Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter

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LDW KÜNDIGT VORGABEZEITEN:

Fast könnte man meinen, die Herren von LDW hätten sich vorgenom- men, eine schönfärberische Lüge über den Akkordlohn zu widerle- gen. Die Lüge nämlich, daß man als Akkordlöhner zwar einiges zu leisten habe, sich die Mehrleistung aber auch für den Arbeiter in mehr Lohn auszahle. LDW exerziert nämlich derzeit genau das Umge- kehrte durch: der Betrieb stellt klar, daß der Akkordlohn als He- bel gedacht ist, M e h r leistung für w e n i g e r Lohn zu kassieren. 1. Lektion ---------- LDW beabsichtigt eine Kürzung der Akkordlöhne um 20%. Dabei be- ruft sich der Betrieb auf die Früchte seiner eigenen Erpressung: Die Arbeiter im Akkord haben die Vorgabezeiten pro Arbeitsgang immerzu erheblich u n t e r schritten. Dafür hat der Betrieb durch das Arbeitspensum selbst gesorgt. Wenn die Akkordlöhner bis zu 100 Minuten je Stunde abrechnen, so zeigt das nur, wieviel der Betrieb ihnen in jede Stunde gepackt hat. Vorgabezeiten sind zum Unterschreiten v o r g e s e h e n - kein Arbeiter hat die Frei- heit, ein paar Aufträge liegenzulassen und sich mit dem einfachen Stundenlohn zufriedenzugeben. Auf die den Arbeitern abverlangte Leistung beruft sich der Betrieb jetzt als Argument g e g e n den L o h n und kündigt an, daß jedes Leistungspensum für ihn ab sofort rund 20% billiger zu haben ist. Also: Erpressung von Mehrleistung ist als Hebel zur Senkung des Lohns pro Leistung gedacht. 2. Lektion ---------- Mit dem Ergebnis dieser Operation, die Arbeiter sollen die alte Leistung zu gesunkenem Lohn abliefern, gibt LDW sich keineswegs zufrieden. Wenn die Leistung billiger gemacht wird, sich für den Betrieb also umso mehr lohnt, dann will er möglichst viel davon. Die Arbeiter haben auch die neuen Vorgabezeiten nicht etwa einzu- halten, sondern erneut zu unterschreiten. Also: Senkung des Lohns pro Leistung ist als Hebel gedacht, mehr von der v e r b i l l i g t e n Leistung einzukassieren. 3. Lektion ---------- Den LDW-Arbeitern kommt das bekannt vor. Bereits vor zwei, drei Jahren hat der Betrieb dieses Verfahren durchexerziert: Erst ist die Unterschreitung der Vorgabezeiten verlangt, dann wird der Lohn pro Leistung gesenkt. Auf dieser neuen Grundlage ist dann wieder die Unterschreitung der Vorgabezeiten angesagt. Der Be- trieb verlangt also bei jeder Vorgabezeit von den Arbeitern immer genau das, was ihm dann als Berufung für die Akkordsenkung dient. Mit jeder neuen Vorgabezeit hat der Betrieb also alle seine guten Gründe für die nächste Lohnsenkung schon parat! Und noch jede Lohnsenkung wird den Arbeitern damit schmackhaft gemacht, damit sei der Lohn für die nächsten zwei Jahre gesichert. So lange eben, bis der Betrieb mal wieder die Zeit für gekommen hält, den Lohn zu senken und die Leistung zu steigern. Mehr hat er damals wirklich nicht versprochen. Also: Der Akkordlohn ist als Hebel eingerichtet, die Anstrengung der Arbeiter, mehr als den Stundenlohn zu verdienen, immer in sein Gegenteil zu verkehren, mit jeder Akkordsenkung nämlich den Arbeitern m e h r Leistung abzuverlangen, um auf ihren a l t e n Lohn zu kommen. 4. Lektion ---------- Die Kündigung der Vorgabezeiten hat der Betrieb mit einer knall- harten Erpressung versehen. AV-Chef Burgholz in der Dreherei: "Entweder ihr gebt freiwillig 20% ab oder wir lassen Zeitaufnah- men nach REFA machen. 130% sind nach REFA der höchste Leistungs- grad." Ein Angebot, das den Arbeitern keine Alternative läßt. Eins von den berühmten Angeboten, die man bekanntlich nicht ausschlagen kann: wenn die Arbeiter sich nicht in die 20%ige Lohnsenkung fü- gen, droht der Betrieb ihnen eine noch g r ö ß e r e S c h ä d i g u n g an! Der Mann kennt sich aus im REFA-Wesen. Er weiß genau, daß bei Zeitaufnahmen nichts Objektives ermittelt wird, keine Lohnminute je ausgerechnet wird. Ganz selbstverständlich geht er davon aus, daß mit REFA sich jede Lohnsenkung begründen läßt, genau in dem Umfang, wie der Betrieb es gerade haben will. Und wo das Ergebnis der Zeitaufnahmen schon vorher unumstößlich feststeht, kann man sich die umständliche Tour der Lohnsenkung ja auch gleich sparen. Objektiv ist, was dem betrieblichen Interesse entspricht! So ein- fach geht das!! "Mehr als 130 % ist nach REFA gesundheitsschädlich", wußte der gute Mann in seiner fürsorglichen Art noch zu vermelden. Die Ar- beiter schonen, indem er ihnen weniger Leistung abverlangt, wollte er nicht ankündigen. Sein Gesundheitsschutz besteht darin, sie in Sachen Lohn auf Diät zu setzen. Also: 160 %ige Leistung zu 130 % Lohn - das ist der Gesundheit der Arbeiter am dienlichsten! Also: REFA ist ein Instrument des Betriebes, sich die entspre- chenden Vorgabezeiten 'ausrechnen' zu lassen, wie er an Lohn ge- rade zahlen will. Wenn die Arbeiter sich nicht bedingungslos den betrieblichen Ansprüchen an Lohn und Leistung beugen, kommt er ihnen eben ganz objektiv. Sie werden schon sehen, was sie davon haben. 5. Lektion ---------- Als die Dreher nicht einsehen wollten daß 20%ige Lohnsenkung oder Zeitaufnahmen für sie eine Alternative ist, und mit einem Warn- streik antworteten, haben sie es gleich mit dem Echo des Betrie- bes zu tun bekommen. Betriebsratsvorsitzender Frese lief auf, wies die Arbeiter darauf hin, daß Warnstreiks "illegal" seien und forderte sie auf, die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Suche nach den "Rädelsführern" dieses "illegalen Streiks" und die entspre- chenden Entlassungsdrohungen hat die Geschäftsleitung auch gleich nachgereicht. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, daß Kapitalisten auch die Gewalt des Staates im Rücken haben, wenn sie Lohnsenkungen und Leistungssteigerungen verfügen. D a s fällt nämlich nicht unter Vertragsbruch seitens des Arbeitgebers. Der hat sich ja nur verpflichtet, frei über seine Arbeitnehmer zu verfügen und sie ganz zu s e i n e n Bedingungen zu benutzen. Wenn Arbeiter sich aber dagegen wehren, dann haben sie sich eines Vertragsbruches schuldig gemacht - sie sind schließlich dazu da, zu jeder vom Be- trieb verfügten Kondition anzutreten. Wenn sie diese Pflicht ver- letzen, gilt das als Arbeitsverweigerung und kann für eine frist- lose Kündigung benutzt werden. Also: Auf den Staat können sich die Unternehmer als ihr Mittel im Klassenkampf bombig verlassen, schließlich hat er ihrem Profit- interesse Rechtskraft verliehen, also seine Gewalt zur Seite ge- stellt. Wer sich mit den Kapitalisten anlegt, kriegt es mit dem Staat zu tun. 6. Lektion ---------- Auch in der Sache hat der Betriebsrat seinem Betrieb völlig Recht gegeben. "Die Fakten liegen auf dem Tisch", war von Frese zu hö- ren, womit er meinte, daß die Rationalisierungsfirma doch etliche technische Veränderungen im Betrieb ausfindig gemacht habe. Der Betriebsrat kennt sich aus in den Tarifverträgen, die die Gewerk- schaft abschließt. Dort sind technische Veränderungen als Grund für die Revision von Vorgabezeiten niedergeschrieben, also als willkommener Anlaß für den Betrieb, den Lohn zu senken. Um die entsprechenden Fakten ist der Betrieb also nie verlegen. Der Tarifvertrag ist nichts als eine Sammlung von E r l a u b n i s s e n des Kapitals; dessen Interesse, den Lohn zu senken und die Leistung zu steigern, wird von der Gewerkschaft genehmigt und als s e i n g u t e s R e c h t festgeschrie- ben. Der Betriebsrat kämpft um eine b e t r i e b s f r i e d- l i c h e Abwicklung der unverschämten Ansprüche von LDW, schickt die Arbeiter zurück an die Arbeit und nimmt sich der Sa- che an. Angeblich rund um die Uhr tagt zur Zeit der Akkordausschuß. Dort wird das Anliegen des Betriebes wohlwollend geprüft und abgesegnet. Nach zähen Verhandlungen kommt nämlich ungefähr folgendes Ergebnis heraus: 9,3-17,8%ige Lohnkürzung, differenziert nach Abteilungen und Arbeitsplätzen. Also L o h n s e n k u n g g a n z o b j e k t i v u n d g e- r e c h t! Schließlich ist der "Unternehmerwillkür" Einhalt geboten, wenn statt der pauschalen Akkordkürzung die Lohnsenkung ein wenig nach Arbeitsplätzen differenziert durchgeführt wird. Und jede beliebige Lohnkürzung unterhalb von 20% ist mit dem Schein des Kompromisses versehen, den der Betriebsrat seinem Be- trieb abgerungen hat. Das wird der Betriebsrat dem Betrieb schon wert sein; der weiß schließlich, was er an ihm hat. Wenn die bei- den sich handelseinig geworden sind, haben die Arbeiter nämlich endgültig die Schnauze zu halten. Ihre Interessenvertretung hat schließlich zugestimmt. Also: Auf den Betriebsrat kann sich der Betrieb als sein Mittel im Klassenkampf verlassen. Er kämpft um den B e t r i e b s- f r i e d e n, also darum, daß alle Zumutungen des Betriebes ohne Einspruch der Arbeiter über die Bühne gehen. Dafür segnet er alle Ansprüche des Betriebes an Lohn und Leistung i m N a m e n d e r A r b e i t e r ab. zurück