Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK AUTOINDUSTRIE - Von Daimler bis VW
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DAS VW-MODELL: LOHNSENKUNG ZUR PROFITSANIERUNG
Deutsche Großbetriebe machen mobil. Z.B. in der Automobilindu-
strie. Jüngst hat VW der Öffentlichkeit einen umfassenden Plan
zur Kostensenkung vorgelegt. Das Rezept ist denkbar einfach und
unverfroren: L o h n z a h l u n g e n wie Überstunden-, Weih-
nachts- und andere "Sonder"-Gelder sollen z u s a m m e n g e-
s t r i c h e n, alle möglichen L e i s t u n g s v o r-
g a b e n h e r a u f g e s e t z t, Pausen gekürzt und
Fehlzeiten gesenkt, also die tägliche und jährliche Arbeitszeit
verlängert werden. Das Unternehmen will sich also nicht mit
seiner tagtäglichen Tour begnügen, an der Leistungsschraube zu
drehen und zu rationalisieren, sondern es will die Haustarif-
verträge aufkündigen und sämtliche Arbeits- und Verdienstbedin-
gungen neu und schlechter regeln. 6% Lohnsenkung und 10% weniger
Beschäftigte sind die Planvorgaben, die sich die VW-Manager für
ein neues Lohn-Leistungsniveau gesetzt haben. Gleichzeitig war
aus Stuttgart zu hören, daß auch bei Daimler jährliche
Einsparungen bei den Personalkosten von mindestens 1 Mrd.
unumgänglich seien; Opel hat angekündigt, seine Belegschaft um
einige Tausend zu verringern, nicht aber seine Produktionszahlen,
usw., usw. Alle versichern sie, daß ihre Belegschaften demnächst
mehr schaffen und mit weniger Geld auskommen müssen. Wie immer
haben die Unternehmen lauter gute Gründe, warum ihre ge-
winnfördernden "Sparprogramme" auch für die Arbeiterschaft das
Beste sind. Der allerbeste und unwidersprechlichste Grund heißt:
"Die Wettbewerbsfähigkeit muß langfristig gesichert werden."
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Und warum?
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Der Witz ist doch: Jedes Unternehmen beruft sich darauf, daß die
jeweilige Konkurrenz mehr Gewinn produzierte und ihre Arbeiter
billiger und mehr arbeiten ließe. Schon daran kann man merken,
was mit der Parole von der "Wettbewerbsfähigkeit"
w i r k l i c h angepeilt wird: Jedes Unternehmen will die Maß-
stäbe für rentables Produzieren i n d i e H ö h e treiben; es
will die anderen in Sachen Lohn und Leistung ausstechen, um nie
selber in einen "Anpassungszwang" zu geraten. So treiben die Un-
ternehmer ihre Profitmacherei auf immer neue Rekordhöhen. Und
d a s sollen Arbeiter s i c h als ihre Lebensperspektive ein-
leuchten lassen?!
Oder andersherum: Was wäre denn kaputt, wenn tatsächlich die
"Umsatzrendite" von VW oder BMW unter der von Daimler oder Opel
läge? Und wenn die Löhne bei Daimler ein bißchen höher als bei VW
oder Ford wären? Und wenn ein VWler ein paar Stunden weniger pro
Jahr abzuleisten hätte als seine Kollegen woanders? Und wenn
wirklich die "Wettbewerbsfähigkeit" beeinträchtigt wäre?
Arbeitern kann und sollte das völlig egal sein!
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Diese Vergleicherei sagt nämlich rein gar nichts darüber aus, wie
sie mit ihrem Verdienst wirklich gestellt sind, was sie dafür
leisten müssen und was sie an Zeit für ihren Betrieb aufzuwenden
haben. Oder sind etwa die Arbeiter von Daimler und VW auf die
Idee gekommen, es ginge ihnen zu gut?! Es ist umgekehrt: Moderne
Betriebe sind immer wieder einmal gründlich unzufrieden mit ihrer
Belegschaft. Und das erklären sie ihren Leuten dann so: Die soll-
ten doch mal gefälligst die jetzigen, angeblich so rosigen Um-
stände mit der Lage vergleichen, in welche sie geraten könnten,
wenn ihr Betrieb den Wettbewerb mit der Konkurrenz verlieren
würde. Eine Pleitefirma zahlt gar keine Löhne mehr - und deswegen
soll gleich schon die Behauptung gelten:
"Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit sichert Arbeitsplätze!"
Mit anderen Worten: 'Wenn wir euch schlechter stellen, dann ist
das nur gut für Euch. Denn sonst käme es noch dicker für Euch!'
Das Unternehmen wirbt um Verständnis - mit einer
Drohung mit der Arbeitslosigkeit
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Auf dieses Angebot, sich das Sparkonzept plausibel zu machen,
sollte man nicht eingehen. Daß mit "einschneidenden Maßnahmen"
immer noch "einschneidendere Maßnahmen" verhindert werden sollen,
ist Geschwätz. D a v o n s t i m m t k e i n W o r t:
1. Daß die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns nicht gestärkt wird,
um den Leuten die Arbeitsplätze zu erhalten, ist ohnehin klar.
Auch wenn es ständig behauptet wird, daß es den Unternehmern nur
um die Arbeitsplätze ginge, wird es dadurch noch lange nicht
wahr. VW geht es - da nimmt das Werk kein Blatt vor den Mund - um
die Verbesserung der Umsatzrendite, sprich: um die Verbesserung
der Gewinnsituation.
2. Deshalb stimmt es auch nicht einmal, daß bei verbesserter
Wettbewerbsposition des Werks gesicherte Arbeitsplätze wenigstens
das erfreuliche Abfallprodukt wären. Abgesehen davon, daß das mit
dem e r f r e u l i c h e n Abfallprodukt 'Arbeitsplatz' ohne-
hin seine Sache ist, scheint völlig in Vergessenheit geraten zu
sein, daß Anfang der 80er Jahre bei VW ca. 12.000 Leute einem Ra-
tionalisierungsprogramm zum Opfer gefallen sind. Und dies bei
munter steigenden Absatzzahlen. Es wird eben keineswegs nur dann
entlassen, wenn ein Werk in eine Absatzflaute geraten ist. So ein
kapitalistisches Unternehmen weiß doch immer Gründe zur Verbesse-
rung der Personalkostensituation. Ohne daß auch nur ein Wagen we-
niger die Bänder verläßt - vielfach werden umgekehrt mehr Wagen
in gleicher Zeit produziert -, wird immer wieder mal gefeuert:
Wegen Leistungssteigerung, wegen Rationalisierung, wegen Verjün-
gung usw.
3. An Verarschung grenzt es schließlich, wenn ein Profit-Sanie-
rungskonzept, w e l c h e s E n t l a s s u n g e n g e-
r a d e v o r s i e h t, als R e t t e r von Arbeitsplätzen
gepriesen wird! Die VW-Chefs haben laut "Handelsblatt" vom 31.5.
einen "Freisetzungseffekt" von mehr als 16.000 Leuten errechnet!!
Und da wollen sie irgendeinem mit dem möglichen Verlust des
Arbeitsplatzes in der Z u k u n f t drohen - für den Fall, daß
das Sparkonzept nicht durchkommt? Wen soll denn das wovon
überzeugen? Was soll es denn für die Gefeuerten für einen Unter-
schied ausmachen, ob sie als Teil eines Sanierungskonzepts
"freigestellt" werden oder ob sie ihren Arbeitsplatz verlieren,
weil VW Marktanteile einbüßt? Ändert sich dadurch was am Arbeits-
losengeld? Ist die Entlassung jetzt mit einer Einstellungsgaran-
tie für später verbunden? Alles Unfug. Gefeuert ist gefeuert!
4. Aber da gibt es noch die Zusatzdrohung. Und die heißt so:
"Wenn das VW-Werk nicht jetzt mit drastischen Maßnahmen, zu denen
auch Freisetzungen gehören müssen, seine Wettbewerbssposition
verbessert, dann werden später mit Sicherheit m e h r Leute
ihre Papiere abholen müssen!"
Das ist ein Schuh, den man sich a u c h n i c h t anziehen
sollte. Denn erstens tröstet es jene Leute, die jetzt für die Ar-
beitslosigkeit vorgesehen sind, kaum, daß n u r s i e und
n i c h t n o c h m e h r entlassen werden. Als Arbeiter
sollte man sich wirklich nicht auf den Standpunkt stellen, daß
der Schaden erst bei Entlassungen in drei- oder vierstelligen
Größenordnungen beginnt. Das ist was für Statistiker des Ar-
beitsamtes. Nichts für Leute, die dann mit ca. 60% ihres alten
Einkommens auskommen müssen. Zweitens ist es schon eine ungeheure
Frechheit, mit mehr als 16.000 Entlassungen zu rechnen und dann
mit "Massenentlassungen" zu drohen. Wann beginnt denn für den VW-
Vorstand die "Masse"? Drittens sollte man sich einmal ganz genau
die Alternative vor Augen führen, mit der diese Drohung operiert.
Die heißt im Klartext nämlich so: Entweder die Belegschaft akzep-
tiert, daß jetzt ein Teil von ihr ohne Einkommen dasteht und der
Rest für weniger Lohn bei verlängerter Arbeitszeit und verkürzten
Vorgabezeiteil weiter arbeiten darf (!). Oder es gibt mindestens
noch mehr Entlassungen.
Und das soll für die betroffenen Arbeiter eine einsichtige Alter-
native sein?! Selbst wenn es so wäre, daß VW, Opel, BMW in der
Konkurrenz zu anderen Automobilkapitalisten schlechter dastehen:
Es mag ja sein, daß Sanierungskonzepte die Wettbewerbsposition
wieder verbessern und die Gewinnposition stabilisieren. Es kann
auch sein, daß das schief geht, weil die anderen Automobilkapita-
listen dasselbe machen - so geht eben die freie Marktwirtschaft.
Aber egal, was mit der Wettbewerbsfähigkeit und der Umsatzrendite
passiert, die Arbeiter sind immer die Verlierer. Wenn ein Unter-
nehmen knackige schwarze Zahlen schreibt, werden sie rangenommen
und einige von ihnen wegrationalisiert, um die Wettbewerbsposi-
tion zu festigen. Sinkt der Absatz und mit ihm der Profit wirk-
lich, dann ist es sowieso klar, daß die Mannschaft rangenommen,
ausgedünnt und auf Kurzarbeit gesetzt werden muß. Ist das Werk
dann wieder oben, geht der Zirkus wieder von vorne los. Besser
als durch sein jüngstes Sparkonzept kann VW also den dummen
Spruch, von einem florierenden Geschäft hätten auch die Arbeiter
was, gar nichtwiderlegen.
Wer sich also über den Stand der "Wettbewerbsfähigkeit" "seines"
Betriebs den Kopf zerbricht, der hat längst aufgehört, einmal
nachzurechnen, wofür er eigentlich Tag für Tag in die Fabrik
rennt!
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