Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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ARBEITEN LERNEN BEI KRUPP-ATLAS
Bei Krupp-Atlas hat die Lehrlingsausbildung "Vorzeigecharakter" -
ein Umstand, auf den der Betrieb immer mal wieder mit einem dic-
ken Eigenlob hinweist.
Krupp-Atlas ist eben keine beliebige Klitsche, und die Lehrlings-
ausbildung ist keine Klitschenausbildung. Der Betrieb legt viel
Wert darauf, daß das betriebliche Ausbildungsprogramm nicht ein-
fach "arbeiten lernen" heißt, sondern den vornehmen Titel
"Qualifikation" trägt. Bei Krupp-Atlas kann oder besser: d a r f
man auch erst n a c h dieser Ausbildung, eben als
"Qualifizierter", an einen MBB-Arbeitsplatz; im Unterschied zu
Betrieben, wo man dort schon vorher als Lehrling "ausgebeutet"
wird - sprich: arbeiten m u ß. Mit einem Ausbildungsvertrag von
Krupp-Atlas in der Tasche lernt man in einer modernen Lehrwerk-
statt, an modernen Maschinen und unter Aufsicht von qualifizier-
ten Lehrmeistern, und der vorgeschriebene Ausbildungsplan steht
nicht nur auf dem Papier. Und nicht nur in "Theorie" bietet
Krupp-Atlas seinen Azubis sogar mehr als im gegenwärtig noch gül-
tigen Ausbildungsplan überhaupt vorgeschrieben ist. Ob allerdings
deshalb die Lehrlingsausbildung hier tatsächlich einem so anderen
Zweck dient als dort, wo nach allgemeiner Auffassung Lehrlinge
bloß ausgenutzt und fürs Geschäft m i ß braucht werden, steht
auf einem anderen Blatt.
Ausbildungsziel: ein Handlanger, der sich auskennt
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Von den angehenden Dreher und Universalfräsern ist einiges mehr
verlangt als b l o ß das Umgehenkönnen mit den Maschinen, die
sie später bedienen sollen:
"So verwirrend die Begriffe, so kompliziert sind die Anforderun-
gen, die dahinter stehen. Als fertige Facharbeiter müssen die Ab-
solventen dieser Ausbildungsgänge sich mit komplexen, verketteten
Systemen auskennen.
Technologie, Mathematik und Zeichnen stehen deshalb schon längst
auf dem Lehrplan der internen Schulungen, mit denen Krupp-Atlas
den Berufsschulunterricht in eigener Regie ergänzt. Schwierig für
die Ausbilder auch die große Bandbreite der Fähigkeiten, die ver-
mittelt werden müssen. Nach der Lehrzeit muß der Auszubildende
ebenso das Feilen beherrschen, das der Lehrplan verlangt, wie
auch Kenntnisse der Steuerungs- und Regelungstechnik besitzen."
Die Lehrlingsausbildung erscheint hier als eine ziemlich belie-
bige Zusammenstellung von Bröckchen naturwissenschaftlicher,
technischer und handwerklicher Kenntnisse und Fertigkeiten. Als
deren Gemeinsamkeit läßt sich nicht viel mehr ausmachen, als daß
sie alle i r g e n d w i e mit den späteren Arbeitsplätzen der
angehenden Metallfacharbeiter zu tun haben - oder jedenfalls ha-
ben k ö n n t e n. Fragt sich bloß, wie. Was etwa die verlang-
ten Kenntnisse in "Technologie" oder "Steuer- und Regelungstech-
nik" angeht, so steht eines auf jeden Fall fest: das
B e h e r r s c h e n irgendeines Trumms aus diesen Wis-
sensgebieten so, daß der fertige Lehrling dann etwa dem Kapital
als Ingenieur oder Konstrukteur von Maschinerie dienen könnte,
ist sicherlich nicht der Sinn der Veranstaltung. Schließlich sind
die Krupp-Atlas-Lehrlinge ja gerade deshalb in der Ausbildung zum
Fach a r b e i t e r, weil ihr schulischer (Miß)erfolg ihnen ge-
rade nicht den Zugang zu den Stätten höherer Bildung eröffnet
hat, über die man hierzulande bloß in die besser bezahlten Berufe
gelangen kann. Ihre spätere Tätigkeit besteht nicht darin, das
betriebliche Interesse durch die Bereitstellung "modernster Tech-
nologie" zu befördern, sondern darin, die fertigen Ergebnisse
dieser Wissenschaften in der Form des betrieblichen Ma-
schinenparks zu b e d i e n e n, - und das heißt, sich den An-
forderungen zu unterwerfen, die der Betrieb mit dem Einsatz die-
ser Maschinerie definiert. Was Arbeiter da zu tun haben, ist ih-
nen von der Organisation des Arbeitsplatzes vorgegeben. Wozu da
über "Kenntnisse" der oben genannten Art verfügen?
Krupp-Atlas sieht die Sache offenbar so: damit spätere Facharbei-
ter später mit moderner Maschinerie an ihrem Arbeitsplatz
zurechtkommen, ist es nützlich, wenn ihnen bereits vorher etwas
ü b e r sie vermittelt wird. B l o ß stumpfsinnige Handlanger,
die bei jedem Maschinenausfall, bei jeder Unregelmäßigkeit gleich
zum Vorarbeiter oder Meister rennen, sollen sie eben auch nicht
sein. In der Lehrlingsausbildung sieht der Betrieb eine Handhabe,
an der P e r s o n des Facharbeiters einen kleinen Widerspruch
zu beseitigen, den der Betrieb selbst mit der ständigen Vereinfa-
chung und Vereinseitigung der Arbeit am A r b e i t s p l a t z
eingerichtet hat. Der wird so gestaltet, daß z.B. Maschinenbedie-
ner bloß noch Knöpfchendrücken m ü s s e n; wenn sie aber auch
bloß das k ö n n e n, muß bei jeder lockeren Schraube oder je-
dem Fehler im Programm gleich ein Reparaturtrupp oder ein Pro-
grammierer antreten. Was nach der einen Seite ein Mittel zur Ko-
stensenkung ist, erweist sich so nach der anderen Seite, wenn der
Produktionsfluß gestört ist, als kostensteigernd. Daraus erwächst
das betriebliche Interesse an seinen "qualifizierten" Arbeitern:
sie sollen, welche Anforderungen auch immer der Arbeitsplatz ge-
rade stellen mag, sich ihnen stellen und sie möglichst schnell
und geschickt bewältigen können. Das möchte der Betrieb schon
vorweg, als F ä h i g k e i t des späteren Arbeiters trainiert
sehen. Sich s o w e i t auskennen, daß man zweckmäßig - im be-
trieblichen Sinne - seine Pflicht als Leistungsträger erfüllen
kann: das macht Krupp-Atlas zum Inhalt einer vorweg zu erlernen-
den Facharbeiterqualifikation.
Die Ausbildung wird immer moderner -
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die Arbeit immer stumpfsinniger.
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Eine eindeutige Auskunft darüber, was dem Lehrling denn nun genau
beigebogen werden m u ß und was er k e i n e s f a l l s
b r a u c h t, läßt sich dieser Bestimmung seiner späteren
Qualifikation allerdings gerade nicht entnehmen. Aus dem
Verlangen, ein "qualifizierter Arbeiter" soll jemand sein, der
nicht (nur) ein bestimmtes Fach beherrscht, sondern so etwas wie
ein überall (billig) einsetzbares Produktionshelferlein, ein
quasi universelles Lückenfüllsel der modernen Maschinerie in Per-
son ist, läßt sich nämlich überhaupt nicht ableiten, was denn nun
genau an Kenntnissen der Elektrotechnik, Werkstoffkunde, Regel-
technik, Konstruktionszeichnen usw. usf. nötig w ä r e, damit
so ein Arbeiter hinterher allen Anforderungen genügt, die die Ar-
beitsplätze im modernen Flugzeugbau und seine noch zu erwartenden
moderneren Weiterentwicklungen ihm noch abverlangen
k ö n n t e n. Ein bißchen von allem, ein Sammelsurium von
"Grundkenntnissen", praktischen Techniken des Umgangs mit der
einen oder anderen Maschine samt überhauptiger "Anstelligkeit" -
so ungefähr sieht der ideal ausgebildete moderne Facharbeiter
aus.
Vor dem Ideal dieser seltsamen, allumfassenden persönlichen Fa-
brikqualifikation, die die Ausbildungswerkstatt dem Betrieb - ei-
gentlich - liefern sollte, erscheint logischerweise noch so gut
wie jede b e s t i m m t e Fachausbildung als eigentlich unzu-
reichend. Also erweitern Betriebe wie Krupp-Atlas ihre "theo-
retische" Ausbildung ständig um alle möglichen Zusatzbereiche -
und glauben am Schluß noch selbst daran, daß der "technische
Fortschritt" auch die Fabrikarbeit immer mehr zu einem
"intellektuellen" Beruf macht, bis hinunter zum Teilezurichter.
So macht Krupp-Atlas auch für seinen Arbeiternachwuchs ernst mit
der Ideologie, daß man schon etwas Besonderes sein muß, bevor man
überhaupt in seine Drecks-Lohnhierarchie einsteigen darf.
Fleiß, Ordnung und Anstand dürfen als Ausbildungsinhalte auch
nicht zu kurz kommen - egal, ob man "Disziplin" an der CNC-Ma-
schine oder an der althergebrachten Drehbank beigebogen bekommt.
I n s o f e r n ist es kein Wunder, daß neben dieser "modernsten
Maschinerie" auch das altertümliche Feilen seinen Platz im Aus-
bildungskanon bewahrt hat. Schließlich trifft auch fürs Feilen
zu, daß es eine Art und Weise ist, mit M e t a l l umzugehen,
dessen Materialeigenschaften k e n n e n z u l e r n e n und in
der Konzentration auf die Fertigstellung eines Werkstückes seine
Bereitschaft zu demonstrieren, noch die letzte Anforderung zu er-
füllen, die der Betrieb einem aufmachen könnte. Mit hand-
werklichem Geschick, technologiekundlicher Aufgewecktheit plus
jede Menge M e r k e n von Formeln, Schaltplänen usw. trainiert
man ja auch immer die G e w o h n h e i t, sich gegenüber den
Anforderungen des Betriebes zu disziplinieren und sich auf den
Standpunkt zu stellen, daß man auf jeden Fall das zu schaffen
hat, was der Arbeitsplatz einem gerade als Leistung samt Lärm,
Dreck, Gift usw. aufnötigt. Diese Gewohnheit ist deshalb so wich-
tig, weil die Ausbildung für einen Job qualifiziert, den man ein
Leben lang nicht loswird: Lohnarbeiter. Der Gesichtspunkt, daß
die Arbeit sich für einen selbst lohnen soll - sowohl, was das
Ergebnis in Mark und Pfennig angeht, als auch hinsichtlich des
physischen Zustandes, in dem man nach ein paar Jährchen dieser
Sorte Tätigkeit aus der Fabrik kommt - ist einer, den jeder ange-
hende Lohnarbeiter möglichst schnell v e r lernen muß, weil er
dem Standpunkt des Schaffens der Arbeit für den Betrieb auf jeden
Fall widerspricht.
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