Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation
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Die Ideologie der Woche
STANDORT BRD IN GEFAHR
Alle paar Monate steht unsere Republik auf dem Spiel. Genauer ge-
sagt: "Die Überlebensfähigkeit des Produktionsstandorts BRD". In-
dustriekapitäne und Bankenchefs können ihre Trauer über den dro-
henden Niedergang einer erfolgreichen und schlagkräftigen Indu-
strie kaum zurückhalten. Und sie treffen mit ihren Diagnosen auf
vollstes Verständnis einer gebildeten Öffentlichkeit. Die BRD ist
den Verlautbarungen der Unternehmer nach "der teuerste Standort
der Welt". Hier fressen die "höchsten Unternehmenssteuern" jeden
gesunden Gewinn - der offensichtlich irgendwie zustandekommt -
ratzeputz auf. Hier sorgen "die höchsten Löhne der Welt" dafür,
daß genaugenommen gar kein Gewinn zustandekommen könnte. Von den
"überzogenen Lohnnebenkosten" ganz zu schweigen. Arbeiter sind
hierzulande auch noch "Weltmeister in Sachen Freizeit." Eine
Hölle für Kapitalisten.
Für diese Diagnose haben Unternehmer wie BMW-Chef Kuenheim einen
unschlagbaren Beleg bei der Hand: "Nur 7 Milliarden an ausländi-
schen Investitionen" seien letztes Jahr in die BRD geflossen, da-
gegen seien "die deutschen Unternehmer mit 50 Milliarden im Aus-
land eingestiegen". Nach marktwirtschaftlicher Logik spricht das
nicht etwa dafür, wie gewinnträchtig hierzulande produziert wor-
den ist. Daß Unternehmer glatte 50 Milliarden übrig haben und an-
derswo investieren, ohne hier dichtzumachen und ohne die Außen-
handelsbilanzen der BRD in Unordnung zu bringen, das spricht nur
für eins: Dem deutschen Kapital könnte und muß es in Deutschland
noch viel besser gehen.
Wo sich Unternehmen ihre Produktion sowie die dafür nötigen Mit-
tel einschließlich der Arbeitskräfte so erfolgreich eingerichtet
haben, daß sie sich mit ihren Überschüssen und ihrem know how in
Sachen Ausbeutung noch zusätzliche Geschäfte in allen Weltgegen-
den erschließen können, ausgerechnet da werden Kapitalisten in
aller Öffentlichkeit frech und wehleidig und stellen alles auf
den Kopf:
"Wenn diese Milliarden im Inland angelegt worden wären, wären
auch 200.000 Arbeitsplätze entstanden".
Die Schuldzuweisung ist klar: Die Anwendung der Arbeitskraft geht
nicht, weil sie zu teuer und zu anspruchsvoll ist.
Diese Beschwerden finden nur deswegen viel öffentliche Aufmerk-
samkeit, weil sie erstens ganz einfach nicht wahr sind und weil
zweitens auch jeder weiß, daß sie keine Wahrheit, sondern einen
Anspruch formulieren sollen. Und zwar einen Anspruch, dem hierzu-
lande jeder recht gibt; auch und gerade die öffentlichen Stimmen,
die der Unternehmerdiagnose widersprechen und die Standortvor-
teile der BRD herausstreichen. Da heißt es nämlich: Mit "unseren
qualifizierten Mitarbeitern" läßt sich die "nach wie vor höchste
Produktivität" erzielen, was sich in niedrigeren Lohnstückkosten
als bei den meisten Konkurrenten ausdrückt. Es gibt außerdem den
ausdrücklich so bezeichneten "Standortvorteil": "Die große poli-
tische Stabilität". Für die sorgen nicht zuletzt diejenigen, die
für den Erfolg des Kapitals Arbeitsplätze besitzen oder als Ar-
beitslose Ruhe geben. Mit dem Lob politischer Stabilität ist die
Bereitschaft einer ganzen Klasse gemeint, sich für "unsere Wirt-
schaft" jede rentable Zumutung von Seiten des Kapitals und des
Staats abverlangen zu lassen.
Dieser "Wille zum sozialen Konsens" findet nicht nur bei dem Bun-
despräsidenten, der dieses hohe Gut ja überhaupt personifiziert,
gerechte Anerkennung. Auch Industrieverbandschef Necker oder Ex-
perten wie der Ex-Kanzler Schmidt kennen diesen Vorzug und wissen
wer ihn maßgeblich zu verantworten hat.
"Vor allem sind die deutschen Gewerkschaften ein wesentlicher in-
ternationaler Wettbewerbsvorteil der deutschen Wirtschaft."
Denn diese Vertretung des Arbeiterinteresses hat durch "die maß-
volle Lohnpolitik der letzten Jahre", das heißt Lohnsenkung,
einen "wichtigen Beitrag zur Wiedergewinnung der wirtschaftlichen
Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik geleistet".
Eine Gewerkschaft bringt vollstes Verständnis dafür auf, daß
d a s Lebensmittel ihrer Mitglieder, der Lohn, nur zustande-
kommt, wenn und weil und solange sich die Kosten für die Anwen-
dung von Arbeitern für den Anwender auch lohnen. Eine ganze Ar-
beiterschaft sieht das auch so und übt sich in Bescheidenheit,
damit sie beschäftigt bleibt oder wieder wird und Lohn bekommt.
Das "Wohl von u n s a l l e n" verbietet Ansprüche von einer
ganz bestimmten Seite aus. So sieht sie aus: die i d e a l e
H e i m a t d e s K a p i t a l s.
Darüber erklärt sich nebenbei auch, warum die Nutznießer des gan-
zen Ladens dauernd unzufrieden sind und das auch noch öffentlich
zu Protokoll geben. Denen geht's zu gut.
Deutschlands Kapitalisten sind verwöhnt.
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