Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter


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       Arbeitsplatz Schweißerei:
       

EINE INNERBETRIEBLICHE PESTHÖHLE UND GIFTKÜCHE

Wie jede andere dem Schweißen gewidmete Fabrikhalle ist auch die LDW-Schweißerei eine berüchtigte Pesthöhle und Giftküche. Als sei dies das Allernormalste von der Welt, geht ihr der Ruf voraus, daß man als Schweißer nicht alt wird, d.h. kein Arbeitsleben als Schweißer durchzustehen ist. Dabei wird in der Schweißerei ein ganzes Arsenal von Sicherheitsvorkehrungen und Schutzmaßnahmen angewandt: angefangen von Schutzbrille und -schild bis zu Absaugeinrichtungen der modernen Art wie dem nachführbaren Ab- saugrüssel. Daß sich dennoch in schöner Regelmäßigkeit der gesundheitliche Ruin der Arbeiter einstellt, liegt offensichtlich daran, daß all diese Schutzmaßnahmen nicht darauf berechnet sind, gesundheitliche Schäden vom Arbeiter abzuhalten. Ein deutlicher Hinweis, daß die unschönen Wirkungen nicht den E i g e n a r t e n des S c h w e i ß e n s geschuldet sind, es sich hierbei vielmehr um schlichte F o l g e n von L o h n a r b e i t handelt. Die Gesundheit braucht einiges, ------------------------------- damit sie sich für lohnende Leistung verbraucht ----------------------------------------------- Durch Aufteilung der großen Halle in viele kleine Schweißboxen mußte der Betrieb die darin untergebrachten Leute zuallererst da- vor bewahren, sich beim Schweißen durch das sogenannte 'Verblitzen' außer Gefecht zu setzen. Also hat der Betrieb keine Mark gescheut und 7000 m² Trennvorhänge installieren lassen, da- mit die frei umherschwirrende Strahlung mit ihrer blendenden Wir- kung auf die Augen eingedämmt wird. Das 'Verblitzen' ist damit aber keineswegs aus der Welt! Die Schweißer haben es sich angewöhnt, zwecks genauem Anschlag der Elektrode an die Sollnaht den Augenschutz erst einen Tick n a c h diesem Anschlag vorzuklappen. Natürlich schreibt der Be- trieb d i e s e Art, eine saubere Schweißnaht zu ziehen, nicht vor. Er stellt ja n u r ein Schutzmittel zur Verfügung, mit dem die Arbeit erledigt gehört - da tut es nichts zur Sache, daß die Schutzbrille wegen ihrer verdunkelnden Eigenschaften den Arbeiter daran hindert, den millimetergenauen Anschlag zu finden. Er schreibt ja n u r das Arbeitstempo einschließlich gewisser Nor- men für die Schweißnähte vor - und überläßt es auf Grundlage des von ihm hergestellten Leistungszwangs ganz der Freiheit der Ar- beiter, wie sie es schaffen. Deshalb fällt immer mal wieder ein Schweißer mit geröteten Augen aus, braucht eine Viertelstunde, um sich zu berappeln und kann dann zusehen, wie er die verlorene Zeit wieder reinholt. Denn in Sachen Akkordvorgaben ist der Be- trieb unerbittlich. Gegen Gesundheitsschädigungen hat der Betrieb also dann - und nur dann - etwas, wenn sie der abverlangten Leistung nicht dienlich sind. Trennvorhänge stellt er auf, damit sich die lohnend kalku- lierte Leistung der Arbeiter frei entfalten kann. Daß wegen dem 'Verblitzen' dauernd die Arbeit unterbrochen wird, nur weil die nebeneinander arbeitenden Schweißer sich mit den erzeugten Licht- bögen wechselseitig behindern, findet er eine völlig u n n ö t i g e Gesundheitsschädigung. Gesundheitsschäden hinge- gen, die die Arbeiter sich in getreuer Pflichterledigung zu- ziehen, gehen ihn nichts an. So kommen a l l g e m e i n ü b l i c h e A r b e i t s t e c h n i k e n beim Schweißen zustande. Deshalb zählt das 'Verblitzen' zu den alltäglichen Ar- beitsunfällen. Der Betrieb verläßt sich eben darauf, daß die Ar- beiter mit ihrer Gesundheit dafür geradestehen, die geforderte Leistung abzuliefern. Gift: Wohl dosiert... --------------------- Beim Schweißen werden verschiedene Giftstoffe freigesetzt, "deren Einatmung schon in geringer Konzentration zu lebensgefährlichen Erkrankungen... führen kann". So der Sicherheitslehrbrief für Schweißer. Die Schädlichkeit dieser Substanzen für den menschli- chen Organismus ist also hinlänglich bekannt. Ein der Gesundheit verpflichteter Standpunkt, der 100 %ig jeden Kontakt des Ar- beiters mit diesen Substanzen unterbindet, ist dem Betrieb aller- dings fremd. Gift ist für ihn eine Frage der Dosierung. Es wird nicht verhindert, daß die Arbeiter damit in Berührung kommen, sondern die Einwirkung der Dämpfe und Gase wird mit den verschiedensten Absaugvorrichtungen soweit reduziert, daß die Schweißer nicht am laufenden Band umfallen und damit die Arbeit eher stören als sie verrichten. Die kostengünstige Aufteilung der Halle in viele kleine Schweißboxen sorgt nebenbei für eine Kon- zentration all der unangenehmen bis giftigen Substanzen, die als Hallenatmosphäre die Gesundheit der Leute arg strapazieren. So kommen a l l g e m e i n ü b l i c h e A r b e i t s b e- d i n g u n g e n beim Schweißen zustande, die den Einsatz der Schweißer für den Betrieb lohnend gestalten. ...gesetzlich abgesegnet und betreut ------------------------------------ Die mit reichlich Dreck, Gestank, Lärm und Gift gewürzten Ar- beitsbedingungen der Schweißer entsprechen dabei voll und ganz dem deutschen Reinheitsgebot für Arbeitsplätze, auch MAK-Werte genannt. Jene "maximal zulässige Arbeitsplatz-Konzentration" legt das Ausmaß der Vergiftung fest, das von Staats wegen dem Kapital e r l a u b t ist. Und wo aus wohlverstandenem Geschäftsin- teresse 'einiges' an Schutzmaßnahmen fällig ist für den S c h u t z d e r A r b e i t v o r d e n A r b e i t e r n, damit sie sich mit ihrer empfindlichen Physis nicht laufend als Störung des Produktionsablaufs bemerkbar machen, da geht staatli- cherseits die Sache im Prinzip in Ordnung. Das ist nämlich schon der ganze Arbeiterschutz, den sich der Sozialstaat zur Aufgabe gemacht hat. Schließlich ist es für den Gewinn unzumutbar, daß Arbeitsplätze so eingerichtet werden, daß schädliche Wirkungen auf die Gesundheit der Leute unterbleiben. Wie es sich gehört, werden die anfallenden Opfer selbstverständ- lich betreut. Betriebsärztliche Gesundheitskontrollen sind Pflicht für die Schweißer. Feinsäuberlich wird in regelmäßigen Abständen in der Krankheitskartei festgehalten, ob der vor- programmierte Verschleiß bereits eingetreten bzw. wie weit er schon fortgeschritten ist. Täglich einen viertel Liter Milch trinken und das Nicht-Rauchen gehören zu den ärztlichen Ratschlä- gen, die die Verabreichung von Medikamenten begleiten. Den Höhe- punkt erreicht die betriebsärztliche Fürsorge deshalb, wenn dem Schweißer der Wechsel auf einen anderen Arbeitsplatz angeraten wird. Bevor als Schweißer nichts mehr geht, darf er dem Betrieb an anderer Stelle seine bisher noch weniger geschädigten Organe zur Verfügung stellen. Soweit noch vorhanden, versteht sich. Be- kanntlich wird man als Schweißer nicht alt, der vorzeitige Aus- stieg aus der Lohnarbeit ist hier also die Regel. ...Tarifvertraglich restlos abgegolten und erledigt --------------------------------------------------- Bis dahin darf er Lohngruppe 10 nach Hause tragen, so ziemlich das Höchste, was LDW seinen Arbeitern zahlt. Daß damit sich das Schweißen für die Leute auszahlt, gehört zu den Lügen, die man nicht allzu ernst nehmen darf. Nachher blamiert sich noch die Lohntüte an den Annehmlichkeiten, die das Warenangebot so bietet. Hilfreicher ist da schon der Vergleich zu den anderen Lohn- gruppen: die positive Differenz sticht doch gleich ins Auge, wenn man nur die noch beschisseneren Stundenlöhne heranzieht. Daß Lohngruppe 10 eine E n t s c h ä d i g u n g der Schweißer für ungemütliche Arbeitsbedingungen darstellt, ist auch so ein Märchen, an das man getrost glauben darf. Wie hoch ist denn bit- teschön der Umrechenkurs für eine Portion Magenkrämpfe? Klar, laut betrieblicher Lohntabelle exakt 2,31 DM pro Stunde. Bloß, wo gibt es denn Ersatz für einen ruinierten Magen oder eine kaputte Lunge zu kaufen? Ein Ausgleich für erlittene Schädigungen kann die Bezahlung nicht leisten und will es auch gar nicht. Für den Betrieb begründet Lohngruppe 10 das u n a n f e c h t b a r e R e c h t, die Gesundheit der Schweißer für den geschäftlichen Nutzen aufzubrauchen. Wenn dem Arbeiter überhaupt etwas abgekauft wird, dann höchstens jeglicher Einwand gegen den Arbeitsplatz, den der Betrieb mit Dreck und Gift einrichtet. Beschwerden können da nicht ganz ausbleiben, stören aber auch nicht weiter. Alles klar? zurück