Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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ÜBERSTÜNDENTHEATER
Daimler-Arbeiter haben es gut getroffen. Neben dem, was sie täg-
lich im Werk zu tun und zu lassen haben, bekommen sie jedes Jahr
im Frühjahr kostenlos eine Theater-Vorstellung geliefert. Sogar
mitspielen dürfen sie. Diesmal ist der vorläufige Höhepunkt der
Tariftheatersaison das Überstundentheater.
Vorspiel: "Überstunden sind nötig für Arbeitsplätze" (IGM und DB)
Die Daimler-Arbeiter leisten neben ihrer 8-Stunden-Schicht regel-
mäßig jede Menge Überstunden. Mit Zustimmung des Betriebsrates.
Denn: Was der Firma gut tut, das nützt.
1. Akt: "Überstunden sind schädlich für Arbeitsplätze" (IGM)
Kaum ist der Tarifkonflikt vereinbart, fallen die Überstunden bei
der IG Metall fürchterlich in Ungnade: "Nieder mit den Überstun-
den", verkündet sie den erstaunten bis erbosten Belegschaften.
Denn: Überstunden nehmen den deutschen Arbeitslosen die Arbeit
weg, schaden der deutschen Wirtschaft; und was der deutschen
Wirtschaft schadet, das schadet bekanntlich auch den Arbeiter.
2. Akt: "Überstunden sind nötig für Arbeitsplätze" (DB)
Die IG Metall läßt die Leute anztanzen: "Heraus aus den Betrie-
ben". Einige Stundenlöhne werden für eine gute Sache in den
Schornstein geschrieben. Das hilft den Arbeitslosen und zeigt,
daß die IG Metall nicht unrecht haben kann. Bei Daimler-Benz
bricht durch solche terroristischen Umtriebe der IG Metall alles
zusammen. Viele Schrauben und anderes Zeug fehlen pünktlich. Ei-
nige Gastarbeiter werden zurückumdelegiert, mit dem Entzug des
Jahreswagens wird massiv gedroht und trotz größter Bemühungen
kann die Geschäftsleitung nur "unter Umständen" Kurzarbeit anset-
zen. Das schadet der IG Metall und zeigt, daß Daimler-Benz recht
hat.
Finale: "Alle nötigen Überstunden sind nötig für Arbeitsplätze"
(IGM und DB)
Nach zwei schweren Verhandlungstagen vor der Einigungsstelle
kommt das überraschende Ergebnis:
1. Das Publikum darf die geliebten Überstunden weiter machen.
2. Daimler-Benz muß schwer Federn lassen. Das Werk kriegt nicht
alle beantragten Überstunden genehmigt, sondern nur soviel wie es
ungefähr braucht; weswegen es auch gleich mehr beantragt hatte.
3. Die IG Metall und ihre Betriebsräte dürfen weiterhin alle not-
wendigen Überstunden genehmigen und alle, die fürs Werk nicht
notwendig sind, ablehnen.
4. Daimler-Benz verspricht extra, sich beim Ansetzen von Über-
stunden wirklich von jetzt und für alle Zeit an die Tarifverträge
und Betriebsvereinbarungen zu halten - und nur dagegen zu versto-
ßen, wenn es die IG Metall erlaubt, weil es sich um Überstunden
handelt, die dringend...
Vorhang!
Urteil: Amüsantes absurdes Theater. Nur der Eintrittspreis ist zu
hoch.
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