Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK AUTOINDUSTRIE - Von Daimler bis VW
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Mercedes Benz kauft die DDR-Lastwagenproduktion
EIN BISSCHEN WIRTSCHAFTSWUNDER FÜR DIE OSTZONE
Die 50.000 Werktätigen des IFA-Kombinats produzierten früher im
alten System für den Nutzfahrzeugbedarf der ehemaligen DDR und
Comeconländer. Nun hat die Marktwirtschaft Einzug gehalten und es
wird nur noch produziert, was sich in Konkurrenz zu den bestehen-
den kapitalistischen Anbietern derselben Ware mit Gewinn verkau-
fen läßt. Gleichzeitig ist die frühere Bezahlungsweise im Comecon
abgeschafft, es zählt nur noch der Bedarf an Lastern, der mit
westlichen Devisen bezahlt werden kann. Deswegen ist der alte
Markt für IFA-Laster schlicht gestorben. Ende Dezember läuft der
letzte IFA-Lastwagen vom Band. Die Einführung kapitalistischer
Rechnungsführung macht die gesamten Produktionsanlagen des alten
IFA-Kombinats mit einem Schlag wertlos und schafft 50.000 über-
flüssige Arbeitskräfte. Das Ganze steht seitdem unter der Regie
der staatlich eingesetzten Treuhandanstalt, die die alten DDR-Be-
triebe an Kapitalisten verscheuern soll, und die Arbeiter erhal-
ten für eine Galgenfrist von einem Jahr ein sogenanntes Kurzar-
beitergeld.
Einen unwiderstehlichen Grund für Kapitalisten, die IFA zu kau-
fen, gibt es nicht. Niedriglohntarife und Produktionsanlagen zum
Nulltarif geben allein noch kein Geschäft her, und auch der wei-
terhin bestehende Bedarf an Nutzfahrzeugen im alten Comecon-Ge-
biet wird nicht bedient, wenn das nötige Kleingeld in Form von DM
oder Dollar fehlt. Und was die politische Erschließung des Ostens
als Geschäftssphäre für westliches Kapital an neuer Nachfrage
nach Lastern hergibt, wird von Mercedes-Benz und Iveco erst ein-
mal mit ihren bestehenden Produktionskapazitäten abgedeckt.
Aber mit den nötigen staatlichen Nachhilfen läßt sich durchaus
brauchen, was es an "maroden" Anlagen drüben gibt: Die 6000 La-
ster, die Mercedes-Benz im nächsten Jahr zusätzlich verscheuern
will, werden in einem sogenannten Lohnauftrag auf alten IFA-Mon-
tagebändern zusammengekloppt. Der Daimler-Vorstand tut so, als
würde er damit selbstlos eine patriotische Pflicht erfüllen: Für
Mercedes-Benz hätte es kurzfristig "bequemere Wege" gegeben, hieß
es. Woran mag der Vorstand da gedacht haben? Überstunden, be-
fristete Einstellungen neuer Arbeitskräfte, Nachtschichten, also
die im goldenen Westen üblichen bequemen Wege, kurzfristig eine
steigende Nachfrage mit den vorhandenen Produktionsmitteln zu be-
dienen? Aber diese Bequemlichkeiten nimmt Daimler ja sowieso nach
drüben mit. Und außerdem läßt die Firma sich den Umzug vom Staat
bezahlen. Die Politiker haben nämlich die unternehmerischen Kal-
kulationsfreiheiten längst berücksichtigt und ein Sonderangebot
gebastelt: Die 100 Mio. an Investitionen in die alte IFA-Montage
bezahlt die Treuhandanstalt - die Stillegung der IFA-Produktions-
anlagen wäre angeblich noch teurer gekommen. Bleibt für Daimler
die einzige Unbequemlichkeit unterm Strich: Die Firma muß ihre
Computer auf den Lohnsondertarif Ost umstellen.
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