Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK AUTOINDUSTRIE - Von Daimler bis VW


       zurück

       50 Jahre VW
       

EINE KLEINE FIRMENGESCHICHTE

Ein deutscher Volkswagen ------------------------ war das Projekt des faschistischen Deutschlands, das 1934 aus der Taufe gehoben wurde. Ausgesprochen wurde damit eine s t a a t l i c h e K r i t i k an den d e u t s c h e n G e s c h ä f t s l e u t e n. Zwar gab es eine Reihe von Automobilkapitalisten von Daimler über Porsche bis Opel, deren großteils noch handwerklich hergestellten Karossen waren jedoch u n e r s c h w i n g l i c h für die Mehrheit des Volkes, die dem Beruf des Arbeiters nachgingen und von ihrem Lohn leben mußte. Vorbildlich waren zu jener Zeit Ford und General Motors, die durch Einsatz von Werkzeugmaschinen und Fließbändern Fahr- zeuge produzierten, die als M a s s e n w a r e n G e w i n n einspielten. Auf großer Stufenleiter betrieben, lassen sich die Produktionskosten pro Auto senken oder was dasselbe ist: die Lohnarbeit wird produktiver gemacht. So läßt sich ein G e s c h ä f t m i t Leuten machen, zu deren Lebensnotwendig- keiten ein Auto zählt, die es sich wegen der Knappheit ihres Lohns aber kaum leisten können. "Das größte Automobilwerk der Welt unter einem Dach" (Adolf se- lig) verdankte sich der staatsmännischen Einsicht, daß eine schlag- kräftige Nation ohne das Auto als modernstem Massenverkehrsmittel nicht auskommt. Weil das V o l k effektiver für den Staat in D i e n s t genommen werden sollte, brauchte es seinen W a g e n. Mit der Durchführung des Projektes wurde die Deutsche Arbeitsfront beauftragt; so fand das beschlagnahmte Vermögen der zerschlagenen Gewerkschaften, die Beiträge ihrer Mitglieder, doch noch seine staatsdienliche Verwendung. Weitergehende Beiträge des Arbeitsmannes für den Aufbau des VW-Werkes organisierte Kraft durch Freude; mit dem KdF-Sparvertrag --------------- ging man "neue Wege der Finanzierung" (nochmals Adolf selig). Mit einem Versorgungsprogramm zur Hebung des Massenwohlstandes war das Projekt einer deutschen Autoindustrie nicht zu verwechseln. Von oben organisiertes Sparen machte den jahrelangen Kon- sum v e r z i c h t zur Voraussetzung, um an einen VW zu kommen. Mit fünf Mark im Monat war man dabei. Aus der Lotterie wurden keine Treffer gezogen. Der Käfer --------- war das Ergebnis deutschen Tüftlertums. Aus den Tücken der Käu- ferschicht erwuchs nämlich der Konstruktionsabteilung die Auf- gabe, einen K l e i n w a g e n zu entwerfen. Eben etwas dem Portemonnaie entsprechendes. Offenbar keine leichte Aufgabe. Meh- rere Jahre hat sich der deutsche Erfindergeist unter der Anlei- tung von Dr. Porsche das Gehirn zermartert, ob angesichts der Vorgabe eines Verkaufspreises von 900 Reichsmark ein Auto denn unbedingt vier Räder braucht oder ob es denn nicht auch drei tun. Und sich mit der lästigen Frage herumgeschlagen, daß ein Autobe- sitzer häufig noch eine Familie im Gepäck hat und bei fünf Köpfen schnell einer für den Käfer zu viel ist. Stadt des KdF-Wagens -------------------- hieß die Lösung der Standortfrage. Dafür entscheidend war die Nähe zu Stahlkapitalisten und die dadurch bedingten niedrigen Transportkosten. Mitten in die Landschaft, in der Nähe des Bauerndorfes Fallersleben, wurde das VW-Werk hingestellt und schon damals war es so üblich, daß die arbeitende Menschheit dorthin verschlagen wird, wo ihre Dienste gefragt sind. Für das Werk wurde die dazugehörige Stadt dann auch gleich mitgeliefert. 28. Mai 1938 ------------ Grundsteinlegung des VW-Werks. Gelegenheit für eine inszenierte Jubelveranstaltung unter breiter Anteilnahme des Volkes, wo al- les, was damals Rang und Namen hatte, auf die nationale Bedeutung der Autoindustrie hinwies. Für spätere Jubiläumsfeiern wieder- verwendbar. 1939 ---- wurden im VW-Werk Schwimm- und Kübelwagen hergestellt, noch bevor irgendein Käfer vom Band gelaufen ist. Die Prioritäten hatten sich ein wenig geändert. Die Umstellung auf Rüstungsproduktion fiel nicht besonders schwer, weil bei der Konstruktion des VWs seine militärische Verwendung wohlweislich mitgedacht war. 1945 ---- "Nahezu ohne jede Unterbrechung geht bei Kriegsende die Arbeit im Volkswagenwerk weiter" (lobt die VW-Chronik). Nur unter a n d e r e r R e g i e. Die Tugenden des faschistisch erzoge- nen Volkes, arbeitsam und bescheiden zu sein, gerieten darüber nicht außer Kurs, sondern waren für die fälligen Wieder- aufbauarbeiten nur zu gut zu gebrauchen. Zwar waren zwei Drittel des VW-Werkes zerstört, aber die Arbeiter konnten unter Beweis stellen, daß Einsatzfreude und handwerkliches Geschick so manchen Mangel an Werkzeug zu ersetzen vermochte. Die Vorzüge der Frei- heit machten sich auch bald bemerkbar. Wie die Arbeiter in Notunterkünften ihr Überleben hinkriegten, war ihre Privatsache. Wolfsburg --------- war dann schon der ganze Unterschied zwischen Faschismus und De- mokratie. Stadt und Werk wurden "umgetauft". Und wo sich bloß der N a m e ä n d e r t, wird die S a c h e d i e s e l b e sein. Wolfsburg Motor Works wurden denn auch bald in Volkswa- genwerk zurückgetauft, weil das Projekt einer deutschen Automobilindustrie demokratischen Politikern mindestens genauso gut zu Gesicht stand. 1949 ---- trat die BRD die R e c h t s nachfolge des Dritten Reiches in Sachen VW an. Im Nachhinein erweist es sich als historischer G l ü c k s f a l l, daß das VW-Werk vom faschistischen Staat aufgezogen wurde. Die von den Alliierten nach Kriegsende beschlagnahmten NS-Vermögenswerte fallen an die Bundesrepublik bzw. das Land Niedersachsen und demokratische Politiker können so den Aufbau einer deutschen Autoindustrie unter ihre b e s o n d e r e O b h u t nehmen. Produktionsanlagen sind vorhanden, eine willige und billige Arbeitermannschaft auch, dazu noch eine funkelnagelneue Währung, die jeden Reichtum in Geld mißt - was sich unter diesen Voraussetzungen an G e s c h ä f t machen läßt, ist eine Frage des K a p i t a l a u f w a n d e s. Daß das Kapital nicht vorhanden ist, ist nicht weiter tragisch, wofür gibt es den K r e d i t. Und daß VW reichlich S c h u l d e n machen kann, verbürgt die Staatsgewalt als Eigentümer des Konzerns. Geschäftserfolge konnten da kaum ausbleiben. "In engem Kontakt mit der Belegschaft erzielt Heinrich Nordhoff bald aufsehenerre- gende Produktionserfolge." Bei allem zwischenmenschlichen Kontakt bleibt die Arbeitsteilung selbstverständlich gewahrt: "König Heinrich" k o m m a n d i e r t, die anderen a r b e i t e n. In den goldenen 50er und 60er Jahren wurde aus VW Ein Symbol des deutschen Wirtschaftswunders (I), ------------------------------------------------ mit dem die Lüge bebildert wird, daß die Arbeiter auch ihren An- teil am Wachstum der Wirtschaft abbekommen. Arbeiter fahren damit zur Arbeit, zum Einkaufen und wenn der Schichtplan es erlaubt, auch mal ins Grüne. Einmal im Jahr verstopfen die VWs die Auto- bahnen, wenn der Urlaub den täglichen Gang in die Fabrik unter- bricht. Das Auto zählt zu ihren L e b e n s n o t w e n d i g- k e i t e n; nicht mehr, nicht weniger. Als eingetragenes Mar- kenzeichen für Arbeiterwohlstand dokumentiert der VW, daß in der zunehmend reicher werdenden Nation es fast schon als L u x u s g i l t, wenn der Lohn der Arbeiter so gerade zum Leben reicht. Ein Symbol deutschen Wirtschaftswunders (II) -------------------------------------------- wird der VW darüber, daß er sich zum Exportschlager -------------- mausert. Geschäfte werden nach 1945 weltweit abgewickelt und von Anfang an benutzt VW die Zahlungsfähigkeit ausländischer Kund- schaft, um seine Fahrzeuge in Holland, Schweden und der Schweiz gewinnbringend abzusetzen. Nach und nach baut VW sich ein Ver- triebssystem auf, das Westeuropa, Nord- und Lateinamerika, kurz gesagt: die ganze Welt als Absatzmarkt beansprucht. Italo-Importe ------------- Genauso versteht VW sich darauf, den Weltmarkt als Käufer zu nut- zen. Nicht nur Maschinen und Teile, massenhaft werden seit 1962 auch italienische Arbeitskräfte nach Wolfsburg und Hannover ver- frachtet und ans Band gestellt. VW do Brasil ------------ Durch schnelle Verkaufserfolge verwöhnt, beschließt VW 1957, daß es für seinen Gewinn am besten ist, die Autoproduktion gleich in Marktnähe aufzuziehen. Ein Montagewerk in Brasilien wird errich- tet; Mexiko und Südafrika folgen in den nächsten Jahren. VW kennt eben keine nationalen oder rassischen Vorurteile, Hungerlöhne weiß VW ganz sachlich als Standortvorteil zu schätzen. VW läuft und läuft und läuft... ------------------------------- Mit weltweiter Produktion und Absatz wurde aus dem VW ein Export- schlager, mit dem man der Konkurrenz der anderen Automo- bilkapitalisten Marktanteile abjagt. Ein e r f o l g r e i- c h e s d e u t s c h e s Unternehmen ist eines, das sich den W e l t m a r k t erobert. Noch jeder eingefahrene Gewinn wird dazu verwendet, die Produktionskosten pro Auto zu senken. Jedes neue Werk und jede Investititon verdankt sich der Kalkulation, wie mit w e n i g e r A r b e i t e r n eine g r ö ß e r e S t ü c k z a h l von Fahrzeugen zu bauen ist. Die Lohnkosten werden dabei gleich doppelt gesenkt: etliche Arbeiter ver- schwinden mit dem Einsatz produktiverer Maschinerie ganz von der Lohnliste und den benutzten Arbeitern wird in jeder Stunde mehr Leistung abverlangt. Die entsprechenden Erfolgsmeldungen heißen dann: VW läuft und läuft und läuft... Die ehemaligen KdF-Sparer ------------------------- hielten sich seit 1969 an das fortbestehende VW-Werk und klagten die Lieferung eines VWs gemäß den damaligen vertraglichen Be- dingungen ein. Die Rechtsnachfolger von Hitlers Autoindustrie wußten zu unterscheiden: das sachliche V e r m ö g e n von VW haben sie gerne übernommen, aber die S c h u l d e n bei den Sparern doch nicht. Nach 12 Prozeßjahren durch 9 Instanzen wurden die Kläger abgewiesen: wenn sie einen VW wollen, sollen sie ge- fälligst ein paar Tausender berappen, abzüglich eines Preisnach- lasses zwischen 150 und 600 DM. Ein großzügiger "Vergleich"! Wie man an den Lohn der Arbeiter für die Geschäfte von VW heran- kommt, ohne ihnen gleich ein Auto zu versprechen, wurde 1961 mit der Volksaktie ---------- vorgeführt. Daß ein VW-Arbeiter seinen schlecht bezahlten Job ge- kündigt hat und von den Zinserträgen lebte, ist nicht bekannt ge- worden. Die stolzen Aktienbesitzer sind Arbeiter geblieben. Was der Volksaktie keinen Abbruch tat, denn in den Händen von VW sind selbst die S p a r g r o s c h e n von Proleten G e- s c h ä f t s m i t t e l. Immerhin läpperten sich die einzelnen Märker der Proleten für VW zu einer satten Milliarde zusammen. So einfach legt kein Arbeiter seine Spargroschen ausgerechnet in Aktien an; die dafür notwendige Volksverdummung wurde im Wahlkampf als Propaganda für eine "B e t e i l i g u n g a m P r o d u k t i v v e r m ö g e n" geleistet. Weiterer Sozial- klimbim wurde durch eine einfache Rechenoperation geboten: 320 DM mußte der kleine Mann für die 100 DM-Aktie hinlegen, das waren 350 DM Ausgabekurs minus "Sozialrabatt". Bemerkenswert war, daß ausschließlich der kleine Mann dazu berufen wurde, für die Kapitalerhöhung von VW zu sorgen. Mit einer Beschränkung des Aktienkaufs auf 4 Stück pro Nase und einem Verkaufsverbot von 2 Jahren wurden jene Kreise ausgeschlossen, die Vermögen haben und von Berufs wegen der Spekulation auf den Geschäftserfolg von Unternehmen nachgehen. Diese Leute wären gerne bei VW groß eingestiegen, durften aber nicht. Der Aktienmarkt ist nämlich international, da kann man gute inländische und schlechte ausländische Anleger so recht nicht unterscheiden. VW muß unbedingt in d e u t s c h e r Hand bleiben, war der Standpunkt der politischen Herren bei der Teilprivatisierung. Hitler wäre blaß vor Neid geworden, über die Erfindung der Volksaktie! Absatzkrise 1974/75 ------------------- Der VWs waren zu viele. Es gab natürlich genügend Leute, die kein Auto hatten oder ihre alten Schrottkisten liebend gerne gegen ein neues Modell eingetauscht hätten. Aber davor steht der Preis; die z a h l u n g s f ä h i g e Nachfrage ist b e g r e n z t im Verhältnis zu der immer weiter ausgedehnten Produktion von VWs. Wenn Autos sich nicht mehr mit der vorgesehenen G e w i n n s p a n n e verkaufen lassen, gelten sie als unver- käuflich und landen auf der Halde. Dann ist auf einmal Krise, an der leider nicht VW zugrundegeht, sondern sie mit bewährten Rezepten bewältigt. 40.000 Leute werden rausgeschmissen, der Rest auf Kurzlohn gesetzt. Dann wurde kräf- tig rationalisiert; große Teile der verschiedenen Belegschaften wurden zwischen den Werken hin- und hergeschoben, fanden sich auf Arbeitsplätzen wieder, wo sie abgruppiert waren. Nationalen Ruhm erlangte dabei Toni Schmücker als Sanierer des Geschäfts auf Ko- sten der Arbeiter. "Ende des Jahres wird jedoch die Krise bereits überwunden, so daß der Konzern bald wieder in der Lage ist, Ge- winne zu erwirtschaften." (VW-Chronik) Sensationell! Nicht ganz unerwähnt bleiben kann in diesem Zusammenhang, daß die Vorbildliche Sozialpartnerschaft -------------------------------- bei VW ihre Bewährungsprobe auch bestens bestanden hat. Der Be- wältigung der Krise von VW verdanken wir gewerkschafliche Er- rungenschaften wie Massenentlassungen, die man nicht so nennt: "freiwillige Aufhebungsverträge" mit Abfindung und 62er- bzw. 59er- Regelung. Als "Wolfsburger Modell" erfolgreich ausprobiert und im folgenden in deutschen Landen als Sozialplan oft kopiert. Außerdem werden Umsetzungen mit Lohnsenkungen seitdem unter dem Titel "Rationalisierungsschutzabkommen" abgewickelt. Die achtziger Jahre ------------------- stehen unter dem Motto: Die Japaner kommen - VW schlägt zurück. Die öffentlich breit getretene Sorge um die "Konkurrenzfähigkeit" heißt bei VW praktisch: den Konkurrenzfirmen Marktanteile strei- tig machen, indem man selber in Sachen P r o d u k t i v i t ä t w e l t w e i t M a ß s t ä b e s e t z t. Das Mittel dafür heißt S t ü c k k o s t e n s e n k u n g - durch Einsparungen von Lohnanteilen pro Produkt in den heimatlichen Stammwerken und durch Ausweitung der Produktionsstätten rund um die Welt. Wenn sichs rentiert, auch mal in Kooperation mit den Japanern. So ist die nächste Absatzkrise bereits in der Produktion. VW ist mit seinen Erfolgen, die in- und ausländischen Belegschaften immer gewinnträchtiger einzuspannen, derzeit voll zufrieden. Privatisierung -------------- Die Politik ist auch zufrieden. VW ist ein erfolgreicher deut- scher Multi. Die besondere Pflege des Staates als Eigentümer von VW ist längst hinfällig. Deutschen Unternehmen in aller Herren Länder vorteilhafte Geschäftsbedingungen einzuräumen, das zählt zu den vornehmsten Aufgaben der Politik, der sie sich tagtäglich mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht widmet. Und das ko- stet einiges. Was liegt näher, als durch den Verkauf ihrer VW-An- teile den Staatshaushalt ein wenig aufzurüsten. 28. Mai 1988 ------------ 50 Jahre VW - ein Jubiläum. Gefeiert wird ein Prunkstück d e u t s c h e r W i r t s c h a f t s m a c h t. Die Lei- stungen der deutschen Autoindustrie können sich sehen lassen: 1. VW macht G e s c h ä f t e w e l t w e i t. 2. Der F i n a n z k r a f t der Nation tut das gut. 3. R ü s t u n g s produktion wird nebenbei erledigt. Diese handfe- sten Erfolge von Staat und Kapital stellen Hitlers Traum von ei- ner deutschen Autoindustrie weit in den Schatten. Der Arbeitsmann kann sie unter Anleitung seiner Gewerkschaft bestaunen. I d e e l l e r Lohn wird in diesen Tagen reichlich geboten. zurück