Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Alle Welt meint, man verdient, was man verdient, wegen seiner
Leistung. Das ist falsch.
Warum verdient wer wieviel?
DER MEISTER
ist nicht einfach ein Arbeiter, der alle Arbeitsvorgänge in sei-
ner Abteilung kennt und einen Überblick über ihren technischen
Zusammenhang hat. Der Meister braucht auch nicht jeden Handgriff
so im Schlaf zu beherrschen wie der langjährige Spezialist dafür.
Er wird nämlich nicht dafür bezahlt, daß er selbst die Arbeit
macht, sondern dafür, daß er die Arbeit der anderen kommandiert
und beaufsichtigt. Dafür ist er Angestellter und bekommt seine
5000 Mark oder mehr.
Für diese Leitungsfunktion ist eine Meisterprüfung zwar unerläß-
lich, bei seiner täglichen Arbeit hilft ihm dieser Qualifikati-
onsnachweis dagegen herzlich wenig. Was er braucht, ist ein klei-
nes Büro mit einem Telefon und ein Paar aufmerksame Augen, denen
keine Störung in seiner Abteilung entgeht.
Die erste Verantwortung des Meisters liegt darin, daß der Produk-
tionsprozeß ohne Störung mit der geforderten Geschwindigkeit ab-
läuft. Dazu hat er bei Schichtbeginn zu prüfen, ob seine Mann-
schaft auch vollständig versammelt ist. Es ist nämlich keineswegs
sicher, daß die Arbeit so weitergehen kann wie in der Schicht
vorher. Da gibt es z.B. den Krankenstand, über den sich der Mei-
ster ärgert, weil ihm die deshalb erforderliche Umgruppierung
seiner Leute oder die Anforderung von Aushilfskräften zusätzliche
Arbeit machen. Eine Unterbesetzung seiner Abteilung stellt das
Produktionsergebnis in Frage, für das er geradezustehen hat. Die
eigentliche Auftrags- und Produktionsplanung passiert zwar in den
Planungsstäben der Firma, der Meister hat diese Pläne aber in
seinem Büro ebenfalls genau zu studieren, weil er als Kontrollor-
gan des Betriebes die Erfüllung dieser Vorgaben in der Produkti-
onsabteilung zu überwachen hat. Ob die Planerfüllung mit dem vor-
handenen Personal sichergestellt ist oder nicht, hat der Meister
tagtäglich festzustellen und nach oben zu melden.
Bei der Einteilung seiner Leute paßt er auf. Zwar bekunden alle,
die gekommen sind, mit ihrer Anwesenheit ihre Arbeitsfähigkeit
und ihren Arbeitswillen, aber das ist noch nicht alles. Aus Er-
fahrung kennt der Meister seine Pappenheimer und weiß, wer wie
und wo brauchbar und einsetzbar ist. Dafür macht er Kontroll-
gänge. Die Arbeiter wissen diesen persönlichen Service zu schät-
zen. Die Fehler dürfen sich nicht häufen, denn der Meister merkt
sich das, um es bei unpassender Gelegenheit wieder in Erinnerung
zu bringen. Wenn er so sein Arbeitermaterial taxiert, damit der
Laden läuft, hat das nicht unerhebliche Folgen für die kleinen
Karrieren seiner Untergebenen. Sein Urteil entscheidet nämlich
darüber, wer die unangenehmeren und schlechter bezahlten Ar-
beitsplätze in der Abteilung bekommt, ob jemand ewig in seiner
Lohngruppe bleibt und nicht befördert wird.
In diesem Sinne hat er auch bei der personenbezogenen Leistungs-
beurteilung des Betriebes das Entscheidungsrecht. Bei Entlassun-
gen hat er ein Vorschlagsrecht. Kommt von oben die Anordnung, daß
Personal eingespart werden muß, so weiß er, wer ab sofort nicht
mehr in seine Mannschaft paßt. Soll die Produktion dagegen mit
Überstunden oder Sonderschichten hochgefahren werden, so hat der
Meister dafür Sorge zu tragen, daß seine Leute auch mitmachen.
Seine Überredungskunst ist jetzt gefragt: Wenn die da oben ihn
wegen einer guten Auftragslage in diese "Zwangslage" bringen,
dann können die Kollegen ihren Meister doch nicht im Stich las-
sen, wenn's denn nun mal sein muß, daß die Firma auf ihrer Mehr-
arbeit besteht. Wer das freiwillig nicht einsieht, dem hilft der
Meister mit dem Hinweis auf ganz andere "Zwangslagen", bei denen
der Kollege auf sein Wort angewiesen ist, auf die Sprünge.
In solchen Wechselfällen des Betriebsalltags zeigt sich, ob er
der Doppelrolle eines Vorgesetzten und Angestellten, der in der
Leitungshierarchie einer Firma die unterste Kapitalistenfunktion
ausfüllt, gewachsen ist. Gegenüber seinen Leuten setzt er alle
aktuellen Betriebsnotwendigkeiten durch. Was jeweils ansteht,
fällt jedoch nicht in seine Kompetenz. Er erhält die jeweils ak-
tuellen Produktionspläne von oben und hat für ihre termingerechte
Abwicklung zu sorgen. Gegenüber seinen höheren Dienststellen ist
er als Repräsentant seiner Abteilung lediglich Erfüllungsgehilfe
bei der Abwicklung ihrer Planvorgaben.
So ein Meister tut sich schwer mit seiner Verantwortung: Er gibt
sie mit seiner tatsächlichen oder möglichen Anwesenheit an die
Belegschaft weiter und sorgt dafür, daß die tut, was sie soll.
Vom Kommando des Meisters hängt einiges ab für die, die ihm un-
terstehen. Ob er diesen Job mehr als Feldwebel oder mehr kolle-
gial macht, macht keinen Unterschied in der Gemütlichkeit.
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