Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
zurück
NUR 63.016 ARBEITSUNFÄLLE BEI DAIMLER 1986
1.
Wirklich "p o s i t i v", daß 1986 bei Daimler "63.016 Verlet-
zungen" registriert worden sind. Wirklich "p o s i t i v", daß
mehr als "die Hälfte unserer Arbeiter und technischen Auszubil-
denden im vergangenen Jahr einen leichten oder schweren Unfall
erlitten" hat. Im Hause Daimler ein Grund zur Freude, denn
"erstmals seit 1983 zeigte die Kurve unserer Unfallstatistik wie-
der nach unten". Sauberer Erfolg, wenn's vorher noch mehr waren.
Außerdem: 1986 ereignete sich "kein Betriebsunfall mit tödlichem
Ausgang". Hurra!
Womit rechnet das Werk da eigentlich? Offensichtlich rechnen die
Sicherheitsingenieure laufend mit tödlichen Unfällen. So gesehen,
kann wirklich von Glück gesprochen werden, daß 1986 n u r
63.016 Unfälle passiert sind - ohne tödlichen Ausgang.
2.
Das Schaubild zeigt zwei weitere Kurven. So interessiert Daimler-
Benz das Unfall-Geschehen im Hause. Da werden "D (=Durch-
gangs-)Arztfälle je Mio geleisteter Arbeitsstunden" zusammenge-
zählt. Komische Größe! Was haben die Überweisungen an den Durch-
gangsarzt mit geleisteten Arbeitsstunden zu tun? Es scheint nicht
einfach darum zu gehen, daß der Verletzte sich auskuriert, ihm
kein finanzieller Schaden entsteht und die Unfallursache abge-
stellt wird. Wieso sollte man sonst Überweisungen "j e Mio Ar-
beitsstunden" z ä h l e n! Die gehören also ganz selbstver-
ständlich zum Geschehen im Haus dazu. Sie sind gewußt und einkal-
kuliert. In bestimmten Größenordnungen, die sich gewaschen haben.
Deshalb werden Siege gefeiert, wenn die K u r v e etwas
s i n k t oder vielleicht auch nur die Z u w a c h s r a t e
a b n i m m t oder so.
3.
W a s Daimler an den Unfällen stört, zeigt die andere Größe. Das
sind die "Ausfalltage je Mio geleisteter Arbeitsstunden". Da
wird festgehalten, wen das Werk für den eigentlich Geschädigten
hält: S i c h s e l b s t! Unfälle führen zu Ausfalltagen.
Fast 500 von 1 Mio geleisteter Arbeitsstunden! Viel! Zu viel für
Daimler! Vor allem, wo die Ausfallzeit bezahlt worden ist. Da
kriegen die Leute Geld, und dann machen sie einen Unfall und ent-
ziehen dem Werk doch glatt vorübergehend ihr Arbeitsvermögen.
Frechheit!
So ein Unfall wird als Verstoß gegen das Recht des Werks gewer-
tet, eingekauftes Arbeitsvermögen ausschließlich für die Pro-
duktion zu benutzen. Als ob jeder Unfall ein Betrug am Interesse
des Werks wäre. Da steht alles Kopf. Aber so geht es zu, wenn
Daimler die Unfälle bilanziert.
4.
Übrigens, wenn man das Verhältnis der b e i d e n G r ö ß e n
in der Entwicklung der letzten 10 Jahre betrachtet, dann zeigt
sich eine Schere: Die "Ausfalltage je Mio Arbeitsstunde" sind
schneller gesunken als die "D-Arztfälle je Mio Arbeitsstunden".
Das ist wieder ein erfreulicher Trend: Zum Arzt gehen dürfen die
Verunfallten schon, müssen und sollen sie auch. Wenn der dafür
sorgt, daß dann die A r b e i t s a u s f ä l l e j e
U n f a l l sinken, dann ist so ein Unfall für Daimler nur noch
halb so schlimm.
Daß dies nicht allein das Resultat der ärztlichen Heilkunst ist,
plaudern die Meister in der Regel ohne Hochglanz und Vierfarb-
druck so aus: "Stell Dich nicht so an. Du kannst Dir doch kaum
noch Ausfalltage leisten!"
Und das ist eine Medizin, die wirkt fast immer.
(Zitate aus: daimler intern, 2/87)
zurück