Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Lieber J. D.,
Du machst gute Gründe dafür geltend, daß der Daimler-Betriebsrat
in der Arbeitszeitfrage "Konzessionen" gemacht habe. Von denen
halten wir nichts:
1. Du willst entdeckt haben, daß der Reichtum hierzulande seine
Grundlage in vergangener und gegenwärtiger "unbezahlter Arbeit"
hat. Für eine v e r n i c h t e n d e K r i t i k an der hier-
zulande herrschenden Produktionsweise scheinst Du diese Feststel-
lung aber gar nicht zu halten. Schließlich steht damit fest, wem
dieser Reichtum g e h ö r t u n d w o z u e r d a i s t:
er ist privates Kapital und als solches nicht zum Verbrauchen
sondern zur Wiederanlage zwecks Vermehrung bestimmt. Wie die
Daimler-Geschäftsleitung in schöner Offenheit zur Begründung der
Arbeitszeitverlängerung ja auch sagt: "Zur Gewährleistung der zu-
kunftssichernden Investitionen, u.a. Typenwechsel bereits nach 8
Jahren." Das Arbeitsprodukt gehört Daimler, es wird zwecks Gewinn
produziert, und der Gewinn wird verwandt, um mehr Autos mit noch
mehr Gewinn zu verkaufen.
Und damit steht auch fest. wer den Reichtum nicht hat, die Arbei-
ter nämlich. Die müssen ja, bloß um zu leben, nach jedem Monats-
gehalt wieder antreten für das nächste. So bestimmt die Produk-
tion dieses Reichtums die Lebenslage des Arbeiters: Ob er seine
Arbeitskraft verkaufen kann, wieviel Geld er zum Leben hat, wie-
viel Zeit und Arbeitskraft er dafür im Betrieb lassen muß, hängt
davon ab, was sich für den Gewinn lohnt. Das ist nicht nur in der
BRD so, sondern auch in Japan.
2. Und was folgt daraus? Doch wohl nur, daß japanische wie deut-
sche Arbeiter gleichermaßen gute Gründe hätten, sich gegen die
Vernutzung ihrer Arbeitskraft durch ihre Fabrikherren zur Wehr zu
setzen. Bei dir soll daraus das genaue Gegenteil folgen: Weil ja-
panische wie deutsche Konzerne ihre Belegschaften gegeneinander
im Kampf um Marktanteile und Gewinn antreten lassen, deswegen
sollen deutsche Arbeiter sich auf die Seite ihrer Anwender schla-
gen und die gegen "die Japaner" stärken! Und was haben sie davon
- außer eben, wie jetzt bei Daimler, eine steigende Auspowerung
ihrer Arbeitskraft? Nach deiner Logik die Vermeidung von
"Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau" - also immerhin einen
Arbeitsplatz. Dafür sollen Arbeiter jede Lohnsenkung und jede Ar-
beitszeitverlängerung hinnehmen. Das kannst du ja selbst nicht
glauben, daß die Rechnung aufgeht! Die 5 Millionen Arbeitslose,
die es jetzt in der BRD gibt, sind doch nicht durch die Konkur-
renz u n fähigkeit der Exportnation BRD geschaffen worden, son-
dern gehören zu ihrem Erfolg dazu. Ob die Wirtschaftskraft der
Nation sich stärkt, ob sie gerade schwach ist: in beiden Fällen
beschert sie dem Arbeitermaterial nebeneinander die goldige Al-
ternative, entweder arbeitslos zu sein oder für jeden Arbeitsbe-
darf, den das Geschäftsinteresse anmeldet, bereitzustehen. Das
müßtest Du als Gewerkschafter doch am besten wissen: Schließlich
verlangt die "Konkurrenzfähigkeit" von Daimler ebenso Rationali-
sierung, die die Stückkosten senkt und Arbeiter von Arbeit und
Lohn "freisetzt", wie 9-Std-Schichten, die das Wiederanlegen des
Kapitals beschleunigen.
3. Dein Beweis, daß Daimlerarbeiter gut daran tun, sich mit einem
Schaden abzufinden, weil sie damit einen größeren vermeiden,
taugt nichts. Aber damit gibst Du dich ja als Zurückweisung unse-
rer Kritik am Betriebsrat auch nicht zufrieden: Du willst unbe-
dingt noch den Kapitalismus als Dienstleistung an den Konsumbe-
dürfnissen der Menschheit gewürdigt wissen. Wer GTIs und Videore-
corder will - der muß auch akzeptieren, daß die Arbeit, die für
deren Herstellung nötig ist, sich gar nicht anders organisieren
läßt denn als "Ausbeutung". Das glaubst Du im Ernst: daß das Her-
stellen nützlicher Gegenstände notwendig auf Kosten derer gehen
soll, die sie haben wollen? Zur Versorgung deutscher Arbeiter mit
Videorecordern brauchst demnach
1. Unternehmen wie Daimler, die in die ganze Welt hinaus Autos
exportieren und anderen Autokonzernen Marktanteile abjagen;
2. ein aufgeblasenes Kreditsystem, das zur Produktion nützlicher
Gegenstände nun wirklich kein Stück beiträgt;
3. ständige Rationalisierungswellen, mit denen dafür gesorgt
wird, daß mit immer weniger Arbeitskraft immer mehr Maschinerie
betätigt und ein ständig wachsender Kapitalreichtum produziert
wird;
4. so daß auch immer wieder ganze Fabriken samt Belegschaft
stillgelegt werden; nicht, weil sich da nichts Nützliches mehr
produzieren ließe, sondern bloß, weil sich deren Produkte für den
Gewinn nicht lohnen.
4. Damit dies sozialfriedlich geht und ordentliche Sozialpläne
abgeschlossen werden, braucht es einen Gewerkschaftsapparat.
5. Und einen Sozialstaat, der die anfallenden Arbeitslosen,
Schichtarbeitsgeschädigte, Frührentner usw. verwaltet - die sich
dann natürlich auch keine GTIs leisten können ...s.o.
6. Außerdem natürlich eine die Polizei, die das Eigentum vor dem
Gebrauch durch Leute schützt, die kein Geld zum Bezahlen haben...
Natürlich ist dann auch Genscher unentbehrlich zum Ebnen der Ex-
portwege. Und alles wegen der Versorgung mit ein bißchen Unter-
haltungselektronik und Joghurt?
So ist das also: wer bei Daimler den 9-Stundentag nicht will, muß
sich sagen lassen, daß auch und gerade ein linker Betriebsrat
dieser Arbeitszeitverlängerung zustimmen m u ß. Weil nämlich
sonst unser ganzes schönes System infragegestellt wird und keiner
mehr auch nur einen klitzekleinen Videorecorder bekommt. Und wem
das immer noch nicht einleuchtet, dem kommst Du mit dem ganz
großen Totschläger: immerhin gehören die Daimler-Arbeiter zu den
2% Auserwählten, denen es besser geht als dem Rest der Welt. Das
hätten Kohl, Blüm oder Lafontaine auch nicht schöner sagen kön-
nen.
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