Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Umbau der "Queen" auf der Lloyd-Werft:
STOLZ WIE OSKAR - WORAUF EIGENTLICH?
Die Arbeiter auf der Lloyd-Werft können zurecht stolz auf sich
sein, so liest man in der Presse. Sie sollen angeblich ein
"kleines Wunder vollbracht" haben und beim Umbau des Luxusliners
"Queen Elizabeth" einen "Wettlauf gegen die Zeit" gewonnen haben.
Wenn man die Berichterstattung hört, möchte man fast meinen, die
Arbeiter auf der Werft hätten den Umbauauftrag "Queen" an Land
gezogen, um als "Helden der Arbeit" ins Guiness-Buch der Rekorde
einzugehen.
Diese Darstellung deckt sich nicht mit unseren Kenntnissen des
Werftalltags. Unseres Wissens kamen die Arbeiter nämlich auf der
"Queen" wie bei jedem Reparaturauftrag sonst als B e f e h l s-
empfänger der Werft vor. Und auch den Umbauzeitraum von 179 Tagen
haben sich nicht die Arbeiter vorgenommen, um mal ein echtes
Meisterstück abzuliefern. Es wurde ebenso von der Werftleitung
vereinbart wie die bei Überschreitung des Vertragszeitraums
fällige Konventionalstrafe.
Die Werft hat nämlich die Kürze der Umbauzeit, wie bei Reparatur-
aufträgen üblich, als Konkurrenzmittel gegen andere Werften ein-
gesetzt. Mit diesem von der Werft geschaffenen Zeitdruck stand
für die Arbeit der Belegschaft einiges fest: Es war beschlossen,
daß auf dem begrenzten Raum auf der "Queen"
g l e i c h z e i t i g alle möglichen Arbeiten stattfindet und
das eine v i e l s e i t i g e B e h i n d e r u n g dieser
Arbeiten nach sich zieht. Man kann eben die neue Einrichtung des
Schiffes nicht anbringen, wenn die alte noch nicht rausgerissen
ist. Die Werftleitung hatte, gar nicht faul, eine erste Lösung
für dieses Problem zu bieten: Wenn man nur 179 Tage vorgesehen
hat und doch Zeit gewinnen muß, dann macht man eben aus jedem Tag
drei Arbeitstage. Wozu hat der Tag schließlich 24 Stunden! Also
wurde Arbeit rund um die Uhr verordnet. Daß dieser Werftbeschluß
eventuell an der (Frei-)Zeitplanung der Arbeiter scheitern
könnte, ist der Geschäftsleitung dabei nicht im Traum eingefal-
len. Daß die Belegschaft der total verplanbare Bestandteil des
Werftinventars ist, war eben allen Beteiligten selbstverständ-
lich. Klar wie Kloßbrühe war also auch, daß die Arbeiter bei al-
len Widrigkeiten, die eine knappe Zeitplanung nach sich zieht,
ordentlich Leistung abzuliefern hatten. In jeder einzelnen Stunde
war also für volles Programm gesorgt. Daß dabei Kollisionen der
einzelnen Arbeiten fest eingeplant waren, ergibt eben einen
zusätzlichen Auftrag an die Belegschaft: Wenn es machbar ist,
dann verlegt ein Arbeiter auch dann seine Kabel, wenn gleichzei-
tig ein anderer am selben Ort mit seinen Rohren rumfuhrwerkt. Ma-
chbar ist z.B., daß die Arbeit auf hoher See stattfindet, wenn
sich die Probefahrt verzögert. Ein Arbeiter macht eben alles, was
gehen soll. Was ihn das kostet, braucht die Werft wirklich nicht
in Betracht zu ziehen, wenn das nicht mal der Arbeiter selber
tut. So gab es für die Werft nur ein einziges Risiko: Daß nämlich
Verzögerungen auftreten könnten, die durch das Auspowern der Be-
legschaft nicht fristgerecht zu bereinigen wären. Wenn man mit
Arbeitern alles anstellen kann, scheitert man eben höchstens noch
an der Tücke des Materials. Der Mut zu d i e s e m Risiko wurde
der Werftleitung gelohnt. Sie kann stolz sein, daß sie es mal
wieder "wagte", die Arbeiter als Ausputzer für alles und jedes
einzusetzen und damit Erfolg hatte. Auch die Arbeiter haben
natürlich Grund, sich an die Brust zu schlagen: Schließlich haben
sie der Geschäftskalkulation von Lloyd zum x-ten Mal den Deppen
gemacht.
Aber vom Gewinn der Werft wollen wir gar nicht reden. Um den ging
es nämlich sowieso nicht. Der Gewinn, auf den es der Werft ei-
gentlich angekommen sein soll, bestand darin, "daß wir alle Mit-
arbeiter beschäftigen konnten" (so der Werftchef im Weser-Ku-
rier). Dieser Mann will seine Belegschaft natürlich nicht verar-
schen. Daß er sie hat antreten lassen, hat er ganz einfach nur
für sie getan. Wirklich nobel.
Aber übersehen wir nicht den wahren Kern dieses Geseiches. Hier
verspricht ein herzensguter Mann schlicht und einfach, daß er die
lieben Mitarbeiter n a c h B e e n d i g u n g des Auftrags
"Queen" wohl kaum weiterbeschäftigen, auf deutsch: weiterbezahlen
wird. Kurzarbeit und Entlassungen sind angesagt. Ein schöner Aus-
gleich für die Beschäftigten. Nach einer Phase der
Über a r b e i t gibt's zur Abwechslung mal wieder Kurz l o h n.
Daß die Belegschaft dann im August für den Umbau der "Norway"
wieder voll zur Verfügung steht, ist also gesichert. Bis dahin
sorgt die Ebbe im Geldbeutel todsicher dafür, daß die Belegschaft
wieder für Überstunden dankbar sein muß. Denn die Lohnschwemme
der letzten Wochen war so üppig, daß sie nicht mal für den bil-
ligsten Platz auf der "Queen" gereicht hätte, wie der Weser-Ku-
rier humorig vermerkt. Zeitungsfritzen sind eben geübte Zyniker,
die wissen, was einem Arbeitsmann zusteht und was nicht.
Verdient haben sich die Werftler keine goldene Nase, sondern
einen warmen Händedruck und tiefen Respekt. Sie haben die Werft,
Bremerhaven und die ganze Republik mit Ruhm bekleckert und den
teetrinkenden Tommies gezeigt, was eine Harke ist. Die englischen
Werftarbeiter hätten die "Queen" nämlich verschlafen, während wir
Deutschen uns als Weltmeister im Schiffbau erwiesen haben, auch
wenn der Kohl nicht mal weiß, wo Bug und Heck liegen.
"Tusch, Glückwunsch - 'Made in Germany' ist Weltspitze. Pünktlich
um 11.33 Uhr gab gestern die Lloyd-Werft in Bremerhaven der bri-
tischen Cunard-Reederei ihr Flaggschiff "Queen Elizabeth" zurück.
... Eine Leistung, die stolz macht." (Bild am Sonntag, 26.4.87)
Dieses schöne Gefühl läßt die Lloyd-Arbeiter auch während der
Kurzarbeit sicher nicht im Stich, zumal die ideellen Werte be-
kanntlich besonders langlebig sind!
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