Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK AUTOINDUSTRIE - Von Daimler bis VW
zurück
VW macht mobil
ARBEITSPLATZSICHERUNG NACH ART DES HAUSES - ÖFFENTLICHER
GENERALANGRIFF AUF DAS VERHÄLTNIS VON LOHN UND LEISTUNG
Die Volkswagen AG hat sich ins Gerede gebracht, gerade rechtzei-
tig zum 50jährigen. Nicht unfreiwillig wie letztlich beim ver-
geigten Devisengeschäft, sondern gezielt wie jüngst Krupp mit
seinem Entschluß, das Werk in Rheinhausen zu schließen. Der deut-
sche Renommierbetrieb, in dem nach allgemeiner Auffassung
"Wolfsburger Verhältnisse" herrschen, also eine erfolgreiche So-
zialpartnerschaft modellhaft läuft und läuft, hat der Presse eine
interne "Stoffsammlung" zugespielt, ein Strategiepapier, in dem
ein Maßnahmenkatalog zur Senkung der Produktionskosten niederge-
legt ist. Zur Diskussion gestellt wird freilich nichts, wenn der
Betrieb bekanntmacht, was er an Verbesserungen im geschäftlichen
Umgang mit der Belegschaft im Visier hat. Die Öffentlichkeitsar-
beit ist Teil einer auch in Rheinhausen erprobten Unternehmens-
strategie: Wir melden unsere Ansprüche in Form von "Überlegungen"
vor aller Welt an; Betroffene, Gewerkschaft und Öffentlichkeit
dürfen sich daran abarbeiten, Klassenkampf auf Ansage - so funk-
tioniert er demokratisch.
Was
Aus der Vorstandsetage
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in der demokratischen Öffentlichkeit zu vernehmen war, ist ein
totaler Revisionsbedarf in Sachen Arbeitslohn, Arbeitszeit und
Arbeitsleistung, ein Angriff auf alles, was als Ausweis für die
Erfolge sozialer Marktwirtschaftsbetriebe und gewerkschaftlicher
Tarifpolitik und Mitbestimmung gilt: das gültige L o h n -
L e i s t u n g s - N i v e a u und seine t a r i f v e r-
t r a g l i c h e E i n r i c h t u n g:
"An Maßnahmen, die Änderungen der Tarifverträge bedingen, werden
folgende zur Diskussion gestellt: eine Erhöhung der Leistung
würde eine Kostenreduzierung von 350 bis 370 Millionen DM pro
Jahr erbringen und schätzungsweise 5500 bis 5800 Mitarbeiter
überflüssig machen. Bei VW versteht man darunter u.a. eine Anpas-
sung der Erholungszeiten an den Bändern an den Wettbewerb, z.B.
an Ford. Bei VW gibt es z.Zt. außer einer gesetzlichen Pause von
30 Minuten pro Schicht noch 14 Minuten Bedürfniszeit (sg.
"Pinkelpausen") sowie 40 Minuten Erholzeit, insgesamt also 94 Mi-
nuten pro Schicht, von denen 64 Minuten bezahlt werden.
Eine Optimierung der Arbeitszeit würde die Kosten um weitere 110
Mill. DM pro Jahr reduzieren und rund 300 Mitarbeiter freisetzen.
Es handelt sich dabei u.a. um eine Tarifvereinbarung über Erho-
lungsfreizeit aus dem Jahre 1948 vor dem Hintergrund der damali-
gen harten Arbeitsbedingungen... Schließlich würde eine Reduzie-
rung von finanziellen Leistungen (Weihnachtsgeld, Sonderzahlun-
gen, Urlaubsgeld, vermögenswirksame Leistungen) 776 Mill. DM pro
Jahr an Kostenreduzierung bringen. Insgesamt würden alle Maßnah-
men, die Änderungen der Tarifverträge bedingen, Kostenersparnisse
zwischen 1,34 und 1,46 Mrd. DM bringen und einen Freisetzungsef-
fekt zwischen 8800 und 9100 Mitarbeitern haben.
An Maßnahmen, die betriebsintern geregelt werden können, nennt
das VW-Vorstandspapier wiederum eine Erhöhung der Leistung, die
die Kosten um 480 bis 500 Mill. DM reduzieren würde und 7200 bis
7600 Mitarbeiter freisetzen würde. Hier schwebt dem VW-Vorstand
eine Anhebung der VW-Standardleistung durch Absenken der Vorgabe-
zeiten für alle Tätigkeiten vor. Während die Leistungserwartung
zur Zeit bei 100 liegt, sollte sie eigentlich bei 120 liegen, um
damit wieder an den nationalen Leistungsstandard heranzukommen.
Die Arbeitszeit der Mitarbeiter am Band werde zur Zeit nur zu ca.
85 bis 95 % genutzt...
Wenn der derzeitige Krankenstand bei VW nur um einen Prozentpunkt
für die Gesamtbelegschaft gesenkt werden könnte, brächte dies 100
Mill. DM Kostenreduzierung sowie einen Freisetzungseffekt von
1300 Mitarbeitern. Auch könnten die Abwesenheitszeiten unter Ein-
beziehung von Arbeitszeitverkürzung, verschiedenen variablen
Schichtmodellen und gleitender Arbeitszeit, Tarifurlaub usw. noch
stark verbessert werden...
Die bisher geplanten Maßnahmen zur Reduzierung der Personalko-
sten brächten im laufenden Jahr bereits 300 Mill. DM, im nächsten
Jahr 700 Mill. und 1990 eine runde Milliarde DM. In den Jahren
1991 und 1992 würde dieser Betrag dann noch weiter auf 1,1 bzw.
1,6 Mrd. DM ansteigen...
Generell wird festgestellt, daß die Volkswagen AG mittelfristig
bei normaler Absatzerwartung ein Unternehmensergebnis vor Steuern
in Höhe von rund 4 Mrd. DM bzw. eine Umsatzrendite von 8% anstre-
ben sollte." (Handelsblatt vom 31.5.88)
Dieses Dokument unternehmerischer Zukunftsplanung läßt an Deut-
lichkeit und Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig. Die Be-
triebsmanager drücken ihre Unzufriedenheit aus mit den alltägli-
chen Methoden und Ergebnissen beim Kampf um Kostensenkung. Nicht,
als wenn sie nicht erfolgreich gewesen wären mit dem gewohnten
Muster, auf der Basis des Tarifvertrages in Verhandlungen mit dem
Betriebsrat und mit den Mitteln immer modernerer Technik und Ar-
beitsplatzgestaltung die Lohnstückkosten zu senken. Nicht, als
wenn sie nicht immer wieder hier an der Leistungsschraube ge-
dreht, dort einen Akkord neu festgelegt und Arbeitsplätze ständig
nach Rentabilitätskriterien neu organisiert und dabei Arbeiter
überflüssig gemacht hätten. Dieser normale kapitalistische Alltag
im Betrieb, der sich für die Unternehmensseite immerzu auf der
Plus-Seite, für die Arbeiter aber auf der Minus-Seite bilanziert,
wird p r o g r a m m a t i s c h nach dem Grundsatz durchsor-
tiert, der ohnehin in ihm zur Geltung kommt: nach dem
G r u n d s a t z d e r K o s t e n s e n k u n g - und zwar in
einer Größenordnung, die sich der Betrieb als Plansoll selber
vorgibt: Die Löhne sollen um 6% gesenkt, pro Schicht statt vier-
zig nur noch 10 Minuten Erholzeit erlaubt, nur noch maximal ein
13. Monatsgehalt gezahlt und die Belegschaft um mindestens 10%
abgebaut werden... Kein Moment des vom Betrieb bestimmten und
laufend veränderten Arbeitseinsatzes und Verdienstes bleibt unbe-
rücksichtigt: die Intensität der Arbeit, ihre tägliche Länge und
betriebsdienliche Verteilung, die Jahresarbeitszeit, der Ta-
riflohn, die Sonderzahlungen, die Fehlzeiten und die Beleg-
schaftsstärke - überall will das Werk gleichzeitig ansetzen.
E r s t e n s betrachtet das Unternehmen damit die Umstände, mit
denen es sich die profitliche Benutzung der Belegschaft gesichert
hat, wie eine einzige Schranke ihrer Verwendung. Seine freie Ver-
fügung über die Arbeitskräfte behandelt es als selbstverständ-
lich. Bei der radikalen Frage: Wie läßt sich das Verhältnis von
Aufwand und Ertrag im Bezug auf die Beschäftigten grundlegend
verbessern? b e s t r e i t e t es nämlich j e d e n
Z u s a m m e n h a n g, den es bisher zwischen Arbeitseinsatz
und Arbeitslohn praktisch anerkannt hatte. Bei der
L e i s t u n g wird so getan, als hätten Pausen und Erholzeiten
gar nichts mit der Arbeitsintensität zu tun, die durch die Vorga-
bezeiten definiert wird, und als seien die Vorgabezeiten beliebig
zu senken und der entsprechende Einsatz an den Bändern beliebig
zu erhöhen. So definiert das Unternehmen Teile der Arbeitszeit
als pure N i c h t a r b e i t s zeit, die entfallen soll, und
den Rest als u n a u s g e f ü l l t e Arbeitszeit, wo noch
massenhaft Leerlauf vermieden werden kann. Der Betrieb bean-
sprucht also Mehrarbeit in jeder Minute bei gleichzeitiger Ar-
beitszeitverlängerung am Band, wenn er die Arbeitsorganisation
wie ein Arsenal von unabhängigen Momenten der Arbeitsverausgabung
behandelt, die jedes für sich und alle zusammen verändert werden
können. Und genauso frei kalkuliert er auch mit den Elementen der
Wochen-, Monats- und Jahresarbeitszeitregelung.
Der L o h n wird entsprechend rücksichtslos wie ein Sammelsu-
rium von lauter Posten betrachtet die gekürzt oder gestrichen
werden können. Weil ein Teil des Lohns in Form von
S o n d e r zahlungen entrichtet wird, mit denen sich das Unter-
nehmen die reibungslose Verfügung über seine Belegschaft gesi-
chert und ernsthafte Lohnauseinandersetzungen dauerhaft erspart
hat, erklärt VW diese Lohnbestandteile zu einer "Ü b e r"-Bezah-
lung, einer Extraleistung des Betriebs, auf die er und damit die
Belegschaft verzichten kann, ohne daß deswegen der Einsatz für
den Betrieb oder gar der alltägliche Betriebsfriede irgendwie
leiden darf; im Gegenteil, die werden ja vermehrt in Anspruch ge-
nommen. Das ganz und gar nicht illusionäre Planungsziel steht da-
mit fest: ein Lohn-Leistungsstandard ungefähr wie in den 50er
Jahren, aber mit den Produktivitätsfortschritten und durchratio-
nalisierten Anforderungen heutiger Arbeitsplätze und mit den fle-
xiblen Arbeitszeitmodellen und Rundum-Betriebszeiten sowie mit
den niedrigen Lohnzuwachsraten, für die der DGB der 80er Jahre
einsteht.
Z w e i t e n s r e c h n e t der Betrieb so unideologisch, wie
es sich für eine anständige Kalkulation gehört, auf der anderen
Seite mit dem Zusammenhang, den er durch seine Sparmaßnahmen sel-
ber stiftet: dem Z u s a m m e n h a n g von Beschäftigung und
Nichtbeschäftigung. Als "Freisetzungseffekt", auf den es ihm an-
kommt, bilanziert der Konzern für die nähere Zukunft mehr als
16000 ersparte Arbeitskräfte. So kommt sie also zustande, die
Millionenarbeitslosigkeit. Nicht wegen mangelnder Beschäftigungs-
möglichkeit und teurer Löhne, sondern berechnet und berechnend:
als Ergebnis organisierter Mehrarbeit und Lohnsenkung.
D r i t t e n s unterscheidet bei seinen Plänen zur Kostensen-
kung außer nach der Wirkung auf seine Bilanz nur noch danach, ob
die Maßnahmen "betriebsintern" zu handhaben sind oder tarifver-
tragliche Regelungen geändert werden müssen, behandelt also den
Generalangriff auf den Lohn als eine reine
A b w i c k l u n g s f r a g e mit den entsprechenden Instan-
zen. Das Schmuckstück des deutschen Wirtschaftswunders und der
sozialen Marktwirtschaft will nämlich entgegen allen Verlautba-
rungen nicht bloß die üblichen betriebsinternen Freiheiten auf
der Grundlage laufender Tarifverträge ausnutzen, sondern - offi-
ziell "erst nach dem Auslaufen der bis Oktober 1990 befristeten
Verträge" - Abmachungen mit der Gewerkschaft aufkündigen. Dabei
macht sich der Betrieb, wenn er über die 'überhöhten' Lohnkosten
im Vergleich zu anderen Autofirmen klagt, die Besonderheit des
VW-Haustarifvertrags zunutze: Was anderswo durch gesonderte Be-
triebsvereinbarungen über den Metalltarifvertrag hinaus an
'Extras' ausgehandelt und normal ist, das ist bei VW Bestandteil
des F i r m e n t a r i f v e r t r a g s. Jetzt gibt das den
Grund ab, unter dem Firmenschild 'Betriebsbesonderheiten' gleich
alle Tarifvertragsgrundsätze in Frage und zur Neuverhandlung zu
stellen.
V i e r t e n s stellt das Unternehmen mit seinen angestrengten
Vergleichen, welcher konkurrierende Betrieb mit welchen Kosten um
wieviel günstiger liegen soll, bei wem die Umsatzrendite höher,
bei wem die Arbeitszeit länger sei usw., auch klar, was es mit
dem dauernd beschworenen nationalen und internationalen Konkur-
renzvergleich auf sich hat. Für den Anspruch mehr zu produzieren
mit weniger Kosten, wird ausdrücklich nicht mit einer Notlage
"argumentiert", sondern mit Chancen, die die gegenwärtige präch-
tige Autokonjunktur bietet. Das Unternehmen will, weiterhin und
für die absehbare Zukunft, der Konkurrenz die Maßstäbe
s e t z e n.
Dabei wird mit einer Gegenposition der Arbeiter erst gar nicht
gerechnet. VW erhebt seinen Anspruch auf die von Marx beschrie-
bene Wirkung eines wachsenden Arbeitslosenheeres, Konkurrenzdruck
auf die Beschäftigten und allgemeine Lohnsenkung. Nicht durch den
Interessenkampf zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft und
nicht entsprechend dem Ausgang dieses Kampfes, sondern durch un-
ternehmerischen Beschluß soll diese Wirkung in Kraft treten - ab-
gesegnet nach der Art der gewöhnlich gewordenen Tarifverhandlun-
gen durch f r e i w i l l i g e Z u s t i m m u n g seitens
der Gewerkschaft.
Das ist die eine Hälfte der unternehmerischen Strategie. Die an-
dere Hälfte besteht in
Öffentlichkeitsarbeit
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Die VW-Manager haben ihr Kampfprogramm bewußt zu einer öffentli-
chen Sache erklärt und kalkulieren darauf, daß sie keine Minus-,
sondern Plus-Punkte machen, wenn sie ankündigen, den VWlern künf-
tig nach allen Regeln kapitalistischer Kunst alle gewohnten Ar-
beits- und Lebensumstände zu bestreiten. Sie setzen auf die ei-
gentümliche Logik: Je f r e c h e r die Ankündigung, je
h ä r t e r die beabsichtigten Maßnahmen, umso mehr steht fest,
daß der Betrieb es ernst meint, umso klarer ist auch, daß seine
Forderungen n o t w e n d i g und gut begründet sind. Und die
geschulte demokratische Medienmafia hat ihnen auch prompt Recht
gegeben. Kein einziges Wort der Kritik ist laut geworden, sondern
lauter Zustimmung: Kaum von der Geschäftleitung ausposaunt, hat
es jeder schon lange gewußt: So kann es nicht weitergehen. Zum
Beweis durften wieder einmal ungerührt die ideologischen Titel
herhalten, mit denen Unternehmer hierzulande noch das rücksichts-
loseste Kapitalinteresse in einen Dienst am Gemeinwesen verwan-
deln, der natürlich seinen Preis hat. Von 'Spiegel' bis 'Bild'
hielten sich alle streng an die aus Wolfsburg ausgegebene Sprach-
regelung:
"...halten wir unser höchstes Ziel, langfristig die Wettbewerbs-
fähigkeit der Volkswagen AG zu sichern und dadurch sowohl die
deutschen Produktionsstätten zu stärken als auch die Beschäfti-
gung in ihnen zu stabilisieren, für gefährdet." (Vom "Spiegel"
zitiert aus dem Vorstandspapier "Tarifpositionen zur langfristi-
gen Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und der Arbeitsplätze")
Sorgen, sich irgendwie unglaubwürdig zu machen, haben die unter-
nehmerischen Propagandachefs und ihre öffentlichen Nachbeter of-
fenbar nicht, wenn sie von stabiler Beschäftigung, schwarz-rot-
goldenen Standorten und drohenden Gefahren reden. Das hochoffi-
zielle Versprechen, die Belegschaft um mindestens 10% abzubauen,
die öffentlich wiedergegebene Kalkulation des deutschen Multi mit
seinen weltweiten Fabriken und die Erfolgsmeldungen über immer
neue Produktions-, Umsatz- und Gewinnrekorde gelten nicht als
W i d e r l e g u n g, sondern v e r d e u t l i c h e n, wel-
cher Anspruch da eigentlich aufgestellt und allgemein gutgeheißen
wird: Wettbewerbsfähigkeit, d. h. unbedingter E r f o l g in
der Konkurrenz - das wird zur P f l i c h t der Arbeitgeber er-
klärt, und daran gemessen machen die ideologischen Ungereimthei-
ten durchaus einen Sinn.
Wenn es heißt, nur langfristige Sicherung der Gewinne diene der
Beschäftigung, dann kommt hier die allbekannte Logik zum Zuge,
für die Bewahrung des angeblich höchsten Gutes, dem sich Unter-
nehmer und Nation verschrieben hätten, müßten halt notwendiger-
weise lauter Abstriche von eben diesem Gut gemacht werden - die
demokratische Gleichung von Sicherung und Einschränkung. Öffent-
lich wird kundgetan, daß Wachstum, blendende Konjunktur und
G e s c h ä f t s e r f o l g keinen Anspruch auf
'Beschäftigung' begründen, sondern umgekehrt: einen A n-
s p r u c h d e s K a p i t a l s, den Einsatz der Arbeiter
für das Geschäftswachstum zu verbessern - ein paar Tausend
zusätzliche Arbeitslose eingeschlossen. Die Drohung mit der Mög-
lichkeit künftigen Geschäftskrisen und Massenentlassungen, gegen
die man sich jetzt gerade mit betrieblichen Lohnsparprogrammen
härtesten Kalibers wappnen müsse, streicht das Moment von Ver-
sprechen, das in der Rede vom Erhalt der Arbeitsplätze durch den
guten Gang der Geschäfte ja noch irgendwie anklingt, und wendet
das Argument mit den zwei Millionen Arbeitslosen offensiv, so
nämlich, wie es w i r k l i c h in Anschlag gebracht wird: Das
Programm 'Erhaltung von Arbeitsplätzen durch Kapitalwachstum' be-
deutet Lohnsenkung sowie E n t l a s s u n g e n a l s
D a u e r p r o g r a m m. Was da vorsorgliche Krisenvermeidung
heißt, ist das Ideal des immerzu zu eigenen Gunsten
e n t s c h i e d e n e n M a r k t v e r g l e i c h s, der
immerzu garantierten Spitzenposition in Sachen rentabler Produk-
tion und Marktbeherrschung, ohne die kein Arbeitsplatz sicher und
für das jeder Arbeitsplatz mit seinen Leistungs- und Lohnvorgaben
tauglich sein soll. Daß mit dieser Sicherung der Wettbewerbsfä-
higkeit die Unternehmen die Konkurrenz a n h e i z e n und die
Krise h e r b e i f ü h r e n, die sie angeblich vermeiden wol-
len, auch das wird nicht verschwiegen, sondern nationalistisch
interpretiert: D e u t s c h e Standorte gilt es zu sichern.
Das verkündet ein Konzern, der den Kostenausgleich selber längst
weltweit praktiziert und genau damit droht. Den Japanern und Ko-
reanern gilt es zu begegnen, echot eine Öffentlichkeit, die genau
weiß, wie und wo VW und andere mit denen kooperieren.
Die L e i s t u n g d e r ö f f e n t l i c h e n
P r o p a g a n d a ist also nicht zu unterschätzen - an der
Börse wurde sie umgehend mit einem Anstieg der Kurse honoriert.
Ein Unternehmen wie VW bringt eben gar nicht bloß seine ökonomi-
sche Macht in Anschlag. Es bringt sich als nationale Institution
in Erinnerung, die allseits Anerkennung verdient. Und es kann
sich dabei auf eine Öffentlichkeit verlassen, die zwar nichts in-
teressiert, was wirklich an den Produktionsbändern passiert, die
aber eins sicher weiß und dementsprechend urteilt: Das einzig
schlagende Argument sind erfolgreiche Unternehmensstrategien. So
kann VW getrost auf ein Klima setzen, das am Fall Rheinhausen ge-
rade die unabweisbaren Notwendigkeiten einer nationalen 'Krisen'-
Branche und das allseitige Bedauern, das den Opfern dieser Ge-
schäftsnotwendigkeiten allenfalls gebührt, vorexerziert hat. Der
Großkonzern braucht nicht einmal das bißchen Kritik zu fürchten,
das Krupp zuteil geworden ist. Der flehentliche Ruf:
'Wolfsburg... muß Autostandort bleiben!' erübrigt sich nämlich,
da VW mit dieser Leistung selber agitiert. Auch das ein Hinweis,
wozu eine kritische demokratische Öffentlichkeit gut ist: Die Ko-
stensenkungspläne des Autokonzerns brauchen keinen Vergleich mit
Krupp zu scheuen, die vorgesehenen Entlassungszahlen schon gleich
nicht; aber einen Betrieb rücksichtslos konkurrenzfähig zu erhal-
ten, das erweckt Bewunderung und erledigt jeden Einwand.
Auf diese Weise erfahren Beschäftigte und Unbeschäftigte, was in
ihrem Namen allgemein für notwendig gehalten wird. Inzwischen
weiß ein jeder, daß alle Betriebe Herausforderungen zu bestehen
haben und Maßnahmen fällig sind, die den Fall Rheinhausen in den
Schatten stellen, und jeder weiß auch warum:
Um der Nation und damit der Wirtschaft und damit uns allen, wei-
tere Rheinhausens zu ersparen.
Und wo es alle wissen, da weiß es einer schon längst und vor al-
len:
Die Arbeitervertretung
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Die rühmt sich jetzt, all das, was da an Konkurrenzanforderungen
auf deutsche Automobilunternehmer zukommt, schon längst vorherge-
sehen und die unausweichlichen Maßnahmen längst eingesehen zu ha-
ben, bevor sie öffentlich auf die Tagesordnung gekommen sind. Mit
diesem zweifelhaften Selbstlob hat sie völlig recht: Seit Monaten
gibt sie sich alle Mühe, als nationaler Krisenaugur die von den
Unternehmem berechnend beschworene künftige Gefahr eines allge-
meinen Konjunktureinbruchs entschieden zu bekräftigen, auszumalen
und eine regelrechte Panikmache in Gang zu setzen. Mit den wach-
senden Ansprüchen der Unternehmer sieht sich nämlich die Arbei-
tervertretung herausgefordert. Herausgefordert in ihrem
V e r s t ä n d n i s für die Wettbewerbsbedürfnisse der natio-
nalen Arbeitgeber und für die daraus abgeleiteten Konsequenzen,
die sie unter dem Titel 'Krise' mit dem Siegel der
U n a u s w e i c h l i c h k e i t versieht. Der VW-Aufsichts-
rat-Vize Steinkühler hat schon vor Monaten herumposaunt, daß
künftig "Jahr für Jahr weit über 10000 Stellen" abgebaut werden,
und hat das nicht für einen Einwand oder gar einen Aufruf zur Ge-
genwehr, sondern für eine Selbstverständlichkeit gehalten, mit
der er und jedermann zu rechnen hat. Die IG Metall jedenfalls tut
es nach Kräften:
"Für die nächsten Jahre ist eine Talfahrt der Beschäftigung in
der Autoindustrie absehbar..." (gewerkschafter 5/88)
"Deutschlands Autobauer müssen auf die Bremse treten - eine welt-
weite Strukturkrise bedroht Absatz und Arbeitsplätze... Mittel-
fristig kann keiner die Gefahren übersehen, die aus dem mörderi-
schen Kampf um die Weltmärkte entstehen und schon jetzt zu großen
Einbrüchen in den Betrieben führen." (metall, 7/88)
Unermüdlich betätigen sich die Funktionäre, befragt und unbe-
fragt, als Krisenprognostiker, die all das, was sie verhindern zu
wollen vorgeben, ankündigen - als Sachzwang- oder als Gefahr, was
für sie so ziemlich dasselbe ist:
"Daß es zumindest mit der Beschäftigung in der Automobilindustrie
nicht so weitergeht wie bisher, vermutet die IG Metall auch. Zwar
gibt es zur Zeit noch einen Autoboom, aber in den nächsten Jahren
wird nach den uns vorliegenden Prognosen die Stückzahl der produ-
zierten Autos sinken und gleichzeitig die Produktivität der Auto-
mobilfirmen weiter steigen. So entsteht eine Beschäftigungs-
schere, der im nächsten Jahrzehnt Tausende von Arbeitnehmern zum
Opfer fallen werden." (IGM-Pressesprecher Barczynsik in der taz)
"Am Ende dieser Angleichung stünden dann spanische, mexikanische
oder südkoreanische Löhne und Arbeitsbedingungen." usw. usw.
Lässig beherrschen die gewerkschaftlichen Warner den Übergang von
der wachsenden Betroffenheit der Arbeiterschaft zur Betroffenheit
des Kapitals, um die sich die Gewerkschaft im Namen des deutschen
Proletariats zu kümmern hat, wenn es die Unternehmer schon nicht
selber ordentlich machen:
"Die Lebensbedingungen der Arbeitnehmer dürfen nicht 'kanniba-
lisiert' werden und das von ihnen erarbeitete Kapital 'vater-
landslos an den jeweils günstigsten Standort der Welt flüchten'."
(Steinkühler in metall 7/88)
So drastisch malt die IG Metall ihren Standpunkt der Sorge aus,
"daß die Wirtschaft der BRD insgesamt international wettbewerbs-
fähig ist und bleibt" (quelle 4/88). Unter dem Titel "unsere Ar-
beitsplätze" macht sie sich genau für das Programm stark, das aus
den Vorstandsetagen angekündigt wird: "Sicherung der nationalen
Konkurrenzfähigkeit" und bietet ihre positive Mitarbeit an: Nicht
"bloßes Ablehnen der unternehmerischen Strategien", sondern
"gestaltend die Entwicklung der Verhältnisse beeinflussen"(metall
7/88), heißt ihre Parole.
Kritisch, fordernd, bittend tritt die Gewerkschaft nur noch in
einer Rolle auf: als Anwalt des Ideals, das sie den Forderungen
von VW entnimmt und längst für alle Autobetriebe verallgemeinert
hat, des Ideals einer langfristig geplanten, gemeinschaftlich or-
ganisierten, also weitsichtigen Geschäftspolitik - mit all ihren
Folgen. Die Krisenbeschwörer erheben den Anspruch auf ein natio-
nales K r i s e n m a n a g e m e n t und bringen sich als die
einzige Kraft ins Spiel, die deutsche Unternehmer vor den schäd-
lichen Folgen künftigen Mißmanagements bewahren kann - der Gefahr
nämlich, nicht der internationale Krisengewinnler zu sein:
"Wenn in der Autoindustrie eine Krise kommt, wird ein Zustand
eintreten, in den man genauso unvorbereitet hineintaumeln wird
wie bei Werften und Stahl, weil man alle Krisenzeichen schlicht
leugnet, ignoriert, verdrängt... Wir wollen vielmehr Planungen
transparent machen... verläßliche Vorgaben... Wir glauben, daß
die Verantwortlichen an einen Tisch müssen und daß Strukturvorga-
ben gemacht werden müssen, an denen man sich orientieren und
festhalten kann... Meine Auffassung ist, daß wir die gewünschten
Veränderungen nicht ad hoc und kurzfristig, sondern langfristig
und verläßlich herbeiführen müssen..." (Steinkühler-Interview in:
Wirtschaftswoche 5/87)
Ein 'Krisenbewältigungsprogramm' in der Hochkonjunktur, Entlas-
sungen auf lange Sicht und noch mehr Mitwisserschaft über die Ge-
schäftsnotwendigkeiten, so sieht das "vorbeugende Handeln" aus,
mit dem die IG Metall und ihre Betriebsräte "noch aus einer star-
ken Position heraus die Zukunft der Branche mitgestalten" wollen
(metall 7/88). Man mag sich gar nicht fragen, was dieser Gewerk-
schaft in der Krise alles einfallen wird, wenn sie jetzt schon
mit all ihrer Stärke nach einschneidenden Maßnahmen ruft und
'gute Geschäftszeiten' nicht für ein Argument für Lohnforderun-
gen, sondern für die beste Gelegenheit hält, notwendige Härten
reibungslos durchzusetzen.
So macht sich die Arbeitervertretung mit ihrem Selbstverständnis
als ideeller Gesamtbeschäftigungsanwalt ihrerseits zum bewußten
Parteigänger all der Wirkungen einer anschwellenden Reservearmee,
welche die Kapitalisten programmatisch einfordern. Sie vertritt
nicht das Interesse an ihrer K o m p e n s a t i o n, sondern
an ihrer einvernehmlichen Regelung. Und sie w e h r t sich
nicht gegen die öffentliche Stimmungsmache gegen Lohn und für
deutschen Geschäftserfolg, sondern s c h ü r t selber unentwegt
das Klima, auf das VW mit seiner Öffentlichkeitskampagne gesetzt
hat.
Entsprechend konstruktiv und geheuchelt sind die Einwände ausge-
fallen, die das veröffentlichte VW-Papier bei der IG Metall her-
vorgerufen hat. Kaum "sagen die (VW) einfach, die sind uns zu
teuer", wie sich die Gewerkschaft pro forma beschwert, weiß sie
auch schon, daß "bei VW viel passieren muß", um die Arbeitsplätze
zu sichern. Kein Wunder, hat die Gewerkschaft in Gestalt des Be-
triebsrats doch längst hinter verschlossener Tür über das Spar-
programm mit dem Unternehmen verhandelt und hätte das gerne noch
weitergemacht und die Belegschaft mit allgemeinen Auskünften be-
züglich der "langfristigen Sicherung der Arbeitsplätze" abge-
speist, wäre der Betrieb nicht an die Öffentlichkeit getreten.
Kaum plant der Betrieb nach Auskunft des Betriebsrats seine
"Probleme" "einseitig auf dem Rücken der Beschäftigten abzula-
den", schon wissen die alternativen Manager genau über "gewisse
Wettbewerbsnachteile" Bescheid:
"Einige für die Belegschaft ausgehandelte Sonderleistungen verur-
sachen dem Konzern erhebliche Kosten. Darüber wird zwischen Vor-
stand und Gewerkschaft zu reden sein." (Süddeutsche Zeitung,
30.5.)
Kaum beschwert sich ein Funktionär über das unternehmerische Er-
pressungsmanöver durch die Veröffentlichung! -, schon beteuert er
beleidigt: "Dabei haben sich die Arbeitnehmervertreter niemals
sinnvollen Sparmaßnahmen verweigert." (metall 12/88) Kein Gedanke
daran, vielleicht mit einer Gegenerpressung zu drohen, oder auch
nur zu irgendeinem Punkt Nein zu sagen. Statt dessen nehmen die
Tarifexperten den Vorschlag lieber genauso auf, wie VW es möchte:
nicht als Angriff auf die Belegschaft, sondern als Verhandlungs-
angebot mit unterschiedlichen tarifrechtlichen Konsequenzen.
Also bezieht die IG Metall für die Öffentlichkeit Position:
"Eine Senkung des Lohn- und Gehaltniveaus oder des Weihnachtsgel-
des kommt aber für die Gewerkschaft nicht in Frage." (Süddeutsche
Zeitung, 30.5.)
Man kennt das ja; deutsche Gewerkschaften weisen immer nur das
zurück, was sie nicht einfach stillschweigend, sondern nur mit
einigem Verhandlungstrara aufgeben wollen. So auch hier. Einer-
seits ist stillschweigend grünes Licht gegeben für die Eröffnung
des i n n e r b e t r i e b l i c h e n Lohnsenkungsprogramms.
Zum anderen reklamiert die IG Metall ihr Mitspracherecht bei al-
len t a r i f v e r t r a g l i c h e n Änderungen und eröffnet
sich, dem betrieblichen Radikalprogramm sei Dank, ein Terrain für
lauter "Siege". Vielleicht wird die halbe Erholzeit "gerettet"
und "dafür" das Weihnachtsgeld "geopfert", oder umgekehrt. Auf
keinen Fall geht der ganze Katalog der Geschäftsleitung durch -
umfassend genug ist er ja! - und auf jeden Fall wird schwer
"gerungen", um die "bestmögliche Lösung", die "unter den beste-
henden Bedingungen" zu haben gewesen sein soll. Wenn es soweit
ist. Vorläufig wiegelt sie nämlich lieber noch ab, es stünden gar
keine Tarifvertragsänderungen an - und handelt gleichzeitig mit
der Gegenseite über den fälligen "Kompromiß".
Diesmal kennen nämlich gerade die Gewerkschaft und der Betriebs-
rat im Unterschied zu Rheinhausen einen extra guten, zukunftswei-
senden Grund: den "Erhalt der deutschen Standorte" von VW, der
jede "Kostendämpfung" lohnend macht. Betriebsrat Hiller wirbt mit
der Auskunft, er verhandle bereits mit der Konzernspitze über
"den Preis, den Polo in Deutschland zu halten". Ohne ein gutes
Stück "Kannibalisierung" der Löhne ist für nationales Kapital der
"Standort BRD" einfach nicht zu halten, weiß der IG Metall-Ver-
treter. Gegen den Export solcher Arbeitsplätze nach Spanien
spricht nur eines: Niemand sollte sie spanischen Arbeitern an den
Hals wünschen. So leicht ist es also, mit der Gewerkschaft über-
einzukommen, selbst wenn es um ihre angeblich geheiligtsten Kühe
und höchsten gewerkschaftlichen Errungenschaften, gesicherte Ta-
rifverträge, geht. Von wegen also, VW habe, wie die deutsche
Presse berichtet, ein "Tabu" gebrochen, als es auch Tarifverträge
in Frage gestellt hat! Für Gewerkschaftsfunktionäre ist nichts
tabu, was Arbeitern an den Lebensunterhalt geht - solange deut-
sche Unternehmer selbst die Revision von Tarifverträgen noch nach
den Gepflogenheiten des tarifpartnerschaftlichen Verkehrs abwic-
keln und der IG Metall die ihr zustehende Mitwirkung nicht versa-
gen. Und das können und wollen die deswegen schlechterdings gar
nicht.
So werden die programmatisch angemeldeten Unternehmeransprüche
dann amtlich und damit Betriebsalltag. Und die Betroffenen sind
entsprechend eingestimmt, bevor sie überhaupt in Kraft treten -
und zwar ebenfalls programmatisch. Die Belegschaften bei VW rech-
nen schon aus, was die noch gar nicht beschlossenen Maßnahmen bis
in die 90er Jahre für sie an Verlust bringen wird. Und die Mann-
schaften in den anderen Firmen wissen schon im voraus: Das Vor-
bild wird Schule machen.
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