Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK AUTOINDUSTRIE - Von Daimler bis VW


       zurück

       Bremer Hochschulzeitung Nr. 23, 04.11.1980
       
       Projekt Daimler-Benz
       

KLASSENKAMPF IN GW II?

Von einem Teilnehmer des Projekts "Daimler-Benz-Ansiedlung in Bremen" (Biesecker, Heide, Grenzdörffer) haben wir folgende Zu- schrift erhalten: Liebe Redaktion, In dem Projekt, das im Titel vorgibt, über "Daimler-Benz" zu han- deln, fällt über diesen Betrieb kein einziges zutreffendes Wort. Stattdessen kann man hören: 1. Daimlers Ansiedlung in Bremen soll ein "konkreter Teilaspekt der Restrukturierung des Kapitals" sein und damit eine "wichtige Funktion für das Gesamtkapital" erfüllt haben. Wichtig sei das gewesen, weil 2. die "Arbeiterklasse" weltweit und immerzu "Widerstandsformen" gegen das Kapital entwickelt und deshalb 3. das Kapital immerzu mit der Unterwerfung - "Resubsumtion der Arbeiterklasse" haben das die Professoren genannt - der Arbeiter beschäftigt sei. Dazu habe es die Maschinen: "Die Funktion der Produktionsinstru- mente ist insofern die ständige Wiedergewinnung der Kontrolle über die Arbeiterklasse." 4. müsse es immer dem Kampf der Arbeiter ausweichen und brauche als "Hilfsmittel, diese Restrukturierungsprozesse zu erleichtern" staatliche Maßnahmen, wie die Ansiedlungspolitik Koschnicks auf dem Holter Feld. 5. Das alles soll wieder den Widerstand der Arbeiterklasse her- vorrufen und Daimler dazu bringen, Entlassungen vorzunehmen, wie jüngst und ständig geschehen. Also: Mir ist völlig neu, daß das deutsche Kapital Schwierigkei- ten mit der Arbeiterklasse hat. Ebenso, daß das Gesamtkapital Daimler beauftragt hätte, ihm bei der Unterwerfung der Arbeiter- klaue zu helfen. Wer soll sich da überhaupt so gegenüberstehen? Gesamtmetall und IG Metall? - Daß ich nicht lache! Daimler sucht sich doch wohl immer noch selbst aus, wo es wieviele Leute ein- stellt; und wonach es sich dabei richtet, ist doch kein geheimer Plan einer deutschen Kapitalzentrale. Leute werden eingestellt, wenn sich mit ihrer Arbeit ein Geschäft machen läßt. Das macht Daimler in Sindelfingen u n d Bremen, und d a b e i wird der Betrieb dort wie hier von den Regierungen unterstützt. Also stimmt weder die Erklärung, Daimler sei ausgewichen (in Bremen hat es sogar ziemlich gepokert!), noch das, was über die Ansied- lungspolitik von den Professoren vertreten wird. Was die Politi- ker bewegt, kann man in jeder Zeitung nachlesen: mehr Steuern und weniger Geld für Arbeitslose. Überhaupt leuchtet mir nicht ein, was das Kapital vom Unterwerfen der Arbeiterklasse haben soll. Warum läßt es die Leute dann nicht lieber zu Hause, was es ja üb- rigens des öfteren macht? Nach Meinung der Professoren stellt das Kapital nur deshalb eine Fabrik mit Maschinen aufs Feld, um die Arbeiter mit den Fließbändern zu unterjochen. Warum die dann kom- men, ist auch nicht einsichtig. Und Daimler muß ja völlig ver- rückt sein, sich die Unterdrückung Milliarden kosten zu lassen, darunter sogar noch Löhne. Als Beispiel dafür, daß die "Produktions(!)instrumente" Kontrollinstrumente seien, fiel den Professoren der Fahrtenschreiber ein. Der sei zur Unterdrückung da, was man daran sehen könne, daß Arbeiter ihn schon mal außer Betrieb setzen, weil, wo Unterdrückung herrscht, da herrscht Wi- derstand (und umgekehrt). Haben die zuviel Roboterromane gelesen? Erstens hängt so ein Fahrtenschreiber an den Maschinen und no- tiert mit deren Betrieb die Arbeitsgänge, womit zweitens die Ma- nager dann kalkulieren k ö n n e n, wenn sie z.B. die Stückzahl erhöhen möchten. Wenn d i e was daraus machen, dann eben ganz etwas anderes, als bloße Unterdrückung. Da muß dann auch etwas anderes dagegen unternommen werden, als mit dem Hammer den Fahr- tenschreiber lahmzulegen. Schließlich das mit den Entlassungen und dem Widerstand. Erst soll Daimler die Arbeiter immer einfangen wollen, und dann soll dafür das letzte Mittel sein, sie laufen zu lassen? Und die Ar- beiter sollen das erzwungen haben? Umgekehrt soll das wieder gut für den Widerstand sein? Leben diese Professoren eigentlich in dem Land, wo bei Daimler, Opel etc. in aller Ruhe entlassen wird? Das geben sie sogar zu und machen Ausflüchte in die Weit oder die Geschichte und sind mit beiden ganz z u f r i e d e n, wenn sie so ihr Reiz-Reaktions-Konfliktbild weiter bereden können. Gereizt, einer der weiß, daß bei Daimler gearbeitet wird. Antwort der Redaktion: 1.Du hast recht. 2. Dein unterstrichenes Wort "zufrieden" gibt aber schon den Hin- weis darauf, daß die Gedanken dieser Professoren der Realität deshalb nicht standhalten, weil sie es auf deren Analyse gar nicht abgesehen haben. Sie treten nämlich für ein Prinzip ein, daß s i e in der Welt und der Geschichte entdeckt haben wollen. Das Lustige an diesem Prinzip, daß die Welt seit ca. eineinhalb Jahrhunderten im innersten zusammenhalten soll, ist, daß es ein ständig w i e d e r hergestellter Zusammenhang sein soll, daß das Prinzip also ebenso, wie es ständig gilt, ebenso ständig in Frage gestellt sein soll. Dasselbe heißt für die zwei Seiten des professoralen Weltbilds, das Kapital und die Arbeiter, daß sie wechselseitig aufeinander r e a g i e r e n, und mit der Aus- sage sind sie dann auch schon fertig. Die Gründe der einen wie der anderen Seite sind ziemlich lästig für die Beweisführung, al- les was sich zwischen Kapital und Arbeitern tut, sei Ausdruck dessen, d a ß sie in dem Zusammenhang stehen, den die Professo- ren Klumnkampf nennen. Ebenso gut könnten sie Klasseneintracht sagen, weil sie der Grund des Klassengegensatzes und der jewei- lige Inhalt seiner Austragung herzlich wenig, d a ß es da ein beständiges H i n u n d H e r gibt, umso mehr interessiert. Der Zeitraum, für den diese Professoren ihr Gesetz gelten sehen, ist nicht zufällig. Irgendwie berufen sie sich nämlich auf Marx als seinen E r f i n d e r. Der hat nämlich mal geschrieben, daß sich Kapital und Lohnarbeit mittels der "Subsumtion" der Ar- beiterklasse unter die Profitproduktion "produziere". Er hat sich nicht gescheut, das "Klassenkampf" zu nennen, o h n e zu ver- schweigen, wer der Gewinner ist. Das finden die Professoren of- fenbar ungerecht. So haben sie sich das Wort "R e subsumtion" erfunden, womit sie gesagt haben wollten, daß s i e die Rolle der Arbeiterklasse nicht unterschätzen. Ihrer Meinung nach gewin- nen die Arbeiter ständig und dann ebenso das Kapital. Dem ist zu entnehmen, daß es hier nur um e i n Interesse geht, das der Wissenschaftler nämlich, ein ganzes Wissenschaftlerleben lang Nachweise für ihr Weltbild zu finden. zurück