Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Gestra AG:
WIE ENTLASSUNGEN ZUM ÖFFENTLICHEN SKANDAL WERDEN
Die Gestra AG in Findorff will 200 Leute entlassen, etwa ein
Fünftel der Belegschaft. Weser-Kurier, Bild, und 'Buten und Bin-
nen' waren sich einig - das ist ein Skandal!
Was haben sie denn auf einmal, die Herren von Presse und Fernse-
hen? Derartige Meldungen gelten doch heutzutage als Ausweis für
erfolgreiche Unternehmensstrategie, für die der Preis, die Ar-
beitslosen, "nun einmal" zu zahlen ist. Die Öffentlichkeit wird
sich doch nicht plötzlich darauf besonnen haben, daß es ein Skan-
dal i s t, wenn Kapitalisten Leuten ihr Einkommen streichen!
Was haben die Gestra-Manager denn verkehrt gemacht, daß jetzt öf-
fentlich über sie hergezogen wird?
- Erstens: Sie wollen 200 Leute auf einen Schlag an die Luft set-
zen. "M a s s e n e n t l a s s u n g" heißt das Stichwort.
Wahrlich skandalös!
Und was wäre, wenn Gestra die 200 so nach und nach übers Jahr
verteilt rausgesetzt hätte? Das wäre für die freie Presse weder
Willkür noch Planlosigkeit, sondern der normale Geschäftsgang,
also kein Grund zur Aufregung. Dem einzelnen Arbeiter kann es
zwar piepegal sein, ob er alleine oder mit 199 anderen sein Ein-
kommen verliert - aber dessen Lage ist ja auch nicht Thema.
- Zweitens: Gestra will die Entlassungen o h n e
V o r a n k ü n d i g u n g und s o f o r t aussprechen.
Und was wäre, wenn die Gestra AG den Rauswurf ein halbes Jahr
früher angekündigt hätte? Für die Leute ist das ziemlich egal.
Die haben es schließlich nicht mit Fragen der Etikette zu tun. Ob
sie in wohlgesetzten Worten brieflich gebeten werden, sich am
Soundsovielten ihre Papiere zu holen, oder ob eine Namensliste
mit dem nächsten fristgemäßen Kündigungstermin am schwarzen Brett
steht, macht für sie keinen Unterschied. Für die Medien schon.
A n k ü n d i g e n halten d i e für unerläßlich. Sie gehen
wie selbstverständlich davon aus, daß man Leuten eine Ver-
schlechterung ihrer Lebenslage nur anzukündigen braucht, und da-
mit ist die Sache gelaufen.
Daß die sich mit oder ohne Ankündigung querstellen könnten - auf
die Idee kommt die werte Öffentlichkeit erst gar nicht. Umso kri-
tischer wird sie, wenn sich b e i m Entlassen Formfehler
einschleichen!
- Die Bremer Öffentlichkeit findet drittens skandalös, daß die
Gestra-Geschäftsleitung k e i n e G r ü n d e für ihr Vorgehen
angegeben hat.
Und was wäre, wenn sie rote Zahlen, die Konkurrenz, die allge-
meine Wirtschaftslage oder sonstwelche Gründe genannt und betont
hätte, daß diese "Notlagen" sie leider zwinge, Leute zu entlas-
sen? Oder die modernere Variante: Wegen der glänzenden Erfolge
müsse die Konkurrenzsituation des Unternehmes durch Beleg-
schaftsabbau weiter gefestigt werden...
Jede Begründung ist da genehm und leuchtet mehr oder weniger als
g u t e r G r u n d ein. Daß es für Arbeiter überhaupt keinen
guten Grund geben kann, ihren Lebensunterhalt in Frage stellen zu
lassen, ist bei dieser Betrachtungsweise freilich außen vor.
- Viertens sind die Medienfritzen so arbeiterfreundlich, sich
darüber zu empören, daß der B e t r i e b s r a t weder
i n f o r m i e r t noch an der Planung des Belegschaftsabbaus
b e t e i l i g t wurde. Das gehört sich nun wirklich nicht,
zumal es gegen das Betriebsverfassungsgesetz verstößt.
Und was wäre, wenn mit Betriebsrat dasselbe passiert? Dann liegt
nach Auffassung von Presse und Fernsehen eine nach allen Regeln
der Demokratie sozialfriedlich abgewickelte Gesundung eines Wirt-
schaftszweiges vor, wie z.B. beim allseits gelobten
Sanierungsprogramm der Werften.
- Was aber angeblich dem Faß den Boden ausschlägt, ist, daß es
auch noch "d i e B r i t e n" sind, also A u s l ä n d e r,
die da Massenentlassungen ohne Ankündigung und ohne Begründung
veranstalten.
Die Tommys kennen sich eben in den bundesdeutschen Anstandsregeln
beim Leute Deckeln nicht aus - d a s wäre dem "alten Bremer
Familienbetrieb" nie passiert!
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