Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Daimler-Benz "humanisiert" mal wieder die Bandarbeit:
DURCH ROTATION ZUR LEISTUNGSSTEIGERUNG
Von der "einseitigen Belastung"...
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Die Montagearbeit an den Bändern des DB-Werks besteht darin, ei-
nige wenige, von den Arbeitswissenschaftlern und Ingenieuren aus-
getüftelte Handgriffe in der für sie vorgesehenen Zeit zu ver-
richten. In Halle 9 z.B. ist das ganze so berechnet, daß zur Zeit
diese Handgriffe bis zu 300 mal pro Schicht zu bringen sind. Von
den Arbeitern ist dafür verlangt, sich diesen Stumpfsinn zur Rou-
tine werden zu lassen. Sie haben sich daran zu gewöhnen, diese
Handgriffe dem Rhythmus des Bandaktes anzupassen. Nur so bekommen
sie die verlangte Stückzahl pro Schicht hin. Sie müssen "ihre"
Handgriffe quasi im Schlaf beherrschen, um sie 8 Stunden im
Bandtakt durchzuhalten. Das geht bekanntlich nicht ohne Abnutzung
der jeweils besonders beanspruchten Körperteile. Und das Urteil,
die Arbeit gehe einem auf den Geist, ist wörtlich zu nehmen. Das
ganze nennt sich arbeitswissenschaftlich: "einseitige Belastung".
Was natürlich insofern ein ziemlicher Unfug ist, als der Mensch
ja nicht mit Ausnahme einer besonders beanspruchten Schulter an-
sonsten aber gut erholt das Werk verläßt.
... über das Rotieren...
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Da nun Daimler-Benz ein normaler Arbeitgeber ist und nicht etwa
ein Leuteschinder, hat er in der letzten Zeit den Leuten am Band
das Angebot gemacht, daß sie innerhalb der Arbeitsgruppen am Band
r o t i e r e n dürfen. Das Werk hat nämlich entdeckt, daß sich
die Methode, z w i s c h e n v e r s c h i e d e n e n
s t u m p f s i n n i g e n H a n d g r i f f e n w ä h r e n d
d e r S c h i c h t z u w e c h s e l n, durchaus dazu taugt,
die A r b e i t s p r o d u k t i v i t ä t der Bandarbeit zu
s t e i g e r n. Das Angebot wurde von den Leuten dankbar ange-
nommen, weil ihnen die Bandarbeit bei Rotation aushaltbarer vor-
kommt. So machen sie sich fit für alle anderen Handgriffe an ei-
ner Bandstation, damit der Wechsel reibungslos vonstatten geht
und die Stückzahlen wie vorgegeben gezogen werden können. Bandar-
beiter erfüllen auf diese Weise nicht nur die Anforderungen des
ihnen zugewiesenen Arbeitsplatzes, sondern nacheinander die An-
forderungen aller Handgriffe an ihrer Station; z.T. sogar nach
selbstgefertigtem Rotationsplan.
Mit dieser Rotation hat sich Daimler Bandarbeiter geschaffen, die
dem Ideal des jederzeit überall einsetzbaren Arbeitsvermögens be-
trächtlich nahe gekommen sind. Es ist so, als bestünde die Gruppe
nur noch aus Springern. Deswegen können natürlich auch zusätzli-
che Springer bei Ausfällen von Leuten entfallen. Jeder kann für
jeden einspringen. Natürlich hat sich diese allseitige Verwend-
barkeit nicht in einer "allseitigen" L o h n e r h ö h u n g
niedergeschlagen, sondern in einer Lohn a n g l e i c h u n g.
Alle bekommen jetzt ganz gerecht die gleiche AW-Zahl. Woran man
wieder einmal studieren kann, daß man Gerechtigkeit nicht mit
Lohnvorteilen gleichsetzen soll. Gebracht hat das Rotieren etwas
für die Leistung an den Bändern: Wenn jetzt für das Werk Ausfälle
oder Versetzungen leichter zu verschmerzen sind, wenn Anlern- und
Gewöhnungszeiten wegfallen, wenn durch Wechsel der Arbeit Ermü-
dungsvorgänge häufiger unterbrochen werden und sich dieser
K o n z e n t r a t i o n s g e w i n n in eingesparten Sekunden
pro Handgriff und in einer Reduzierung von Ausschuß nie-
derschlägt, dann steht der Gewinner bei diesem Zinnober eindeutig
fest. Der zu neuer Mobilität qualifizierte Gesamt-Bandarbeiter
erlaubt es Daimer-Benz, die pro Auto aufzuwendende Arbeitszeit
bei gleichen Kosten zu verringern.
...zur "allseitigen Belastung"
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Der Bandarbeiter, der in der Rotation ein Instrument zum Heraus-
arbeiten von ein paar Kurzpausen entdeckt hat, wird deshalb sehr
schnell eines Besseren belehrt. Spätestens dann, wenn die Zeiten
für die Handgriffe neu "berechnet" werden, wenn der Bandtakt sich
ändert oder wenn, nach einer Neuaufteilung der Handgriffe, die
Arbeitsgruppe am Band plötzlich mit einem Mann weniger auszukom-
men hat, sollte er seine Täuschung bemerken: F ü r i h n ist
die Rotation wirklich nicht eingerichtet worden. Auch die Einbil-
dung, daß nach Einführung der Rotation die Schicht schneller vor-
überginge, hat dann nicht lange Bestand. Ganz abgesehen davon,
daß 8 Stunden nicht dadurch w e n i g e r a u f d i e
K n o c h e n gehen, daß sie einem kürzer v o r k o m m e n;
und ganz abgesehen davon, daß die Verteilung der körperlichen
Beanspruchung auf ein paar Knochen, Sehnen und Muskeln m e h r
nicht die Arbeit erleichtert, sondern sie allenfalls auf Dauer
etwas a u s h a l t b a r e r macht. Das spricht ebenfalls
nicht für die Rotation. Überhaupt sollte man sich den Standpunkt
nicht zu eigen machen, es ginge allein darum, die Arbeit aus-
haltbarer zu machen. Ob die Bandarbeit einen Arbeiter e t w a s
f r ü h e r o d e r e t w a s s p ä t e r e n d g ü l t i g
s c h a f f t, das ist nämlich eine Frage, die mit e i n e m
fest r e c h n e t: irgendwann hat die Bandarbeit bei Daimler
es fertiggebracht, daß man zum Arbeiten, also zum Geldverdienen
überhaupt nicht mehr taugt. Und das ist ein in jeder Hinsicht
sehr unbekömmlicher Standpunkt - für die Leute am Band.
Es ist eben immer dasselbe: Wenn schon angekündigt wird, daß eine
neue Arbeitsorganisation die Arbeit "erleichtern" und die
"einseitige Belastung mindern" soll, dann sollte man das nicht
mit der Einführung von S c h o n arbeit verwechseln. Rücksicht
wird bei der Rotation auf das Arbeitsvermögen der Leute schon ge-
nommen - aber nur, um es besser, d.h. allseitiger zum Wohle von
Daimler-Benz a u s n u t z e n zu können. Auf den Umstand, daß
man einigermaßen gut beieinander sein muß, um a u ß e r h a l b
der Arbeit, also in der Freizeit etwas mit sich und den Seinen
anfangen zu können, wird so oder so keine Rücksicht genommen.
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