Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Daimler-Benz sortiert den Arbeitsmarkt:
RASSISMUS KAPITALISTISCH
Da schließt die Bundesbahn ein Ausbesserungswerk in Süddeutsch-
land. 770 Leute fliegen. 40 sollen - so heißt es - vom benachbar-
ten Daimler-Benz-Werk übernommen werden. Die Verabschiedung er-
folgt in Form einer Protestversammlung, auf der alle - wie es
sich gehört - protestieren dürfen gegen die Ungerechtigkeit der
Welt.
Die Protest(fest)redner teilen den Verabschiedeten mit, warum man
um die Ungerechtigkeit nicht herumkommt. Weil nämlich auch eine
Bundesbahn nicht anderes kann, als sie muß. Das hört sich dann so
an:
"70% der Kollegen seien zwischen 40 und 60 Jahre alt und hätten
auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance. Bei Daimler auch nicht,
weil von ihnen die Anforderungen dieses Unternehmens nicht zu er-
füllen seien in Bezug auf Fehlzeiten und Qualifikation. Und die
vorgeschriebene Anzahl von Behindertenarbeitsplätzen seien bei
Daimler schon eingerichtet und besetzt."
Wem soll man jetzt eigentlich gratulieren? Den 40 Übernommenen
Ex-Bundesbahnausbesserern dafür, daß sie sich den Anforderungen
von Daimler s t e l l e n d ü r f e n? Oder den restlichen
770, weil sie diesen Anforderungen n i c h t
a u s g e l i e f e r t w e r d e n? Und was ist eigentlich mit
den 40- bis 60-jährigen, die (zwar in abnehmender Zahl, aber im-
mer noch) bei Daimler arbeiten? Lauter Ausnahmemenschen, Helden
der Lohnarbeit? Oder Mitglieder derselben "Rasse", die es sich
bloß nicht leisten können, aus 20 und mehr Jahren Arbeit
"Fehlzeiten" zu verfertigen; die die Zähne zusammenbeißen, weil
sie immer noch auf Gelderwerb angewiesen sind, obwohl sie ihr Ar-
beitsvermögen schon in der Fabrik gelassen haben?
Natürlich soll es nicht gegen die v o r m a l i g e
B e n u t z u n g ihrer Arbeitskraft im Ausbesserungswerk oder
sonstwo sprechen, wenn Daimler befindet, die Kollegen zwischen 40
und 60 seien für das Werk nicht mehr brauchbar. Das soll natür-
lich bloß am A l t e r liegen und nicht daran, was mit den Al-
ten in 20 und mehr Arbeitsjahren angestellt worden ist. Denn das
Alter ist, das weiß man, eine Sache der N a t u r; es werden
schließlich auch diejenigen irgendwann alt und gebrechlich, die
ihre Arbeitskraft nicht verkaufen müssen.
Auch sollen die tröstlichen Worte n i c h t g e g e n jene
Sorte von Arbeit sprechen, die g e g e n w ä r t i g in den
Werken von Daimler-Benz eingerichtet ist. Wenn man mit 40 Jahren
die Arbeit in einem Betrieb mitten im freien Westen und am Ende
des 20. Jahrhunderts nicht mehr aushält, ist natürlich nicht
diese Sorte Arbeit ein Skandal. Vielmehr ist die Konkurrenz hart,
der Weltmarkt noch nicht vollständig erobert und deswegen eine
Arbeit, die das Arbeitsvermögen in kurzer Zeit ruiniert, ein
S a c h z w a n g.
Das ist den beteiligten Begutachtern des Arbeitsmarktes inzwi-
schen alles so selbstverständlich, daß sie es als
Eine Eigenheit der Arbeiter
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betrachten, ab einem bestimmten Alter so um die 40 rum zu nichts
so recht mehr zu taugen. Und dann ist es nur zu verständlich,
wenn die Betriebe diesen Menschen "keine Chance" mehr geben kön-
nen.
Allerdings würden sich da schon einige Fragen stellen: Warum Po-
litiker z.B. erst dann so richtig amtskompetent werden, wenn die
Mehrzahl der Lohnarbeiter sich bereits auf oder vor dem Friedhof
tummeln? Warum das Durchschnittsalter der Beschäftigten je nach
"Verantwortung", die sie tragen, zunimmt? Warum denn ausgerechnet
jene, angeblich so unzureichend von der Natur ausgestattete Rasse
auch noch in die Fabrik, statt ans Mittelmeer geschickt wird?
Man muß also nicht Jude, Neger oder Türke sein, um Opfer eines
handfest durchgezogenen Rassismus zu werden. Da reicht es, Lohn-
arbeiter zu sein. Erst wird man in der Arbeit kaputt gemacht,
dann behaupten die dafür auf diese oder jene Weise Verantwort-
lichen so etwas läge an ihrer Natur! Na klar doch: Arm und ver-
braucht zu sein, ist eine Sache der Natur, einsachtzig groß und
rothaarig zu sein, ist eine Sache der gesellschaftlichen Um-
stände!
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