Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Übertarifliche Zulagen:
LOHN, DER ZUM KÜRZEN FREIGEGEBEN IST
Daimler-Chef Edzard Reuter:
"Der Vorstand prüfe, ob das Unternehmen künftig Lohnerhöhungen
nur auf tarifliche Bestandteile bezahle und gegebenenfalls auf
bestehende außertarifliche Bestandteile anrechne." (Spiegel)
Und da sage noch einer, die Unternehmer würden nicht auf die
Gewerkschaft hören! Wie hieß doch noch die Schelte, die IG-
Metall-Chef Franz Steinkühler vor ein paar Monaten an die Adresse
der Kapitalisten losgelassen hat: die sollten sich gefälligst
nicht bei der Gewerkschaft über "ein zu hohes Lohnniveau" be-
schweren, schließlich würden sie doch freiwillig mehr zahlen, als
die Gewerkschaft überhaupt für ihre Mitglieder gefordert habe!
Auf gut deutsch: wenn ihr den Lohn Eurer Arbeiter senken wollt,
liebe Kapitalisten - wir, die Gewerkschaft, sind die letzten, die
Euch da einen Riegel vorschieben wollten!
So gibt auch der IG-Metall-Chef der Lüge recht, die übertarifli-
chen Zahlungen seien so etwas wie ein Geschenk des Unternehmens
an seine Belegschaft. die mit dem, was Daimler-Proleten bei DB zu
leisten haben, gar nichts zu tun hätten. Dabei sind diese Zahlun-
gen vom Standpunkt des Kapitals einfach ein Teil der Lohnkost,
der genauso berechnend gezahlt wird wie alle anderen Lohnbestand-
teile auch: Das ist eben der Preis, den Daimler-Benz bislang
hingelegt hat, um sich die freie Verfügung über die Leistung der
Daimler-Arbeiter zu sichern. Und für die Arbeiter ist an diesem
Lohnbestandteil gar nichts "über": für sie zerfällt der Lohn
schließlich nicht in einen Teil, den sie nötig haben, und einem
"Überschuß", auf den sie genausogut lässig verzichten könnten.
Genauso tut aber der Herr Reuter, wenn er ankündigt, daß hier
demnächst am Lohn gestrichen werden soll. Praktisch macht sich
der Daimler-Chef dabei die Unterscheidung zunutze, den die Unter-
nehmer selbst am Lohn eingeführt haben. Sie haben das ja erfun-
den, daß sie ihren Arbeitern einen Gesamt-Lohn z a h l e n, den
sie in der Höhe nie mit der Gewerkschaft a l s T a r i f abzu-
schließen bereit waren. So haben sie sich die ganz freie Verfü-
gung über einen Teil des Lohns gesichert, der ohne umständliche
Neuverhandlungen mit der IG Metall verändert werden kann, wie es
gerade in ihre Kalkulation mit Lohn und Leistung paßt. Und die
Gewerkschaft? Die hat sich auf Tarife eingelassen, über die Un-
ternehmen wie DB lässig ein bißchen drüber gehen konnten, um sich
so die freie Auswahl unter allen leistungsfähigen Proleten in der
näheren und weiteren Umgebung zu sichern.
Heute beruft sich ein Reuter auf die selbst erfundene Teilung des
Lohns in "Tarif" und "Über", um sie sich ein zweites Mal zunutze
zu machen. Heute, bei der entsprechenden Anzahl Arbeitslosen, be-
findet es DB für überflüssig, Bewerber um die schönen DB-Ar-
beitsplätze mit einem "Über" zu ködern. Die verlangte Leistung
ist heute billiger zu haben, sagt sich das Unternehmen - und die
Gewerkschaft gibt ihm ein zweites Mal recht. Wo Arbeiter darum
konkurrieren müssen, überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen, da
entfällt eben jeder Schein kapitalistischer Großzügigkeit!
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