Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Wie Daimler-Ingenieure die Boxenarbeitsplätze begründen:
AUSBEUTUNG - EIN GESETZ DER ARBEIT
Seit einigen Monaten wird bei Daimler die Kabelsatzmontage nicht
mehr am Band, sondern durch ein "Fertigungssystem mit Boxen" er-
ledigt. Am stehenden Fahrzeug arbeitet ein "Team" von 4 Leuten
jetzt das weg, was vorher am laufenden Band an Einzelarbeitsplät-
zen erledigt werden mußte. Eine Umstellung, die von einigem tech-
nischen Aufwand begleitet war - die Ersetzung der Fließförderung
durch automatische Flurförderzeuge mit rechneroptimierter Karos-
senzuteilung - und den Zweck verfolgte, die Durchlaufzeit je
Fahrzeug bei Beibehaltung der model-mix-Aneinanderreihung zu re-
duzieren. Für die Leute hat sich n i c h t s geändert: Ihr
Schichtplan bleibt, das Einkommen ändert sich nicht, die Arbeit
ist nachwievor nicht mit der Sommerfrische zu verwechseln und die
Minuten bis zum Feierabend werden deswegen wie eh und je gezählt.
"Ändern" tut sich nur für diejenigen Leute etwas, die sich genau
jenen aparten Maßstab zugelegt haben, mit dem Daimler-Benz-Inge-
nieure, die REFA- und Humanisierungs-Fachleute die neuen Ar-
beitsplätze betrachten. Für die ändert sich eben die
B e t r a c h t u n g s w e i s e des Arbeitsplatzes, was den
Arbeitsplatz selbst allerdings völlig kalt läßt.
Vom Standpunkt der Ergonomie (Wissenschaft von den Gesetzen der
Arbeit) her betrachtet, handelt es sich bei der Umstellung näm-
lich ausschließlich um eine
Arbeitserleichterung.
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Daß "Arbeitserleichterung" nicht zu verwechseln ist mit einer Er-
leichterung der Arbeit f ü r d i e L e u t e macht bereits
die kritische Diagnose der Bandfertigung deutlich, welche die In-
genieure vorlegen:
"Kennzeichnend für den damaligen Ist-Zustand (am Band) waren
nicht unerhebliche ablaufbedingte Wartezeiten sowie hohe Anteile
von Wegezeiten. Durch die model-mix bedingte Aneinanderreihung
von Fahrzeugen mit großem Tätigkeitsumfang entstand nicht selten
eine kaum zu verhindernde "Hektik am Band". Diese sequentiell
hohe Belastung der Mitarbeiter führte demzufolge des öfteren - da
im Bandbereich zeitlich nicht mehr ausführbar - zu unvermeidli-
chen Nacharbeitsanteilen." (REFA-Nachrichten, 6/86, S. 5ff)
Sehr genau wissen die REFA-Fritzen hier zwischen dem Arbeitsauf-
wand der A r b e i t e r und dem Aufwand des B e t r i e b e s
an Arbeitszeit zu unterscheiden. Deswegen stößt ihnen die peri-
odisch steigende I n t e n s i t ä t der Bandarbeit - durch die
entsprechende Bandgeschwindigkeit in die Welt gesetzt - als "Hek-
tik" bei Fahrzeugen mit "großem Tätigkeitsumfang" auf. Da wird
von den Fachleuten der "Gesetze der Arbeit" nicht festgehalten,
daß die Leute in gleicher Zeit mehr zu leisten haben, sondern nur
genörgelt, daß deswegen nicht alles 100%ig klappt. Deswegen ent-
decken sie auch in den "ablaufbedingten Wartezeiten" nicht etwa
eine Verschnaufpause für Bandarbeiter, sondern eine Arbeitsunter-
brechung, welche völlig unnötigerweise die "Durchlaufzeit" der
Fahrzeuge im Schnitt erhöht. N a c h a r b e i t darf in ihren
Augen gleich gar nicht passieren, so als ob sie gleichbedeutend
mit der U n t e r l a s s u n g von Arbeiten am Band wäre!
"Warte- und Wegezeiten" sind grundsätzlich schlecht, weil rum-
stehen und rumlatschen, also keine Arbeit! Deswegen fällt ihnen
zur Vermeidung von "Hektik" und "Nacharbeit" eben auch nicht ein,
das Band langsamer zu stellen, es beispielsweise am Fahrzeug mit
dem "größten Tätigkeitsumfang" auszurichten. Sondern sie strengen
ihre arbeitswissenschaftlich geschulten Köpfe an, um ihrem Ideal-
bild eines kontinuierlichen u n d zügigen "Fahrzeugdurchlaufs"
näher zu kommen. Das Resultat sind die Boxen mit automatischer
und rechnergestützter Karossenzuteilung, wobei jede die bei ihr
einzubauenden Teile gleich im Kofferraum mitbringt.
Merkwürdig ist es schon, wenn die REFA-Leute diese von ihnen er-
tüftelte Umstellung als "Arbeitserleichterung", als "Arbeitsopti-
mierung" usw. verkaufen. Wieso diktiert denn A r b e i t e n
eine bestimmte durchschnittliche Durchlaufzeit von Autos? Was hat
es mit A r b e i t zu tun, wenn Warte-, Wege- und Nachar-
beitszeiten verkürzt werden? Welche Bandgeschwindigkeit ent-
spricht denn d e r A r b e i t? Wieso sind die "Gesetze der
A r b e i t" verletzt, wenn der A r b e i t e r sich mal -
freiwillig oder unfreiwillig - ein Pause gönnt? Die können doch
gar nicht v e r l e t z t werden, wenn n i c h t gearbeitet
wird! Es sei denn, die REFA-Leute kennen überhaupt nur eine Sorte
Arbeit, nämlich die
Lohnende Arbeit für Daimler-Benz.
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So reden sie von den "Gesetzen der Arbeit" und optimieren die
sich in Heller und Pfennig für Daimler-Benz auszahlende Ver-
ringerung der Durchlaufzeit. Sie reden von "Arbeitserleichterung"
und meinen die Erleichterung, das Arbeitsvermögen der Leute auch
wirklich so einzusetzen, daß kein Pfennig Lohn fürs Rumstehen
verschwendet wird. Die penetrante Problematisiererei der Arbeits-
dauer findet die Arbeitszeit kostbar, nicht weil man sie sinnvol-
ler füllen könnte, sondern weil sie dem Werk Geld kostet, sich
folglich bezahlt machen soll. Ihnen gilt eben jede Arbeit als
schlecht, die sich nicht lohnt, und jede Arbeit als gut, die sich
lohnt. Ihnen sind die erfolgreich angewandten Prinzipien der
A u s b e u t u n g so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie
diese gar nicht anders denn als "A r b e i t s prinzipien" ken-
nen: So steht denn in dieser Betrachtungsweise eines kapita-
listischen Betriebes einiges auf dem Kopf: Daimler-Ingenieure op-
timieren die Durchlaufzeit je Auto, ohne dabei den Betriebszweck,
in deren Dienst diese Herren ihren Kopf stellen, zu erwähnen. Daß
die Verringerung der Durchlaufzeit die Kosten je Auto senken und
nicht etwa die Arbeit leichter machen soll, daß die Verkürzung
der Arbeitszeit je Auto nicht die Verkürzung der Arbeitszeit je
Beschäftigten leisten soll, ist den Ingenieuren kein Problem,
weil für sie ja Arbeit überhaupt nicht anders geht.
Wer diesen Irrtum, diese Verdrehung, die die Grundlage des Berufs
der Arbeitswissenschaftler ist, auszubaden hat, ist keine Frage.
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Stolz listen die Ingenieure auf, welche
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"Erleichterungen der Arbeit" die Boxenarbeitsplätze bringen
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* sorgt für kontinuierlichen Bandlauf bei der Restmontage
* sorgt für Verringerung von Störungen im Team
* und den Kapo erspart
* um das verlangte Pensum in der Zeit zu schaffen
* was die Nacharbeit reduziert
* was die Durchlaufzeit reduziert
* was die Erholpausen für steife Glieder reduziert
* sorgt für die Abkürzung der Materialsuche
* was die Kontinuität bei Bandtakt erhöht
* was die eingesetzte Arbeit lohnender macht
* was die Korrektur von model-mix-Störungen erleichtert
* was - last but not least - eine Gnade für die Bandscheibe
darstellt und den Scheuermann um einige Jährchen verschiebt
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