Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 15, 01.02.1983
       
       Der Veranstaltungskommentar
       

ALTERNATIVEN DER WIRTSCHAFTSPOLITIK

Dienstag, 25.1., 14 Uhr, HS3, Podiumsdiskussion mit W. Roth (SPD), Herman Bömer (Abt. Raumplanung, Memorandum-Gruppe), Mathes Buhbe (Abt. WiSo), Vertretern des DGB, der GRÜNEN, des SoSt vor einem vollen Hörsaal 1. "Arbeitslosigkeit, Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich, BAFÖG auf Darlehen, Staffelmiete etc. sorgen dafür, daß aber je- dem bewußt wird: es geht auch mir ans Eingemachte" mit dieser Feststellung wurde von den Veranstaltern (ASTA, FS WiSo, JUSO HSG) zu der Podiumsdiskussion eingeladen. Die Aufzählung all der Formen, in denen Politik und Wirtschaft derzeit die Verarmung der Leute ins Werk setzen, fährt nun freilich nicht zu dem Urteil, daß es ganz offensichtlich der Masse der Bevölkerung zum Schaden gereicht, wenn die Wirtschaft gemäß ihren Geschäftsprinzipien ab- läuft und der Staat nach seinen Kriterien seine Macht dafür ein- setzt, daß auch in der Krise die Wirtschaft keinen Schaden nimmt. Daß der Nachteil der Leute Resultat von Wirtschaftspolitik ist, nimmt man durchaus zur Kenntnis, aber nicht, um deswegen gegen die Politik zu sein, die für das Wohlergehen der Wirtschaft sorgt - und so der Bevölkerung deren materielle Notlage beschert. Die Konsequenz, die die Initiatoren der Podiumsdiskussion empfehlen, ist das gerade Gegenteil: weil soviel von der Wirtschaftspolitik für die Leute abhängt, deswegen soll man sich darum kümmern, daß eben diese "beuer" gemacht wird. Grundlage für diese Schlußfolge- rung ist die felsenfeste Überzeugung, daß eine "vernünftige" Wirtschaftspolitik mit dem Wohlergehen der Menschheit einhergeht - ein Dogma, das jede Erfahrung blamiert und deswegen umso ent- schlossener geglaubt werden muß. 2. "Es muß etwas geschehn!" Diese vehement vorgetragene Parole des DGB-Mannes war das übereinstimmende Resultat aller vom Podium vorgetragenen Lage-Analysen. Nach einer Besichtigung der uner- freulichen Folgen der praktizierten Wirtschaftspolitik gelangte jeder der eingeladenen Diskutanten zu einem vernichtenden Urteil über das Wirken der Männer an den Schalthebeln der Macht: deren Wirtschaftspolitik sei "gescheitert", "verfehlt", ganz einfach "schlecht". Diese Kritiken sind - so drastisch sie auch daherkom- men - in einem entscheidenden Punkt mit dem Gegenstand ihres Miß- fallens einig: samt und sonders beziehen sie ihre Maßstäbe von der Vorstellung einer e r f o l g r e i c h e n W i r t s c h a f t s p o l i t i k. Wie die Welt aussieht, wenn man sie von einem wirtschaftspoliti- schen Standpunkt aus betrachtet, daraus hat keiner der Podiums- teilnehmer ein Geheimnis gemacht: ob das Einkommen der Leute als "kaufkräftige Nachfrage" begutachtet, die Zahl der Arbeitslosen hinsichtlich der "Kosten, die sie verursachen" beklagt oder die "Verschwendung" angeprangert wird, die darin bestehen soll, daß die "Krise zur Vernichtung riesiger Ressourcen beiträgt: Firmen- zusammenbrüche, Brachliegen von Produktionskapazitäten, Arbeits- losigkeit" - allemal wird die Lage der Bundesbürger daraufhin in- spiziert, inwiefern sie dem Wohlergehen des großen Ganzen schadet bzw. nützen könnte. Die ausführlich geschilderten Sorgen der Nor- malverbraueher bekommen vom wirtschaftspolitischen Sachverstand so ihre untergeordnete Rolle zugewiesen: sie sind nichts als der Hinweis darauf, wie sehr man sich Sorgen machen muß - um die Lage von Wirtschaft und Staat. Wie die Wirtschaftspolitik aussieht, wenn man ihr a u s b l e i b e n d e n E r f o l g verrechnet, ist vom Po- dium nicht minder eindeutig dargelegt worden: ob man den Machern in Bonn ankreidet, mit dem "Sparhaushalt" die Staatsverschuldung nicht abgebaut, mit der Arbeitsmarktpolitik die Arbeitslosigkeit nicht verringert, mit der Wirtschaftsförderung die Krise nicht abgewendet zu haben, überhaupt nur über "konventionelle Mittel" zu verfügen, über "Konzepte", "die nicht mehr greifen", so sind dies noch jedesmal negative Urteile über die Wirtschaftspolitik, die ein positives Bekenntnis zu den Aufgaben der Wirtschaftspoli- tik gleich mitformulieren: auf die schöne aber falsche Vorstel- lung, die staatliche Betreuung der Nationalökonomie habe die Wohlfahrt aller zum Ziel zu haben, sei dazu da, wirtschaftliche Mißhelligkeiten, allenthalben zu bereinigen, will man nichts kom- men lassen, ja man braucht so eine Bilderbuchvorstellung einer rundum gelungenen Wirtschaftspolitik, um - an ihr gemessen - Kohl & Co. "scheitern" zu lassen; freilich auf eine recht weltfremde Art: wenn man von den tatsächlichen Zwecken der Wirtschaftspoli- tik nichts wissen will, was das Bild von deren eigentlich guten Absichten stören könnte, dann rangiert auch die vom Staat mit all seiner Macht betriebene Beförderung der Geschäftsbedingungen sei- ner Wirtschaft samt der hierfür eingesetzten Mittel von der Staatsverschuldung, Produktion von Arbeitslosen bis zur Lohnsen- kung unter der Rubrik "Versagen". Daß die Menschheit nichts nöti- ger braucht als eine Wirtschaftspolitik, die den Namen verdient, diese Botschaft wollten alle Podiumsdiskutanten an den Mann brin- gen. 3. "Hier kommt doch nichts bei raus" - diese abfällige Stimmung machte sieh ganz zu unrecht im Hörsaal breit, als vom Podium die Alternativen erörtert wurden, die in Sachen Wirtschaftspolitik anstanden. Herausgekommen ist dabei nämlich das folgende: - der eine warb mit seinem ganzen Gewicht für die Auffassung, eine Auswechslung des Personals in Bonn wäre die Alternative. Das war nämlich der ROTH von der SPD, und so einer kann - sich nichts Schöneres vorstellen, als wieder an der Macht zu sein und für die Fortsetzung der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik ganz viel Ver- antwortung zu tragen. Daß sich die Untertanen unter dieser Per- spektive auch etwas Schönes vorstellen - schließlich ist er einer mit linker Vergangenheit -, war der Sinn seiner Ausführungen am Podium; - dem Mann von den GRÜNEN war solches zu wenig, weil er nicht "bloß sozialdemokratisch sein" wollte, sondern auch ein bißchen "utopisch". Also schlug er vor, neben dem "notwendigen" SPD-Re- alismus gewisse "Strukturen" eines gewissen "Systems" als "letztendlichen Grund" für die Misere der Wirtschaft und ihrer Politik ins Auge zu fassen. Mit solchen Sprüchen will d e r nämlich in den Bundestag; - der Vertreter des DGB wollte in die Bundesbank - mitbestimmen, um dort aufzupassen, daß die da den "Handlungsspielraum" des Staates nicht dauern einschränken. Ansonsten empfahl er Öster- reich und sich auf härtere Zeiten einzustellen; - die Vertreter der wissenschaftlichen Politikberatung plädierten für mehr "Risikobereitschaft" unter den - Machern der Nation (BUHBE), stellten den Vorschlag theoretisch zur Diskussion, der Staat solle "die Verfügungsgewalt über die Schlüsselindustrien praktisch zur Diskussion stellen" (BÖMER) und meinten kühn, ohne die These, daß "ohne das Antasten des Privateigentums" eine "Wende" zum besseren kaum "machbar" sei, nicht auskommen zu kön- nen (SoSt). Einig waren sich Praktiker, Möchtegern-Praktiker und Theoretiker in Sachen Wirtschaftspolitik darüber, daß jeder ihrer Vorschläge hochgesteckte Erwartungen nicht würde erfüllen können, weil da so viele "problematische" "Faktoren", "langfristig" wirkende zumal, "kurzfristig" einfach nicht zu beheben seien. Ein jeder hatte hierfür ein paar beeindruckende Zahlen über nicht minder erstaun- liche Zusammenhänge mitgebracht, um sie auszupacken. So wird ganz kritisch und aufgeklärt das alte Märchen von den Sachzwängen, denen die Wirtschaftspolitik ausgesetzt sei, modern erzählt: Wirtschaftspolitik besteht vor allen Dingen darin, "schwierig" zu sein, weil alles so fürchterlich "kompliziert" ist. Dieses Sach- verständigen-Urteil läßt nicht von ungefähr diejenigen ganz gut aussehen, die nichts anderes ankündigen, als mit der gemachten Politik nicht einfach zufrieden zu sein - weil sie sie nämlich zur Zeit nicht machen dürfen. zurück