Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation
zurück
Wirtschaftsprognosen für 1985
WETTEN, DASS...
Wetten, daß...
--------------
Branchensprecher, Politiker und natürlich die Forschungsinsti-
tute, alle geben traditionellerweise zum Jahreswechsel der Öf-
fentlichkeit kund, was ihrer Vorausschätzung nach im nächsten
Jahr wirtschaftlich auf uns zukommen wird:
"Arbeitgeber erwarten 2 vH Wachstum" (Esser in der WAZ")
"Wirtschaftswoche von 2,0 bis 2,5 vH werde, erreicht" (DIW in der
WAZ)
"Hypothekenbanken erwarten Stabilität" (SZ)
"Wirtschaft wird auf Wachstumskurs bleiben... Maschinenbau, E-
Technik und Chemie erwarten Produktionswachstum von 5 bis 6 vH...
Bauwirtschaft erwartet Rückgang um 2 vH" (IW in der SZ)
"Aufwärtstendenz hält an" (Bangemann im Handelsblatt)
"Arbeitslosenquote in Europa werde auf 12 vH klettern" (OECD im
HB)
"Konjunktur 85: die Räder rollen an" (Wirtschaftswoche).
Ein aufgeklärter Zeitgenosse pflegt derlei Prognosen distanziert-
skeptisch zu betrachten. Ein Urteil steht für ihn allemal fest:
"Fragwürdig" sind sie! Meistens hauen sie nicht hin; wer richtig
liegt, hat vielleicht nur einen "Zufallstreffer" gelandet;
"Kaffeesatzdeutung" ist es, wenn nicht "gezielter, Wunschden-
ken"... Und wer besonders schlau ist, der weiß über das
"methodisch windschiefe Fundament" (SZ) aller oder vieler Progno-
sen Bescheid.
Und kaum einem fällt auf, daß all diese kritischen Überlegungen
schon deshalb völlig danebenliegen, weil es nicht der Witz öf-
fentlicher Prognosen ist und folglich überhaupt nicht darauf an-
kommt, daß sie "richtig liegen" und etwa der Export tatsächlich
um 10 und nicht um 12,5% ansteigt (d i e s e r Punkt ist allen-
falls für die interne Konkurrenz und Angeberei der diversen Pro-
gnoseinstituts-Cracks von Belang).
Was all die Prognosen - egal, ob hinterher bestätigt oder nicht -
tatsächlich leisten und wofür sie da sind, das ist etwas ganz an-
deres: einerseits bekräftigt das Hin und Her um Prozentpunkte
sehr eindrucksvoll gängige d e m o k r a t i s c h e
I d e o l o g i e n, andererseits werden knallhart die gültigen
Maßstäbe unserer marktwirtschaftlichen Ordnung in Erinnerung ge-
rufen.
E i n e r s e i t s: was bestätigt das prognostische Hochrechnen
von "Trends" irgendwelcher volkswirtschaftlicher Indizes (wie
Wachstums-, Arbeitslosen-, Inflationsrate etc.) anderes als das
ideologische Bild von der Wirtschaft als eines komplizierten Rä-
derwerks, das nach irgendwelchen Gesetzen - wo eins vom anderen
abhängt - sachzwangmäßig vor sich hin funktioniert? Und belegt
nicht gerade auch das Scheitern einer Vorhersage ("Was kann ich
dafür, wenn der Dollar sich nicht an meine Prognose hält?" meinte
ein gewitzter Prognostiker im TV, als ihm ein verkehrter Tip vom
Vorjahr vorgehalten wurde), wie sehr die Wirtschaft einem
s c h i c k s a l s artigen Zusammenhang gleicht, von dem wir
alle abhängig sind, so daß wir alle nur hoffen und Daumen drücken
können, "daß es auch wirklich klappt" im kommenden Jahr? Wer
wollte da noch nachfragen, w a s sich da eigentlich so oder so
weiterentwickeln könnte und zu wessen Frommen!?
A n d e r e r s e i t s: in dem Maße, wie diese Sachzwang-Ideo-
logie durch das allgemeine Prognosen-Aufstellen und
-Problematisieren befestigt wird, verliert auch die andere Hälfte
des öffentlichen Zirkusses um Zahlen und Prozente, die niemandem
verborgen bleibt, jede Spur von Ungereimtheit. Es ist zwar ein
handfester Widerspruch, wenn jede Menge A p p e l l e losgelas-
sen werden, wer sich wie verhalten müsse bzw. nicht verhalten
d ü r f e, d a m i t der Automatismus Wirtschaft genau so wei-
terlaufe, wie es die Prophezeihung will - er geht aber regelmäßig
unter in der Deutung, man müsse sich seinem/unserem Schicksal na-
türlich "stellen". Die Gegensätzlichkeit der Interessen der ver-
schiedenen Fraktionen in der Marktwirtschaft kommt durchaus
knallhart zur Sprache - die Unternehmer "sollen" Gewinne machen
und dafür investieren (als ob das nicht deren ureigenstes Inter-
esse wäre), die Regierung "müsse" an ihrem Konsolidierungskurs
festhalten (als ob dies eine Frage wäre) und die Lohnabhängigen
"müssen" auf Lohnsteigerungen oder sonstige Ansprüche verzichten,
weil das den Aufschwung gefährden würde (d i e "müssen" also
dafür herhalten, daß Staat und Unternehmer auf ihre Kosten kom-
men! interessant!) -, aber eben so, als ob es sich um eine Art
sachdienlicher und allgemein nützlicher Arbeitsteilung handelte,
wo jeder eben das Seine zu leisten hat.
Wie sehr diese Art von Prognosen verfangen hat und zur nationalen
Selbstverständlichkeit geworden ist, das zeigt übrigens nicht zu-
letzt die Frechheit, mit der die Prognosen '85 einen auf
O p t i m i s m u s machen. So als ob nichts selbstverständli-
cher wäre als das Sich-Abfinden jener Mehrheit in diesem Lande,
die kein Vermögen besitzt, über das in Börsennachrichten Mittei-
lung gemacht wird, mit der Pflicht zum anspruchslosen Arbeits-
dienst oder Arbeitslosendasein, wird das Wohlverhalten der Dödels
der Nation vorausgesagt. Manch einer könnte diesen Optimismus
also auch als Drohung verstehen...
zurück