Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter


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       Daimler Sorge um Qualität:
       

"QUALITÄT GEHT UNS ALLE AN!" ODER: DER LOHN-BEAMTE VON DAIMLER

...behauptet Vorstandsmitglied H.-J. Hinrichs in einer der letz- ten Nummern von "daimler-intern". Das Thema ist ein Dauerbrenner. Und jeder weiß sofort, was gemeint ist. Nicht die Qualität eines Daimler-Einkommens, nicht die Qualität der Daimler-Überstunden und auch nicht die Qualität der Daimler-Arbeitshetze ist das Thema. Es geht um die Qualität der Fahrzeuge, die in die Schlag- zeilen gekommen ist, weil die Taxi-Innung mit Umstellung auf an- dere Fabrikate gedroht hat. Daß so etwas die Verkaufsabteilung angeht, das mag ja noch angehen. Vielleicht auch die Ingenieure, die sich die entsprechende Heckscheibenkonstruktion, oder was im- mer beanstandet wird, ausgedacht haben. Und auch noch die Abtei- lungsleiter, die die Qualitätskontrolle abnehmen. Dann ist es aber auch schon rum. Kurz: daß es die angeht, die ein dringliches Interesse daran haben, daß die Verkaufszahlen nicht sinken, die deswegen den Ruf der Daimlers hüten wie ihren Augapfel und jeden Verdacht einer Rufschädigung mit allen, einem Konzern zu Gebote stehenden Mitteln entgegentreten, ist eben auch dem Interesse, aus jedem Wagen ein Optimum an Gewinn gegenüber der Konkurrenz herauszuschlagen, durchaus verständlich. Aber wieso denn darüber- hinaus "...uns Alle?!" --------------- Zumal bekanntlich Daimler-Qualität n i c h t o h n e so hübsche Dinge wie Nacharbeit in Überstunden oder Sonderschichten zustandekommt. Zumal Daimler-Qualität als Grund für jede Umstel- lung, für jeden zusätzlich zu erledigenden Handgriff und für ne- benbei noch mit zu erledigende Kontrolle herhalten muß. Kurz: Wer Daimlers zu verkaufen hat, für den ist der Qualitäts- Ruf ein verkaufsförderndes Mittel. Wer keine Daimlers zu verkau- fen, sondern sie so zusammenzukloppen hat, daß Qualität und Ko- sten pro Fahrzeug stimmen, für den faßt sich im Qualitäts-Ruf ziemlich viel von dem, was gegen ihn im Hause Daimler inszeniert wird, zusammen. Vonwegen: "...uns alle!" ------------------------ Und doch wendet sich H.-J. Hinrichs vom Vertrieb an die B e l e g s c h a f t und predigt gerade der, daß sie die Quali- tät fürchterlich viel anginge. Was sagt er: "...trotz der Beanstandungen konnten wir feststellen: Unsere Kun- den bleiben uns treu. Nach wie vor wollen zwischen 85 und 90 Pro- zent als nächstes Fahrzeug wieder einen Mercedes kaufen ... eine einzigartig hohe Loyalität, die wir uns erhalten müssen... Aber wie reagieren diejenigen anderen Autofahrer, die wir in den näch- sten Jahren für unsere Marke neu gewinnen wollen. Da sie uns noch nicht aus eigener Erfahrung kennen, richten sie sich nach unserem Ruf. Diese zukünftigen Kunden müssen wir von unseren "Qualitäten" erst noch überzeugen. Und hier sind wir alle, hier ist jeder Mit- arbeiter gefordert, an seinem Arbeitsplatz, aber auch jeder Ein- zelne in seinem persönlichen Lebenskreis ... Dazu gehört, daß wir zu unserer Mercedes-Qualität stehen. Daß wir selbst davon über- zeugt sind und klar und eindeutig Stellung beziehen: Wir haben nach wie vor das beste Produkt.. Daran darf es keinen Zweifel ge- ben - dem Kunden gegenüber nicht und auch nicht in den Gesprä- chen, die jeder von uns in seinem persönlichen Umfeld führt. Denn: Mercedes-Qualität, das sind wir selbst." Leider ist es nicht so, daß hier ein überkandidelter Vorstands- hänger seine Firmenphilosophie etwas überzieht. Was der Mensch mit seinem Rasiermesserlächeln da dem Daimler-Volk unterbreitet, daß sind einige Neue Qualitätskriterien. ------------------------ Die haben erst mal gar nichts mit der Arbeit zu tun. Da läuft of- fenbar alles seinen geregelten Gang. Und wer in dieser Qualitäts- Predigt allein den Auftakt zur Ankündigung neuer Überstunden zwecks Ausgliederung von Nacharbeiten wittert, der täuscht sich. Es geht nicht um das Arbeitsvermögen und seine Benutzung in der Arbeit. Es geht um die G e s i n n u n g des Daimler-Arbeiters und darum, daß er die r i c h t i g e G e s i n n u n g n i c h t f ü r s i c h b e h ä l t. Das ist insofern ein ziemlicher Hammer, als man doch gelegentlich schon mal den reich- lich resignativen Spruch drauf hatte, daß das Werk einem ja vieles vorschreiben könne, nur die eigenen Gedanken zu dem ganzen Scheiß, die könne das Werk einem nicht vorschreiben. Ja, denkste! Gekauft ist gekauft, müssen diese Brüder denken, nicht nur mit Haut und Haaren, sondern mit der 'Seele', nicht nur für die Arbeitszeit, sondern darüber hinaus auch noch als Repräsentant der Mercedes-Qualität, als Sendbote des Hauses mit dem 'guten Stern', kurz: als (unbezahlter) W e r b e t r ä g e r für jene Autos, in denen all jener Reichtum steckt, den Daimler-Benz in seinen Bilanzen stolz vorzeigt. Das ist fast schon wie ein Über- gang vom Lohnarbeiter zum Beamten. Der darf auch nicht nur - und will auch gar nicht! - nur seinen Job tun und dann den staatli- chen Arbeitgeber einen guten Mann sein lassen. Sein Treueeid er- lischt auch nicht nach Dienstschluß: Etwa morgens die Schüler fürs Privateigentum agitieren und nachmittags Socken klauen, das geht beim Beamten nicht. Daimler-Arbeiter werden von ihrem Vor- stand schon fast so eingeplant. Nur unkündbar und mit Pensionsan- spruch ausgerüstet sind sie nicht. Aber ist denn das alles Ernst gemeint? -------------- Muß man in Zukunft jeden Monat einen neuen Daimler-Kunden gewor- ben haben, wenn man seinen Arbeitsplatz behalten will? Ist es Pflicht, in der Freizeit vor den Opel-BMW- oder Citroen-Schaufen- stern Mercedes-Werbung zu betreiben? Das nicht. Zum Arbeitsver- trag gehört das nicht. Und für die Werbung behält Daimler-Benz weiterhin seine Fachleute. Nur hat es eben E h r e n s a c h e zu sein, die Firmenphilosophie- "Mercedes-Qualität, das sind wir selbst" - voll drauf zu haben. Sozusagen als selbstverständliche Zusatzqualifikation wird vom Werk eine Art Treueeid auf den Daim- ler-Stern vorausgesetzt. Ganz schön frech das Ganze: Da existiert ein Arbeitsvertrag zwi- schen dem Werk und den Beschäftigten, das objektiv den Tatbestand der Nötigung erfüllt, weil eben nur die eine Seite dieses Ver- tragsverhältnisses über Mittel und Wege verfügt, alle Bedinungen zu diktieren, und weil die andere Seite froh zu sein hat, wenn sie überhaupt beschäftigt wird; und dann verlangt das Haus Daim- ler-Benz, daß das ganze Beschäftigungsverhältnis wie eine E h r e betrachtet werden soll, welche jedem einzelnen Beleg- schaftsmitglied zuteil wird und für die es sich dann durch das Ablegen besonderer Treuebeweise auch noch zu revanchieren hat. Und an Gelegenheiten zum Beweisen, daß einen Arbeiter oder Ange- stellten mit dem Hause Daimler viel mehr verbindet als nur das "schnöde Interesse", an die lebensnotwendigen Kohlen heranzukom- men, verschafft Daimler seiner Belegschaft allemal. zurück