Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Boxenarbeit:
VERKÜRZUNG DER VORGABEZEITEN BIS ZU 20%
1.
Wenn Daimler-Benz jede Effektivierung seiner Arbeitsorganisation
als "Humanisierungsleistung" ausgibt, so erfüllt damit die PR-Ab-
teilung des Werkes ihre Pflicht. Wenn dagegen Arbeiter des Werkes
diesem Schwindel auf den Leim gehen und bereitwillig die Vorzüge
der neuen Boxenarbeitsplätze gegenüber ihren alten Bandar-
beitsplätzen preisen, dann erfüllen sie keine Pflicht. Sie werden
nämlich nicht dafür bezahlt, daß sie für Daimlers angeblich men-
schenfreundliche Arbeitsplätze Reklame machen, sondern daß sie an
ihnen arbeiten. Diese Sorte von "Arbeitsteilung" hat das Werk in
den letzten Wochen noch einmal dadurch kräftig unterstrichen, daß
es für die Arbeit in den Boxen die Vorgabezeiten neu "errechnet"
hat. Dabei ist - was niemanden wundert, wenn er die Zeitnehmer
kommen sieht - herausgekommen, daß die Boxenarbeit geradezu an
"Erholung" grenzt, die Arbeiter in den Boxen "Faulpelze" sind und
den abgestimmten Rhythmus zwischen Band und Boxen
durcheinanderbringen. Kurz und schlecht: die Vorgabezeiten sind
um bis zu 20 % gekürzt worden.
2.
Ganz offensichtlich hat das Werk damit dem Prinzip der Boxenar-
beit nicht widersprochen, sondern es a u s g e n u t z t: Je
besser die Leute in den Boxen nämlich "in kollektiver Absprache"
die Arbeit h i n k r i e g e n, j e m e h r s i e s i c h
a l s "T e a m" eingearbeitet haben, desto aufmerksamer ver-
folgen die Zeitnehmer und Arbeitsplatzingenieure dies. Ihr
"Vertrauen" auf die in die Boxen abkommandierten Strippenzieher,
daß sie als Boxen-Team schon die für sie effektivste Arbeitsein-
teilung und -rotation austüfteln würden, ist nicht enttäuscht
worden. Was bleibt den Boxen-Teams auch anderes übrig, als sich
schnell einzuarbeiten; so daß die Zeitnehmer jetzt die Früchte
ernten können, für die die ganze Boxenarbeit eingerichtet worden
ist. Mit den saftigen Vorgabezeitkürzungen wird den Mannschaften
in den Boxen erneut Gelegenheit gegeben, dieses "Stückchen Frei-
heit" bei Daimler-Benz auszukosten und sich "s e l b s t im
Vier-Mann-Team" die Arbeit einteilen! Das ist wahre Humanisie-
rung, denn bekanntlich wächst der Mensch an seinen Aufgaben.
3.
Wenn Daimler-Benz auf diese Weise das sehr praktische Interesse
der Arbeiter, die Boxenarbeit unter den jeweils gegebenen Bedin-
gungen einigermaßen a u s h a l t b a r z u g e s t a l t e n,
schlicht dafür benutzt, in jede Stunde mehr Arbeit hineinzustop-
fen, dann bedeutet eine 20 %ige Kürzung der Vorgabezeit, daß
Daimler für d e n g l e i c h e n S t u n d e n l o h n eben
bis zu 20% mehr Arbeit erhält. Oder anders gesagt: Was für das
Werk gleichbedeutend ist mit der Verteilung einer gleichbleiben-
den Lohnsumme auf mehr Produkte, ist für die Arbeiter eine Ver-
schlechterung des Verhältnisses zwischen Lohn und Leistung. Für
den gleichen Stundenlohn müssen sie mehr Leistung bringen.
Interessant ist, daß Daimler-Benz hier alle Gerechtigkeits-Flau-
sen, die ihre Leute im Kopf haben mögen, fürchterlich blamiert,
ohne daß sich jemand groß darüber aufregt. Da "bescheißt" sie das
Werk nämlich gleich doppelt:
- Einmal dadurch, daß es für denselben Stundenlohn nun 20 % mehr
Leistung verlangt, was bekanntlich eine nicht unbeträchtliche re-
lative Lohnsenkung darstellt.
- Und zum anderen dadurch, daß so eine Leistungssteigerung die
Arbeitskraft mehr strapaziert; weswegen man davon ausgehen muß,
daß die Lebensarbeitszeit dieser Boxenarbeiter sich weiter ver-
kürzt. Auch dies stellt - bezogen auf das Arbeiterleben - eine
relative Absenkung des Lohns dar.
Einen Aufstand der Arbeiter oder ihrer Gewerkschaft i m
N a m e n v o n G e r e c h t i g k e i t muß das Unternehmen
noch längst nicht befürchten. So sehr zwar alle davon überzeugt
sind, daß die Gerechtigkeit die oberste Tugend im Verhältnis zwi-
schen Arbeiter und Unternehmer zu sein habe, praktisch ernst ge-
nommen wird sie nicht.
4.
Es wäre auch ernstlich nicht zu empfehlen. Denn die
V e r n u n f t hätte eine Forderung nach 2 x 20 %iger Lohnerhö-
hung noch lange nicht auf ihrer Seite. Für Daimler-Benz sowieso
nicht, denn dem Werk kommt es auf diese neue Relation von Lohnko-
sten und ausgebrachter Leistung gerade an; und im
S t u n d e n lohn hat es das Instrument, sie ganz gerecht durch-
zusetzen. Denn der Stundenlohn verspricht dem Arbeiter, für
j e d e S t u n d e e x a k t d a s s e l b e z u
z a h l e n. Eine Sorte Versprechen, das nicht dadurch gebrochen
wird, daß Daimler pro Stunde mehr A r b e i t verlangt.
Auch für die Daimler-Beschäftigten ist diese Rechnung nicht unbe-
dingt vernünftig So wenig zwar gegen eine saftige Lohnerhöhung
einzuwenden wäre, so viel gäbe es an dem dafür entrichteten Preis
auszusetzen. Mehr Geld dafür kassieren, daß der Betrieb einen
noch mehr und noch früher "alle machen" kann - das "rechnet" sich
nicht!
5.
Irgendwie sind die Beschäftigten, wenn sie auf der G r u n d-
l a g e d e s L o h n - P r i n z i p s entgangenes Einkommen
ausrechnen, also trotzdem immer die Beschissenen. Das liegt
daran, daß sich im Lohn das Einkommen allein an dem bemißt, was
der Betrieb von den Leuten will: Arbeit in Zeit! Will es mehr,
hätten die Leute Anspruch auf mehr Einkommen; will es weniger,
müßten die Leute eben auch mit weniger auskommen. Als ob nicht
die einzig spannende Frage, die ans Einkommen zu stellen ist,
lautet: Welche Wünsche kann ich mir noch erfüllen, wenn die
Lebensnotwendigkeiten bezahlt sind?
6.
Aber bei der Festlegung der Maßstäbe in Lohndingen haben hierzu-
lande die Lohnempfänger bekanntlich nichts mitzureden.
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