Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Zum Kampf gegen Entlassungen 2
AEG-Kanis
Um Arbeitsplätze kämpfen heißt die Systemfrage stellen. Denn wenn
Unternehmer entlassen oder oder Betriebe stillegen, dann deshalb,
weil sie errechnet errechnet haben, daß mancher Arbeiter an man-
cher Stelle sich für sie nicht mehr lohnt. Beharren die Beschäf-
tigten dagegen auf ihrem Lebensunterhalt, den sie nicht anders
kriegen können, dann geht der Kampf um die Außerkraftsetzung der
Grundrechnungsart der freien Marktwirtschaft: Gegen das Prinzip
nämlich, daß Arbeit sich zuerst einmal für den Kapitaleigner loh-
nen muß und der Arbeiter für seinen Lebensunterhalt nur arbeiten
darf, wenn diese Vorbedingung erfüllt ist.
Wo dieser Gehalt der Auseinandersetzung nicht gewußt und gewollt
wird, geht der K a m p f u m d i e E r h a l t u n g d e r
A r b e i t s p l ä t z e in eine ganz ander Richtung.
HEILIGER SANKT FLORIAN, VERSCHON MEIN HAUS...
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Betriebsrat und Gewerkschaft bei KANIS, die nichts gegen den Ge-
winn als Voraussetzung des Lebensunterhalts der Lohnabhängigen
einwenden wollen, haben sich denn auch eine ganz andere Aufgabe
gestellt: sie wollen den Unternehmern beweisen, daß sie trotz
Profitrechnung und im Sinne ihrer Gewinne gar nicht entlassen
m ü ß t e n. Da heißt es nachrechnen und selber den Kapitalisten
spielen, selber die Arbeiter und Angestellten als problematische
Kostenstellen kalkulieren, die jedes Recht auf Lebensunterhalt
verspielt haben, wenn sich ihre Anstrengung nicht für Profite der
Kapitalbesitzer nutzen läßt.
Wer bereit ist, so zu rechnen - und der linke und friedensbewegte
Hans Patzelt kann das locker -, der ist z u a l l e r e r s t
e i n m a l g a n z k l a r f ü r E n t l a s s u n g e n!
Für die n ö t i g e n nämlich, welche so ein feiner Arbeiter-
vertreter von den Ü b e r f l ü s s i g e n unterscheiden kann!
Wir sperren uns
"nicht gegen die inzwischen beschlossenen Investitionen, nicht
gegen ein vernünftiges Strukturkonzept, wohl aber gegen die ge-
planten und betriebswirschaftlich völlig unsinnigen Produktions-
verlagerungen von Nürnberg nach Essen und von Essen nach Bremen."
(metall 23/87)
Daß mit I n v e s t i t i o n e n Rationalisierungen gemeint
sind und mit dem S t r u k t u r k o n z e p t Lohn- und Ge-
haltseinsparungen, also Entlassungen, die sich aus organisatori-
schen Veränderungen ergeben, wird von Patzelt nicht verschwiegen:
"Wir wissen, daß wir nicht ungeschoren bleiben. Etwa 80 Stellen
in Folge einer Zentralisierung der Verwaltungsabteilungen" (NN,
5.11.87) mag Patzelt in seinen glorreichen Kampf um Arbeitsplätze
gar nicht einbeziehen. Die absehbaren Finanznöte dieser Leute
leuchten ihm ein - notwendig eben. Die 80 Verwaltungsangestellten
werden sich freuen; sie sollen an einem Zirkus Interesse finden,
bei dem von vornherein klar ist, daß für ihr Problem niemand et-
was übrig hat.
Dafür werden vom Betriebsrat die u n n ö t i g e n und
u n s i n n i g e n Entlassungen um so unnachsichtiger bekämpft.
Standortrettung für Nürnberg! Im Klartext: Entlaßt anderswo!
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Es ist völlig gleichgültig, wie erfunden und konstruiert Patzelts
Beweisführungen immer sein mögen, mit denen er die Herren der
AEG-Chefetage davon überzeugen will, daß die P r o d u k-
t i o n s v e r l a g e r u n g e n v o n N ü r n b e r g
n a c h E s s e n, i h n e n, den Kapitalisten, nichts nützen.
Schließlich können diese Herren selber rechnen - und zwar nach
i h r e m Kriterium -, ob eine Maßnahme dem Profit n ü t z t,
und nicht nach dem albernen Betriebsratsideal, ob die Maßnahme
s i c h t r o t z P r o f i t n i c h t v e r m e i d e n
l i e ß e. Darum geht es nämlich der AEG gar nicht!
Es ist ebenfalls gleichgültig, wie wenig Patzelt mit seiner
ebenso spinnösen wie kapitalistischen Alternativkalkulation aus-
richten mag - schließlich entscheiden immer noch die Herren der
AEG und niemand will, das im Ernst angreifen; zuallerletzt ein
Betriebsrat, der die Herren mit b e t r i e b s w i r t-
s c h a f t l i c h e n Ü b e r l e g u n g e n becircen will.
Gleichgültig also, wie wenig diese Bemühungen praktisch zu
bedeuten haben, laut und deutlich wird in ihnen ausgedrückt,
worin ein Nürnberger Betriebsrat die Chance seiner Nürnberger
Turbinenbauer suchen will: nur Entlassung und Armut von Arbeitern
anderswo kann für die Nürnberger Hoffnung schaffen! So einem
Arbeitervertreter ist es schon klar, daß vom kapitalistischen
Geschäft unmöglich alle Arbeiter leben können. Er findet längst
nichts mehr dabei, daß immer manche vor die Hunde gehen - nur er
und die Seinen sollten es lieber nicht sein. Heiliger Sankt
Florian, verschon mein Haus, zünd' andre an!
"Nehmt uns, wir rentieren uns für Euch!"
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Wartet noch einen Augenblick mit Eurer gerechten Empörung! Wie
sollen Eure Argumente denn sonst gemeint sein?
Die Nürnberger KANIS-Fabrik sei eine "Perle in der Branche",
"voll auf dem neuesten Stand, während man in Essen gar keine Er-
fahrung im Bau von Dampfturbinen hat". Was sagt Ihr denn anderes
als:
"Seht her, wir sind doch eine Mannschaft, an der ihr reich werden
könntet! Behaltet uns, es wird sich für Euch lohnen. Besser viel-
leicht als mit denen in Essen!"
Und wenn Ihr zum Nürnberger Bürgermeister und zur Müncher Staats-
regierung pilgert, was fordert ihr dann?
Mehr Knete für die AEG, Franz Josef!
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Ihr beklagt Euch, daß die AEG die Stadt Essen erpreßt, und kriti-
siert im Grunde nur, daß das "Erpressungsopfer" nicht Nürnberg
heißt. Gewerkschafter, die doch auch einmal gewußt haben, daß
Steuergeschenke an die Kapitalisten von wem bezahlt werden müs-
sen, beklagen die mangelnde bayrische Initiative im Subventions-
wettlauf mit Nordrhein-Westfalen. Das haben die Betriebsräte auch
schon verstanden, daß man für die Arbeiter nur etwas tun kann,
wenn man den Kapitalisten die Profite - am besten gleich von
Staats wegen - sichert, also schenkt. Das sollte das "reiche Bay-
ern" doch besser können als das überschuldete SPD-Land NRW. So
sehr, daß die AEG den Standort Nürnberg attraktiver findet als...
na was wohl?
Aber: Wir sind solidarisch!
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"Die von Arbeitsplatzverlusten betroffenen Belegschaften lassen
sich nicht spalten. Wir ziehen am gleichen Strang" (metall 23/87)
Das muß man wirklich dazusagen, wenn man solche Lösungsvorschläge
und Erfolgsmeldungen macht wie der KANIS-Betriebsrat:
"Wir haben den Service schon nach Nürnberg zurückgeholt, die
Dampfturbinen holen wir auch noch!" (Kundgebung im Rathauskeller)
Von wem, lieber Hans Patzelt, und von wo habt Ihr die zurückge-
holt und wollt Ihr noch was holen? Doch wohl von den Essenern.
Die Arbeiter in Essen mit denselben Arbeitsplatzwünschen wie Ihr
mögen vielleicht nicht schuld sein an Euren Entlassungen, für die
Nutznießer Eurer Opfer haltet Ihr sie. Stimmts? Nur deswegen ist
es doch überhaupt eine gewerkschaftliche Erfolgsmeldung wert, daß
Ihr Euch nicht offen gegeneinander stellt! Im Dementi gebt Ihr
alles zu: Warum müßt Ihr denn h ö l l i s c h a u f p a s-
s e n, daß man Euch nicht auseinanderdividiert? Weil Ihr längst
nur noch im Schaden der Essener Eure Chance erblickt!
Jetzt tut Ihr ganz fiktiv so, als könntet Ihr die Essener entlas-
sen - als ob Ihr darüber befinden würdet - und macht Euch dann
wegen Eurer bösen Wünsche ein Solidaritätsgewissen.
Hans Patzelt reist nach Essen und macht mit dem dortigen Be-
triebsrat eigene Sanierungskompromisse, und feilscht und pokert
mit ihm eine s o l i d a r i s c h e Verteilung der anstehenden
Opfer aus. Die Verhandlungen müssen herrlich sein: Wenn Ihr da
nicht zustimmt, sind wir nicht mehr solidarisch und fordern Eure
Schließung! So gehen die Argumente zwischen Betriebsräten aus Es-
sen und Nürnberg hin und her. Das ändert zwar nichts an den Plä-
nen der Firma, aber die Belegschaften, die beide nur noch auf die
Schließung auswärts hoffen, machen die notwendigen Grausamkeiten
unter sich aus. Kleiner Spaß am Rande: Ihr wendet Euch: "Gegen
die betriebswirtschaftlich völlig unsinnigen Produktionsverlage-
rungen von Nürnberg nach Essen und von Essen nach Bremen." - Und
wer ist solidarisch mit Bremen? Das wußte schon Bismarck, daß man
sich auf Kosten Dritter mit seinen Feinden eine ganze Weile einig
werden kann! Solidaritätspflichten mit den Beschäftigten im Bre-
mer Lloyd-Dynamo-Werk bestehen nicht, sie gehören ja bloß zum
AEG-Konzern, und nicht zur solidarisch verbundenen Belegschaft
der AEG-Tochter KANIS. So sieht der Betriebsrat doch die Lage,
oder?
Die oder wir - für beide reicht der Markt nicht, so etwas findet
ein Betriebsrat normal! Normal findet er, daß Arbeiter nur leben
können, wenn Kapitalisten mit ihnen Profite machen können. Normal
findet er schließlich, daß eine Arbeit, die nur den Arbeiter er-
nährt, im Kapitalismus gar nicht erst stattfindet. Unerhört fin-
det er nur, daß es ihn und die Seinen treffen soll.
Zu guter letzt wird mit dem Solidaritätsgewissen der Gewerk-
schaftseinheit dann die ganze Idee, daß man etwas f ü r s i c h
tun könnte, und sei es in der falschen Weise, auch noch erschla-
gen, und man findet zum kapitalistischen Realismus zurück, daß es
irgendwie schon immer weit gehen wird; bei der KANIS, auf dem Ar-
beitsamt oder sonstwo.
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