streichung von
Jubilarfeiern u.ä.).
Der Grund des Streiks
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Das Einfrieren der Bruttolöhne noch unter der von der IGM ausge-
handelten Lohnsenkung auf Jahre, die Änderung der Schichtpläne,
der darin enthaltene Wegfall so mancher Nachtzuschläge und die
Ausdehnung der Normalarbeitszeit auf das Wochenende sind aber nur
die eine Seite. Allein deswegen wäre es nie zum Streik gekommen!
Der SKF-Betriebsratsvorsitzende Lang selber hatte immer Verständ-
nis dafür bekundet, daß der speziell auf SKF "lastende Kosten-
druck" in Sachen Übertarif zu Lasten der Arbeiter abgebaut werden
müsse.
In Rage gebracht hat die Kollegen von der Betriebsratsfront etwas
ganz anderes:
Erstens hatte sich die Geschäftsleitung erdreistet, ihre Be-
schlüsse in Sachen Lohn und Schichtplan einfach als nicht weiter
verhandlungsfähig hinzustellen. Da war dann gleich von "Herr-im-
Haus-Standpunkt" und "Unternehmerdiktat" die Rede. Als wäre es um
einen Deut besser, wenn die Firma zunächst auch noch Sonntagsar-
beit und weitere Streichungen des Übertarifs vorschlägt, die sie
sich dann "in langen und zähen Verhandlungen" vom Betriebsrat
wieder abringen läßt. Solche "Zugeständnisse" sind keine für den
Geldbeutel oder die Freizeit, sondern einzig dazu da, daß der Be-
triebsrat noch jede Maßnahme der Unternehmer als durch seine Mit-
wirkung abgemildert darstellen kann!
Zweitens hat die Herren von der IGM erbost, daß SKF "so viel auf
einen Schlag" streichen wollte. Na klar. Hätte SKF wie die ande-
ren Firmen schon vor 5 Jahren angefangen, am Übertarif zu kürzen,
dann stünden die SKFler heute schon da, wo die Firmenleitung sie
im Verlauf von zwei Jahren hinbringen will! Lohnsenkung, aber im-
mer! Aber bitte in homöopathischen Dosen!
Drittens wurde allgemein als "unverschämter Griff in unseren
Geldbeutel", den "wir uns nicht gefallen lassen", angesehen, daß
SKF ohne alle Not dieses Lohnsenkungsprogramm auf die Tagesord-
nung setzte: Lohnraub nannte man das und allen war klar, daß SKF
den Arbeitern "etwas wegnimmt", nur "um es in die eigene Tasche
zu stecken". Ja, wenn r o t e Z a h l e n g e s c h r i e-
b e n, Markteinbrüche abgefangen und wie immer die Arbeitsplätze
gerettet werden müßten, dann hätten die Leute schon eingesehen,
daß der Profit vorgeht und der Lebensunterhalt der Belegschaft
sich nach dem Profit zu richten hat, den die Eigentümer des
Kapitals aus ihnen schlagen. Das hält man bei uns nämlich nicht
für die Kritik einer Wirtschaftsweise, von der die Arbeiter ja
immerhin leben wollen, sondern für einen Sachzwang, gegen den
nichts geht. Aber ob er gerade vorliegt, das will man ganz genau
prüfen! Weil das die Arbeiter aber gar nicht können, beruht ihr
gerechter Unmut und ihr empörter Streikwille eigentlich nur auf
dem Versäumnis der Firma, die geplante Lohnsenkung als Antwort
auf eine furchtbar katastrophale Lage des Unternehmens genügend
auszumalen. Diese Darstellung können Arbeiter verlangen, wenn sie
schon bluten sollen! Jetzt, nach dem Streik, holt die Firma das
Jammern für die Belegschaft gebührend nach und beseitigt, so gut
sie kann, den unschönen Eindruck von w i l l k ü r l i c h e m
L o h n r a u b.
Zusammengenommen: Der Streik wurde nicht begonnen, um einfach die
von der Firma geplante Lohnsenkung nebst Wochenendarbeit zu ver-
hindern. Er wurde begonnen a u s E m p ö r u n g darüber, daß
die Firma ohne Not den Arbeitern so viel auf einmal wegnehmen
will, und das auch noch, ohne mit dem Betriebsrat nochmal darüber
zu diskutieren.
Das Streikziel
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bestand infolgedessen auch in allem anderen als der Verhinderung
der geplanten Schlechterstellung. Man wollte "die Firma zum Ein-
lenken zwingen" Zum Einlenken auf was eigentlich? Daß nicht so
viel, oder nicht alles auf einmal gestrichen wird, oder gar dar-
auf, daß nochmal darüber geredet wird, wie die Firma dasselbe nur
anders erreichen könne?
Man war im Ausgangspunkt schon entschlossen, die geplante materi-
elle Schlechterstellung in eins zu setzen mit einer angeblich
mangelnden Bereitschaft der Firma, auf ihre Belegschaft die mög-
liche und mit dem Geschäft verträgliche Rücksicht zu nehmen: Die
u n s o z i a l e, v e r a n t w o r t u n g s l o s e
H a l t u n g d e r G e s c h ä f t s l e i t u n g sollte
durch den Streik angegriffen werden.
Mit diesem "Gegner" rangieren zwei grundverschiedene Dinge ziem-
lich gleichberechtigt nebeneinander als Streikziele: Daß der Lohn
nicht gekürzt wird und/oder daß der Betriebsrat mit darüber
mitreden darf, wann, wo und wie er gekürzt wird.
Der Streik selber will deswegen auch nicht eine Geschäftsschädi-
gung herbeiführen, angesichts derer sich die Unternehmensleitung
überlegen muß, ob sie die Lohnsenkung nicht lieber bleiben läßt.
Ein solcher Streik d r o h t vielmehr damit, daß man, wenn die
Unternehmer schon so egoistisch sind, nur an sich zu denken, als
Arbeiter glatt darauf verfallen könnte, auch rücksichtslos zu
werden; - gerade weil man die Rücksicht auf Betrieb und Profit
und die eigene Ausnutzung, von der man leben will, nicht angrei-
fen möchte.
Daß bei dieser Absicht zum Warnstreik ein richtiger Streik her-
auskam, an dem 4 Tage lang "alle Räder still" standen, hat weder
die Belegschaft, noch der Betriebsrat gewollt. Dazu wurden beide
mehr genötigt durch die kompromißlose Zurückweisung, die ihr An-
liegen von Seiten der Geschäftsleitung erfuhr: R e d e n
k ö n n e m a n i m m e r, a b e r i n d e r S a c h e
d ü r f e s i c h n i c h t s ä n d e r n, ließ die Firma die
Unterhändler wissen, und so kam es, daß die Streikenden, die den
Betrieb nur zur schiedlich-friedlichen Technik zurückpfeifen
wollten, mit der in der BRD jede Schweinerei des Kapitals durch-
geht, auf einmal beleidigt s t r e i k e n m u ß t e n, weil
die Firma den Willen zum Kompromiß so gar nicht zeigte. Je länger
der Streik ging, desto verbitterter und hilfloser wurden die
Streikenden.
Das Ende des Streiks
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war deswegen vorprogrammiert. Völlig entsetzt darüber, daß die
Drohung der Belegschaft mit Kampf von der Firmenleitung einfach
als Kampfansage genommen und beantwortet wurde, ergriffen die Be-
triebsräte bereitwillig die erste beste Gelegenheit zum Einlen-
ken.
Diese bestand dem Inhalt nach in einer Wiederholung des
"Firmendiktats":
- Schichtpläne sind bis zum 1.4.1988 zu verabschieden, nötigen-
falls mit Schnellschlichtung;
- Lohnsenkung ist im geplanten Umfang und Zeitraum herzustellen.
Verhandlungsbereitschaft wurde darüber signalisiert, wie man die
Gesamtsumme an Lohnsenkung durch Änderung der Entlohnungsfaktoren
erreichen könne, ohne daß die "Tariferhöhung" einfach auf den
Übertarif angerechnet wird.
Betriebsrat Lang hat den Streik deswegen auch mit folgender schö-
ner "Erfolgsmeldung" abgeblasen: "Kollegen, geht wieder an die
Arbeit. Wir haben Gesprächsbereitschaft erzwungen. Dafür mußten
wir einige dicke Kröten schlucken. Aber es gibt Verhandlungen,
und ich sehe Chancen für eine Einigung."
Der Streikerfolg
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besteht also in einem: Die üblichen Verfahren (Verhandlung,
Schlichtung, Betriebsvereinbarung) in der schiedlich-friedlichen
Durchsetzung der Kapitalinteressen gegen die Arbeiter sind wieder
voll in Kraft gesetzt. Dafür kann man dann getrost alle materiel-
len Belange der Arbeiter als Verhandlungsmasse einbringen und
aufgeben. Das sind dann die "dicken Kröten", die "wir" für den
Kompromiß (zwischen was eigentlich?) schlucken mußten.
Der Streik hat deswegen seine Sieger. Die Arbeiter gehören weiß
Gott nicht dazu: Zum einen die Kapitalisten; denen wurde in
nichts bestritten, was sie als gewinnförderlich auf die Tagesord-
nung gesetzt haben. Zum anderen die IG Metall; sie hat ihre 35-
Stunden-Sonne vor Schande bewahrt: den Flexi-Vertrag von 1987
wollte sie nicht direkt als Mittel der Schlechterstellung der
Mannschaft entlarvt sehen. Jetzt werden die Tariferhöhungen ge-
zahlt, der Übertarif belassen - und die Lohnsenkung in ähnlichem
Umfang über eine Reform des betrieblichen Entlohnungssystems or-
ganisiert.
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