Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter


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       MAN - GHH
       

SO NUTZEN WIR UNSERE CHANCEN

Betriebsöffentlich hat vor einigen Tagen GHH-Vorstandssprecher BECK die beschlossene Umstrukturierung des Nürnberger Werks er- läutert: Turbinenbau und Schienenfahrzeugbau werden geteilt und jeweils selbständig, betrieben. Dies sei erforderlich, um für beide Abteilungen die seit langem angestrebten F u s i o n e n mit bislang konkurrierenden Firmen durchzuführen. Das wiederum soll dafür sorgen, daß dann mit erheblich gesteigerter Kapital- größe die C h a n c e n genutzt werden können, die die Vollen- dung des einheitlichen europäischen Binnenmarkts in den nächsten Jahren eröffnet. Kein Zweifel: Die MAN-GHH sieht sehr günstige Perspektiven - und was die für ihre Belegschaft alles einschließen, sagt sie gleich dazu: Entlassungen dank Fusionierung ------------------------------ Den gesamteuropäischen Binnenmarkt, wie es ihn in ein paar Jahren geben soll, als Chance des Profits zu behandeln, ist das Pro- gramm, sich neue Marktanteile zu erobern. Und zwar dadurch, daß man Turbinen und Schienenfahrzeuge künftig preisgünstiger anbie- tet und so der Konkurrenz Aufträge abjagt. Was dazu zu tun ist, weiß ein Unternehmen allemal: Je größer die Stückzahl eines Arti- kels ist, die man produziert, desto günstiger lassen sich für die Firma die Herstellungskosten gestalten. Darauf kommt es an, wenn man mit gesenkten Verkaufspreisen ein Geschäft machen will. Und das ist die Idee der MAN bei ihren Fusionsplänen: Zwei Firmen sollen ihr Kapital so zusammenwerfen, daß ihr dann gemeinsamer Produktionsausstoß weniger Kosten verursacht: - dadurch, daß sämtliche Entwicklungs-, Konstruktions- und Ar- beitsvorbereitungsarbeiten nur noch einmal statt wie bisher hier und dort erledigt werden; - dadurch, daß sich alle Verwaltungsarbeiten ebenso reduzieren lassen, dank eines Einkaufs, eines Verkaufs usw.; - dadurch, daß die maschinellen Anlagen besser genutzt werden aufgrund der vergrößerten Stückzahlen in der gemeinsamen Produk- tion; - dadurch, daß Investitionsnüttel in ganz anderem Umfang zu Ver- fügung stehen, dank gesteigerter Kapitalgröße, und daß sich so manche Rationalisierungen in Anbetracht der produzierten Stück- zahlen lohnen, die bei geringerem Produktionsausstoß gar nicht erst in Frage kämen. Mit einem Wort: Die künftige Durchsetzung der MAN als Teil einer fusionierten Firma auf dem europäischen Markt - das geht genau dadurch, daß an den Kosten gedreht wird, die die A r b e i t dem Kapital verursacht. Sie müssen gesenkt werden für die Vergrö- ßerung des Profits durch die Eroberung neuer Märkte. Weil Profit der Zweck ist, um den es beim kapitalistischen Wirtschaften geht, schließen eben nicht einmal Chancen des Geschäfts und günstigste Perspektiven des Kapitals für die Beschäftigten so etwas ein wie rosigere Zeiten. Im Gegenteil: Immer besteht die Nutzung dieser Chancen darin, die Kosten der Produktion zu verringern, also an den Löhnen zu sparen. Herr BECK hat daran keinen Zweifel gelas- sen. Natürlich, solange die Fusionsgespräche nicht abgeschlossen sind und noch nicht einmal raus ist, wo wieviel und was produziert und verwaltet wird, lassen sich Entlassungszahlen noch nicht nennen. Aber fest steht für die : Um sich neue Marktanteile zu erschlie- ßen, sind für den Turbinenbau und den Schienenfahrzeugbau Fusio- nen fällig, was manchen Beschäftigten seinen Lohn kosten wird. Bevor aber die glänzenden Aussichten der Fusionierungen ihre so unwidersprechlichen Opfer einfordern, bereitet sich die Firma auf diese Zukunft vor, indem sie die Geschäftsbereiche verselbstän- digt. Und auch das ist nicht ohne das Abwerfen von Lohnballast zu haben: Entlassungen vor der Fusionierung --------------------------------- Die zentralen Verwaltungsbereiche der GHH nämlich werden zum großen Teil jetzt aufgelöst. Und den beiden selbständigen Firmen Turbinenbau und Schienenfahrzeugbau werden jeweils so ver- kleinerte Verwaltungs- und Gemeinkosten zu verselbständigen, er- geben sich allein aus dieser Verselbständigung Gesichtspunkte, wie man den bisherigen Gemeinkostenlohn neu betrachten kann: Die nicht-gewerblichen Kostenstellen werden vom Standpunkt jeder der neuen Betriebseinheiten auf ihre Notwendigkeit hin begutach- tet. Möglichst alles, was nicht unmittelbar dem Turbinenbau oder dem Schienenfahrzeugbau zugerechnet werden kann, soll wegfallen. Das reicht von der Auflösung zentraler Verwaltungsabteilungen, die den Standort Nürnberg insgesamt verwaltet haben, bis zur Ab- schaffung des Bautrupps, der für keine der Teilfirmen der ehema- ligen Nürnberger Gesamtauslastbar und brauchbar ist. Schon jetzt greifen alle anderen MAN-Teilbereiche gar nicht mehr quasi auto- matisch auf eine solche Abteilung einer Schwesterfirma zurück, sondern beauftragen gegebenenfalls irgendeinen Bauunternehmer aus der Umgebung, wenn er nur billiger ist. Kaum wird also vom Stand- punkt jeder der Rumpffirmen aus beurteilt, was gerade für sie nö- tig ist, fällt prompt einiges an Funktionen, Abteilungen und Löh- nen flach. So also nutzt die "unsere Chancen". Erst, indem sie die Chancen der Lohneinsparung dort wahrnimmt, wo sie ihre Bereiche verselb- ständigt. Und dann, indem sie diese Bereiche mit anderen Firmen fusioniert und dadurch Lohnkosten überflüssig macht, die einer gedeihlichen Vermehrung künftigen Geschäfts im Wege stehen. So ist es bestellt um "unsere Chancen". *** Wissenswertes über Arbeiterrechte --------------------------------- Herr Beck, der wirklich an alles gedacht hat, konnte seiner fie- bernden Belegschaft zwar noch keine Entlassungs- und Übernahmeli- sten bekanntgeben, auf die diese wie auf die Lottozahlen am Sams- tag wartet. Aber eines konnte er immerhin mitteilen. Im Gegensatz zum Lotto wird bei der Aussortierung der MAN-Belegschaft nicht der Zufall Regie führen: "Bei den Entlassungen und Übernahmen wird es keinerlei Ungerech- tigkeiten geben. Einen Automatismus der Übernahme gibt es nicht, Pfründe und Rang-Ebenen werden nicht berücksichtigt." Das darf den gerecht Denkenden erfreuen. Kühl und sachlich wird die Mannschaft gesichtet. Ganz ohne Ansehen der Person wird ent- schieden. Nur geschäftsmäßige Kriterien gelten. Niemand braucht zu befürchten, irgendeine Art von Recht auf Berücksichtigung oder Schonung könnte eingeklagt werden. Nein, irgendein Recht, weiter- beschäftigt zu werden, gibt es ebensowenig, wie umgekehrt den Aussortierten der Verlust ihres Rechts auf gerechte Behandlung droht: Jeder Entlassene darf sich sicher sein, daß noch viele an- dere aus den gleichen Gründen wie er aus den Lohn- und Gehaltsli- sten der gestrichen werden. Sogar mancher Höherstehende. Nicht nur er steht dann blöd da - heißt die trostlos trostreiche Bot- schaft. Und mit ihm hat das ja auch gar nichts zu tun, daß er rausgeschmissen wird. Herr Beck hat das sogar ausdrücklich hin- zugesetzt: "Die Ausgliederung und Ausdünnung ist keine Kritik an Ihnen, den Produzenten." Wie erfreulich, daß der Manager das so sieht. Niemand braucht sich selbst Vorwürfe zu machen, wenn er rausfliegt. Das sind eben die Sicherheiten und Rechte, die der Mensch im Dienste des Kapitals sich erwirbt! zurück