Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Vorbildliches Betriebsklima bei Rodenstock:
ES TRIFFT IMMER NUR DIE RICHTIGEN!
Bei Rodenstock ist alles paletti. Die Rationalisierungsfirma Mc-
Kinsey ist Dauergast, erkundet, welche Arbeit überflüssig ist,
und die Betriebsleitung schreibt die Entlassungen. Wer davon be-
troffen ist, schämt sich heftig, packt sein Bündel und hofft, daß
die Sozialplanformel günstig für ihn ausfällt. Und der Betriebs-
rat rettet in bewährter Manier immer noch all die Arbeitsplätze,
die nicht oder noch nicht bedroht sind.
Der Chef ist inzwischen nicht müßig. Er sortiert die politische
Konjunktur danach, welche Profitmöglichkeiten sie ihm bietet,
wird gegenüber dem Werk Regen wegen auslaufender Grenzlandförde-
rung immer skeptischer, hält jetzt aus naheliegenden Gründen doch
am Standort Westberlin fest und knüpft eifrig Kontakte mit der
DDR, in der er sich ganz neue Geschäfte verspricht. Zuhause läßt
er seinen Betrieb von allem überflüssigen Arbeitermaterial säu-
bern, das nicht den erwünschten Profit erarbeitet, beeindruckt
Betriebsrat und Belegschaft mit der "Gefahr" roter Zahlen und
gönnt den "sehr geehrten Mitarbeitern" seine höchstpersönliche
Anwesenheit bei Weihnachtsfeiern. Alles in allem also ein west-
deutscher Bilderbuchkapitalist, auf den wir alle stolz sein kön-
nen.
Die Arbeitnehmer von Rodenstock lassen es sich nicht nehmen, die
dazu passende Bilderbuchbelegschaft zu stellen. Die arbeitet, was
sie muß und solange sie darf, läßt sich von den Bilanzzahlen der
Firma schwer beeindrucken, geht stempeln, wenn es sein muß, und
ist dankbar, daß es auch dieses Mal wieder Weihnachtsgeld gegeben
hat.
Daneben sehen sich die Arbeitnehmer von Rodenstock offensichtlich
veranlaßt, sich genauso sympathisch aufzuführen wie ihr Chef. Die
vorgestellte Misere "ihres" Betriebs treibt sie dazu, ganz ohne
Auftrag von oben sich die Sorgen zu machen, die sie für die Sor-
gen des Betriebs halten: Wo Rodenstock McKinsey beauftragt,
A r b e i t s p l ä t z e und F u n k t i o n e n überflüssig
zu machen, wenn sie nicht zum Profit der Firma beitragen, und den
jeweiligen Arbeitern als A n h ä n g s e l dieser Arbeitsplätze
und Funktionen die Kündigungen ausspricht; wo Rodenstock aus-
schließlich kapitalistische Gründe gelten läßt, aus denen einer
zu gehen hat, also ganz u n a b h ä n g i g v o n d e r
P e r s o n der Lebensunterhalt der Betroffenen gestrichen wird,
hat die Belegschaft schon längst die g a n z
p e r s ö n l i c h e n B e g r ü n d u n g e n dafür gelie-
fert, warum der es so und nicht anders verdient hat. In Kenntnis
der laufenden und anstehenden Entlassungen praktiziert die Ar-
beitnehmerschaft von Rodenstock seit geraumer Zeit ihr eigenes
nettes Entlassungsspiel: Da gehört der eine schon lange weg, weil
er zu alt ist, die andere, weil sie angeblich am Stück krank fei-
ert, der und der drücken sich, wo sie nur können, und der Soundso
ist sowieso ein alter Depp.
Die Arbeitsteilung funktioniert prächtig, und das Betriebsklima
ist entsprechend blendend - für Rodenstock. Der wird sich zwar
hüten, die dummen Maßstäbe der Belegschaft zum Anlaß für irgend-
eine Maßnahme zu nehmen. Aber eine bedingungslosere Zustimmung zu
dem, was er gegen die Belegschaft durchziehen will, kann er gar
nicht mehr bekommen. Wen er auch entläßt, es trifft immer den
Richtigen. Das bestätigen ihm ausgerechnet die, unter denen er
seine Opfer schafft. Die zählen nicht ihren eigenen Schaden, son-
dern betrachten sich wechselseitig als durchaus vermeidbaren
Schaden für die Firma, wenn man nur auf sie hören würde.
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2 x echt sozial
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1. Der Unternehmer:
"Mir ist es ein besonderes Anliegen, Ihnen vor Augen zu führen,
daß wir trotzdem unsere seit Jahrzehnten bewiesene soziale Hal-
tung nicht aufgegeben haben. Für Auflösung des Arbeitsverhältnis-
ses haben wir bis zum 1. 11. 89
2,9 Mio DM Abfindungen bezahlt."
2. Der Betriebsrat:
"Damit die aufgezeigten Maßnahmen nicht in voller Härte unsere
Mitarbeiter treffen, werden die Betriebsräte versuchen, die von
McKinsey vorgeschlagenen Rationalisierungs- und Personalabbau-
Pläne auf das menschlich Vertretbare zu reduzieren. Die Inha-
berschaft hat schließlich den Ruf zu verlieren, ein sozial einge-
stellter Arbeitgeber zu sein."
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