Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
zurück
CNC-Technik in der Dreherei bei LDW:
LEISTUNG UND GEWINN STIMMEN - LOHN WIRD PASSEND GEMACHT
Die Rationalisierung in der Dreherei ist jetzt, nach Abschluß der
sogenannten "Einlaufphase", bei der Neuregelung des Lohns ange-
kommen. Der Betrieb erklärt, daß nun kein Grund mehr bestehe, den
für den Übergang gezahlten Durchschnittsakkord beizubehalten und
die Einführung des "richtigen" Akkords anstehe. Die gegenwärtige
Phase seiner Benutzung der Arbeiter an CNC-Maschinen nennt er
"Testphase" und tut so, als sei mit ihr eine Art Schonzeit für
die Arbeiter, den Lohn betreffend, zu Ende. Daß diese Machen-
schaften irgendwie auf Lohnsenkung hinauslaufen, riecht jeder,
daß die Einlaufphase keine "Schonzeit" war was die Leistung an-
belangt, konnte auch Niemandem verborgen bleiben. Die Frage ist:
Wieso legt der Betrieb wirklich Wert auf den Wechsel der Lohn-
form, und was hat sein Insistieren auf "Leistungslohn" mit der
gelaufenen Festlegung der Leistung in der Einlaufphase zu tun?
Der Betrieb nimmt Maß zum Ersten:
---------------------------------
Technik und Mensch im Einsatz für lohnendere Produktion
-------------------------------------------------------
Die Einlaufphase diente der Firma dazu, den mit der Anschaffung
der neuen Technik beabsichtigten Nutzeffekt - eine kostengünsti-
ger und profitträchtiger gestaltete Produktion - einzurichten.
Wobei das Gelingen dieses Vorhabens für das Unternehmen von vorn-
herein außer Zweifel stand.
Denn e r s t e n s sind die NC- und CNC-Maschinen die
t e c h n i s c h r e a l i s i e r t e Potenz einer erheblich
gesteigerten Arbeitsproduktivität. Die Arbeiter können mittels
der NC-Technik die Werkstücke in einem Bruchteil der Zeit be-
arbeiten, die sie mit herkömmlichen Werkzeugmaschinen benötigen.
Und der Arbeitsplatz, für dessen "Ausfüllung" sie der Betrieb be-
zahlt, ist der eingerichtete Zwang für sie, mit diesen wunder-
vollen Maschinen nicht s i c h Arbeit, sondern dem Unternehmen
b e z a h l t e Arbeit zu ersparen, indem sie nach wie vor im
Acht- und mehr Stundenbetrieb plus Schichtarbeit an den Maschinen
Dienst tun. Den gezahlten Lohn berechnet der Betrieb anteilig auf
die erheblich gestiegene Zahl der bearbeiteten Werkstücke, senkt
so für sich die Lohnstückkosten und steigert damit die Gewinn-
trächtigkeit seiner Produktion. Es ist also z w e i t e n s der
gezahlte Lohn, welcher dem Unternehmen die Nutznießerschaft der
arbeitssparenden NC-Technik garantiert. Dieser Preis der Arbeits-
leistung, den er seinen Mannen zahlt, bemißt sich nicht an dem
Resultat ihrer Arbeit, vervielfacht sich also auch nicht entspre-
chend der NC-Maschinen-Arbeitsausbeute, sondern bezieht sich, ge-
trennt davon, auf Arbeits z e i t, oder, was auf dasselbe her-
auskommt, auf Stücke, die durchschnittlich je Zeit gearbeitet
werden.
Weil insofern alles Grundsätzliche von vornherein geklärt war,
hatte der Betrieb lediglich noch für die Feinheiten, für eine be-
trieblich optimale "Umsetzung" der NC-Technik, d.h. ihren
stückkostensenkenden Gebrauch zu sorgen. Die anstehenden
"produktions- und arbeitsorganisatorischen" sowie die "personal-
und lohnseitigen" Fragen, regelte er wie folgt:
E r s t e n s ließ er den Bedienern der NC- und CNC-Maschinen
ihren bisherigen Durchschnittsakkord übergangsweise als Festlohn
weiterzahlen. Auf diese Weise legte er die Lohnkosten ganz
g e t r e n n t von der mit ihr erkauften gesteigerten produkti-
ven Leistung der NC-Arbeit fest! Dank der produktiver angewandten
Arbeit erhält der Betrieb eben jetzt in der gleichen Arbeitszeit
eine erheblich erhöhte Stückzahl. Diesem verbesserten Ar-
beitsresultat ordnet er kurzerhand die gleiche Geldsumme wie vor-
her der kleinen Stückzahl zu. Er hat damit erreicht, daß in jedem
Stück weniger (Dreher-)Lohn steckt. Der Anteil des Lohns am ge-
schaffenen Reichtum ist gesunken; die g l e i c h e DM-Summe
Lohn stellt einen g r ö ß e r e n A u s s c h l u ß vom produ-
zierten Reichtum dar.
Z w e i t e n s strich er einige Löhne gleich ganz, indem er et-
liche Arbeitsplätze von Hilfsarbeitern unter Berufung auf die
neue automatisierte Bearbeitungsweise für überflüssig erklärte.
Die Zubring- und Handreichungstätigkeiten der gewesenen Hilfsar-
beiter "übertrug" er den Maschinenbedienern zur Miterledigung.
So, als wäre deren Kontrollfunktion, die beständiges Obachtgeben
auf die Macken des sensiblen Geräts verlangt, keine Arbeit, son-
dern Pause.
D r i t t e n s hat sich das Unternehmen die richtigen Leute für
die Bedienung der CNC-Maschinen heraussortiert. Die technischen
Eigenschaften der neuen Maschinerie betriebsgerecht = lohnend zu
nutzen, verlangt eben von ihren Bedienern allemal noch ein gewis-
ses Maß von Routine und Gewöhnung an die vorgesehenen Bedienungs-
und Programmieraufgaben. Im Austausch von Arbeitern, die sich das
nicht schnell genug angeeignet haben bzw. im Vermeiden der CNC-
typischen Störungen nicht erfolgreich genug waren, war LDW nicht
zimperlich.
Bis hierher hatte der Betrieb schon einen Gutteil seines Pro-
gramms abgewickelt: an den neuen Maschinen steht eine CNC-gerecht
erprobte Bedienungsmannschaft zur Verfügung, die die (Lohn-)
Stückkosten für den Betrieb ein beachtliches Stück gesenkt hat.
Mit dieser ansehnlichen Zwischenbilanz teilte der Betrieb im Mai
seinen CNC-Drehern mit, daß die Einlaufphase jetzt mit einer
Erhöhung der Maschinenbelegzeit je Schicht zu beenden sei. Das
erreichte Produktivitätsniveau gewährleiste noch nicht das vom
Betrieb angestrebte Ideal eines kostengünstigen, naht- und rei-
bungslosen Betriebsablaufs. In der ebenfalls runderneuerten
Wickelei, so hieß es, komme es immer wieder zu Wartezeiten, weil
die Materialzufuhr aus der Dreherei nicht ausreichend sei. Daraus
einfach die Konsequenz zu ziehen, ein paar zusätzliche CNC-Ma-
schinen anzuschaffen und weitere Dreher anzuheuern, kam für den
Betrieb freilich nicht in Frage, weil es das heilige Recht auf
Stückkostensenkung beeinträchtigt. Selbstverständlich ist es da-
gegen für LDW, die Leistungsfähigkeit der Dreher für hinreichend
flexibel zu halten, um mit den vorhandenen Maschinen die ange-
strebte Stückzahl produzieren zu lassen. Seinem Interesse an hö-
heren Maschinen-Belegzeiten (und damit Stückzahlen) entsprechend,
war es für den Betrieb ein Leichtes, zu "entdecken", daß bei den
Rüstzeiten noch etwas drin ist. Die neubeschlossenen Lei-
stungsanforderungen kleidete der Betrieb einfach in eine rechne-
rische Formel ("Programmzeit + 30%") und teilte diese den Drehern
als neue Norm mit.
Der Betrieb nimmt Maß zum Zweiten:
----------------------------------
Lohn - von der frei festgelegten Norm abhängig gemacht
------------------------------------------------------
Als das passende Mittel, den Lohn vom Erreichen seiner geforder-
ten Norm abhängig zu machen, hat der Betrieb die Rückkehr zum Ak-
kordlohn gewählt und seine Formel zur Grundlage der neuen Vorga-
bezeiten gemacht. Nachdem in Sachen Leistung alles seinen Ziel-
vorstellungen gemäß festgelegt ist, stellt er jetzt die Lohnhöhe
zur Disposition.
Dazu wählt er an Stelle des alten Quasi-Zeitlohns (= Durch-
schnittsakkord) einen CNC-Akkord. Daß aufgrund des bisherigen
Durchschnittakkords durchgesetzte Leistungspensum wird jetzt zur
Grundlage der Lohnberechnung gemacht: die Stückzahl pro Zeit wird
dementsprechend festgelegt und dann Stück und Lohn portionsweise
aufeinander bezogen - dasselbe kann man auch als 100%-Programm-
zeit + 30% Leistung ausdrücken. Die damit hergestellte Lohnstück-
kost ergibt multipliziert mit der geforderten Stückzahl den Lohn,
der 100% Programmzeit + 30% entsprechen soll. Im Resultat ist das
ganze allerdings mehr als eine Hin- und Herrechnerei. Wenn der
Arbeiter nämlich die Stückzahl nicht erreicht, oder, was dasselbe
ist, mehr als 30% über die Programmzeit hinaus braucht, kriegt er
weniger Geld. Abweichungen von der Leistung sind für den Betrieb
gleichbedeutend mit der Veränderung der Lohnstückkost.
Damit ist für LDW die Einlaufphase der NC-Technik erst zu ihrem
folgerichtigen Abschluß gebracht: die freie Verfügung über die
Potenzen dieser Technik in Sachen Arbeitsproduktivität ist kom-
plettiert mit der freien Verfügung über die Höhe der dabei aufzu-
wendenden Lohnkosten. Und das mit dem billigen Schein, wenn er am
Lohn in Richtung abwärts drehen will, hätte das irgendwie einen
Grund in der Leistung.
***
Zu einem untauglichen Einwand
-----------------------------
Der Einwand - "Akkord an CNC-Maschinen geht nicht, die Leistung
ist ja von der Maschine vorgegeben und nicht vom Arbeiter abhän-
gig" - ist ein untauglicher Einwand. Wovon war denn der "echte"
Akkord abhängig? Von der Leistung, gemessen an der Vorgabezeit.
Und wer hat die vorgegeben? Daß früher, beim "echten" Akkord,
unterschiedlich verdient wurde, hat den Akkord auch nicht zu ei-
ner Gelegenheit zum Geldverdienen gemacht. Und daß dafür der
CNC-Akkord nicht erfunden wurde, kann man sich sicher sein. Wenn
er "geht", dann weil ihn LDW beschlossen hat. Es käme also dar-
auf an, ob sonst noch jemand was beschließt!
P.S. Daß es dem Betriebsrat um eine anständige Begründung und
nicht um den Lohn geht, ist sein Beruf. Daher will der die Ak-
kordfähigkeit von CNC-Arbeit wissenschaftlich prüfen lassen.
Wenn also rauskommt: "Klar, akkordfähig", dann gehen die Lohn-
senkungen, die sich einstellen, in Ordnung. Wenn rauskommt:
"Nicht akkkordfähig", ist die Mitarbeit des Betriebsrats an ei-
ner anderen Methode der Lohnfindung vielleicht unentbehrlich.
Das wäre dann ein Sieg.
zurück