Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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AEG Kanis - Belegschaft beim Bürgermeister
IM SONDERANGEBOT: SOLIDARITÄT
Vor knapp zwei Wochen zog eine Werksbelegschaft von ihrer Fabrik,
der Kanis, zum Nürnberger Rathaus - um ein Papier zu überreichen.
Eine "Petition nämlich, "in der die Belegschaft Peter Schönlein
um Beistand für ihre Sache bat" (NN). Er solle sich wegen der an-
stehenden Entlassung etlicher hundert Beschäftigter "mit der
Staatsregierung in Verbindung setzen". Das Verhältnis zwischen
dem demonstrativen Aufwand und dem Anliegen kann einem ja schon
komisch vorkommen: 1000 Mann als Zusteller eines Bittbriefs. Als
wäre zwischen dem Aufstellen einer Mannschaft, die etwas will und
dem Vortragen einer B i t t e so gar kein Unterschied mehr.
Aber was soll's, bei uns werden Bitten eben machtvoll vorgetra-
gen.
Die Antwort des Bürgermeisters fiel passend aus, wenn auch einma-
lig unverschämt. Er verhalf dieser Demonstration zu ihrem Erfolg
- und hörte die Bitte nicht nur gnädig, sondern freundlich an.
Eine Stunde nach der Aktion gab der OB im Rundfunk zum besten,
daß er sich voll mit dem Anliegen der Arbeiter solidarisiere; daß
er die Sorgen dieser Leute kenne, teile und fürchterlich auf de-
ren Seite stehe. Ja, so sehr auf deren Seite, daß er am liebsten
glatt - wie in seinen besten Zeiten - in der ersten Reihe der De-
monstranten mitmarschiert wäre.
Kein Vierteljahr ist es her, daß alle Welt an allen Ecken der
Stadt damit belämmert wurde, daß es ungeheuer darauf ankomme, wer
sich Nürnbergs Häuptlingskette um den Bauch hängen dürfe. "Bloß
nicht den Falschen wählen!" hieß es da, sonst würde alles ver-
geigt, was mit Politikermacht Gutes anzustellen wäre. Und jetzt?
Kaum ist er in dem Amt, nach dem er gegiert hat, wäre dieser Bür-
germeister am liebsten Demonstrant! Einer wie du und ich, hilf-
los, den was drückt.
Geleistet hat er mit dem Sympathieschleim schon einiges. Einer-
seits nämlich ist er ganz davon überzeugt und will andere davon
überzeugen, daß man sich mit seinen Sorgen nur vertrauensvoll an
die Macher wenden soll: 'Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und
beladen seid!' Woanders haben die Sorgen des gemeinen Mannes so-
wieso nichts verloren. Wo der Originaltext noch vorschreibt: 'Ich
will Euch erquicken', fährt ein Schönlein fort: "...und ich will
Euch sagen, daß ich an Euerer Lage nichts ändern kann."
Es ist dies die Methode des demokratischen Zynismus, wonach die
zuständige Adresse für Anliegen und Sorgen einzig die Machthaber,
große wie kleine, sind, weil sie schließlich die Macht haben.
Fürs Abschaffen der unguten Zustände sind sie freilich immer to-
tal unzuständig, weil sie eigentümlicherweise immer genau dazu
die Macht nicht haben. Denn zu einem bekennen sie sich ja aus-
drücklich: Es ist schließlich das Anliegen der Politik, diese
Wirtschaft in Gang zu halten, und nicht das Schalten und Walten
"unserer" Wirtschaft zu behindern oder ihre Gesetze, die so man-
chen einiges kosten, außer Kraft zu setzen.
Freilich ist es nicht so, daß die Heuchelei eines Schönlein nicht
bemerkt würde. Daß er die Petition kassiert hat, auf der Spielwa-
renmesse mit Jaumann geredet hat und ansonsten sich für unzustän-
dig erklärt - das will manchem schon als "typisch Politiker!" er-
scheinen. Bloß: Sollte man dann nicht daraus den Schluß ziehen,
daß an dieser Sorte Demonstration was schief ist, und daß die Po-
litiker anderes vorhaben als die Umstände zu ändern, die sie ein-
richten und verwalten, und unter denen hierzulande gelebt, gear-
beitet und entlassen wird? Sollte man dann nicht damit aufhören,
immer diejenigen um Gunst zu bitten, die einen als Wähler, Arbei-
ter, Steuerzahler schätzen?
Ist denn der Spruch: "Was nichts nützt, kann auch nichts schaden"
besonders nützlich für jemanden, der sich über mangelnden Schaden
nicht beklagen kann?
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