Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation


       zurück

       Alle reden von der Ruhrkrise
       
       Die     U n t e r n e h m e r,     die  Zechen   und   Stahlwerke
       dichtmachen und  Massenentlassungen beschließen;  die  Politiker,
       die  ihre   Ohnmacht   beteuern   und   gleichzeitig   machtvolle
       Unterstützung  anbieten;   die  Gewerkschaft,   die   alternative
       Rechungen und  Konzepte zur  Arbeitsplatzbeschaffung  entwirft  -
       alle sind  sich einig:  Wo Entlassungen an der Tagesordnung sind,
       ganze "Standorte"  dichtgemacht werden,  da ist die Wirtschaft in
       einer   Notlage;    da   fehlt    es   den    Arbeitgebern"    an
       Beschäftigungsmöglichkeiten; da  haben die politischen Bemühungen
       um Beschäftigung versagt.
       Von wegen!  Die   S t a h l k o n f e r e n z,  die jetzt in Bonn
       stattgefunden  hat,   hat  mit   ihren   "Strukturverbesserungs"-
       Beschlüssen klargestellt,
       

WORIN DIE VIELBESCHWORENE 'RUHRKRISE' WIRKLICH BESTEHT

Mit ihrem Maßnahmenkatalog hat die Kanzlerrunde praktisch festgelegt, welche 'Krise' bewältigt werden soll, wogegen etwas unternommen, welches Problem gelöst werden soll. Erstens: Überhaupt kein Problem ---------------------- Schon gar keins der von Entlassung Betroffenen. Weder war die Kanzlerrunde von der Sorge geprägt, die Rheinhausener Stahlarbeiter könnten sich am Ende ihre Entlassung allen Ernstes doch nicht gefallen lassen. Noch sorgten sich die vornehmen Herren um die Nöte irgendeines Arbeiterhaushalts im Ruhrgebiet. Die Krokodilstränen darüber überlassen sie den Pfaffen, Journalisten und Friseuren. Ebenso war nichts von einem 'Problem' der Montanfirmen Krupp, Thyssen, Mannesmann usw. zu bemerken, die Massenentlassungen für nötig halten. Die leiden nämlich gar keine Not, sondern kalkulieren langfristig mit dem Stahl- und Kohlemarkt. Und sie können langfristig damit kalkulieren, weil dieser Markt vom Staat betreut und geregelt wird. Denn einem "ökonomischen Riesen" wie der BRD ist es wichtig, daß es eine nationale Stahl- und Energieproduktion gibt. Allerdings versteht er darunter etwas anderes als die, die davon leben, daß sie von Berufs wegen Stahl kochen und Kohle fördern müssen, um was zu verdienen. Stahl und Kohle läßt er als G e s c h ä f t s a r t i k e l herstellen. Wenn mehr davon zu verkaufen war, ist auch die Produktion gesteigert worden. Daß jetzt zuviel hergestellt wird, merkt er, wie seine Lieblingsbürger, die Unternehmer, an den Bilanzen. Was nicht bezahlt wird auf dem Markt, wird offenbar nicht gebraucht - Bedarf ist, was sich rentiert. Nur das ist gute Ware, für die sich dann auch eine Conti-Schicht lohnt. An dieser kapitalistischen Grundrechnungsart ändert sich auch dadurch nichts, daß per Montan-Union, also durch internationale Vereinbarungen über die nationale Branche Stahl und Kohle, das Geschäft gefördert wird. Eine Aufteilung von Stahlquoten auf die verschiedenen Länder ist nicht wegen der Arbeiter vorgenommen worden; sie zeugt davon, daß die beteiligten Politiker nicht das Problem haben, ob auch fleißige und bescheidene Stahlkocher genug von dem Stoff herstellen können, sondern ob die Gewinnrechnung stimmt. Da lohnt es sich bei knapper Nachfrage - mit tatkräftiger staatlicher Unterstützung - auf der einen Seite, Anlagen mit Milliarden zu r a t i o n a l i s i e r e n, also neue produktivere 'Kapazitäten' aufzubauen, um seine Quoten preisgünstig auszuschöpfen und anderen welche abzuhandeln. An anderer Stelle rechnet es sich umgekehrt wegen mangelnder Rentabilität, angesichts der Überkapazitäten, die die Stahlunternehmer selber schaffen, die Produktion e i n z u s t e l l e n, Quoten an andere zu verkaufen und bei denen oder bei 'Billigproduzenten' im Ausland Stahl und Kohle einzukaufen. So schließt Krupp jetzt Rheinhausen, um gemeinsam mit Thyssen für beide Konzerne in Huckingen den stählernen Rohstoff mit verringerter Belegschaft und voll ausgelasteten Anlagen zu produzieren. Diese G e w i n n r e c h n u n g e n sind auch ohne ständig wachsenden Stahl- und Energiemarkt a u f g e g a n g e n: Ein Bruchteil der früheren Belegschaften walzt heute dieselbe Menge Stahl und fördert immer noch zuviel Kohle. Die Montankonzerne haben darüber immer genügend Gewinne gemacht, um ohne Zahlungsschwierigkeiten ihre laufenden Rationalisierungen und ihre Stillegungen zu finanzieren. Sie produzieren trotz aller Klagen über die 'wettbewerbsverzerrenden Subventionen' in anderen Ländern unverdrossen weiter, verkaufen ihr Zeug weltweit, planen mit Unterstützung und Finanzhilfen von höchster Stelle auf Jahre hinaus ihren Kapazitätsausbau und ihre Stillegungen - und kündigen schon jetzt die zigtausend E n t l a s s u n g e n an, die diese Geschäftspolitik demnächst wieder mit sich bringen wird. Die nationale Interessengemeinschaft 'rentable Stahl- und Energiewirtschaft' ist also alles andere als ein V e r e i n z u r E r h a l t u n g v o n A r b e i t s p l ä t z e n, als der sie sich so gerne darstellt. Sie ist ein Verein zur Erzeugung von Gewinn aus Stahl und Kohle. Und dieses Interesse ist kein bißchen in der Krise. Mit dem Titel "Ruhrkrise" haben die Politiker, Kapitalvertreter und Gewerkschaftler, die sich da neulich zur "Stahlrunde" in Bonn getroffen haben, etwas anderes im Auge gehabt. An den Arbeitslosenraten der örtlichen Arbeitsämter und am Gejammer der zuständigen Stadtkämmerer haben sie Doch ein gewisses Problem entdeckt ---------------------------------- Im Ruhrgebiet findet zu wenig Geschäft statt; mehr davon muß her, und zwar dorthin! So lautet der Beschluß, mit dem Arbeit, Kapital und Staatsgewalt einvernehmlich und selbstzufrieden auseinandergegangen sind. Zu wenig Geschäft - wofür eigentlich? Zu wenig erstens im Vergleich zu den Profitmaßstäben, die Kohle- und Stahlbetriebe mit ihren durchrationalisierten Strangguß- und Förderanlagen, mit ihren eigenen Verarbeitungsbetrieben und ihren Beteiligungen an der ausländischen Konkurrenz in aller Welt selber aufgestellt haben; im Vergleich zu den Gewinnerwartungen, denen diese Unternehmen ganze Werke opfern, Belegschaft eingeschlossen, und gemäß denen sie andere auf den modernsten Stand bringen, Massenentlassungen eingeschlossen. Zu wenig Geschäft zweitens im Vergleich zur Zahl der L o h n a b h ä n g i g e n, die dank des früheren Bedarfs der Konzerne das Revier bevölkern und nun wegen des gesunkenen Bedarfs an Arbeitern massenhaft für lohnende Verwendung zur Verfügung stehen. Für die Konzernbosse und Bonner Macher zählt der Mensch - als g ü n s t i g e G e s c h ä f t s b e d i n- g u n g nämlich, entgegen allen Beschwerden über unerträglich hohe Lohnkosten. Zu wenig Geschäft läuft schließlich für die unbescheidenen Ansprüche der K o m m u n e n i m R e v i e r, deren Bürgermeister ein Stück vom nationalen Reichtum in ihrer Gemeinde betreuen und ein gefülltes Stadtsäckel verwalten wollen, für die Ambitionen einer SPD-Landesregierung, die sich mit Kapitalerfolgen an Rhein und Ruhr Gewicht verschaffen will; und für die wirtschaftlichen Erfolgserwartungen einer B o n n e r K o a l i t i o n, die überall in deutschen Landen zukunfts- trächtige Industrien, also lohnende Geschäfte und damit staatliche Reichtumsquellen in Betrieb sehen möchte und deshalb von der Nordsee bis zu den Alpen die Regionen für die entsprechenden Herren möglichst attraktiv macht. Zu d i e s e m gemeinschaftlichen Anliegen dienen die beschlossenen 'Struktur'- und 'Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen' der Bonner Runde. Etwas Neues mußten die Herren sich gar nicht einfallen lassen. Sie beschlossen Maßnahmen zur Förderung dessen, wofür sie immer zu haben sind und was ihre Kapitalistenklasse bestens erledigt, sofern man sie läßt: Mit repräsentativen Fortschrittsbehörden, mit noch mehr Verkehrserschließung, mit billigem Industriegelände, mit Subventionen für neue Unternehmungen und Investitionen der Staatsbetriebe Bahn und Post soll das Revier n e u e G e s c h ä f t e anziehen und in der Konkurrenz der nationalen Standorte aufgewertet werden. Prompt stehen Bayern, Saarland, Bremen und andere mit ihren 'Krisenregionen' auf dem Bonner Parkett, um ebenfalls Steuergelder in die entsprechenden Gegenden zu schleusen - für den wirtschaftlichen Fortschritt, versteht sich. Am Ende kommt so manche gelungene Rentabilitätsrechnung zustande; manche Baufirma verdient an Staatsaufträgen; die Bahn modernisiert ein paar Strecken und ihre veraltete 'Beschäftigungsstruktur'; die Post baut ihr Kommunikationsnetz für den Geschäftsverkehr aus und ihren Personalbestand ab; und das nationale Raumfahrtprogramm wird von Köln, Bonn oder sonstwo aus gemanagt. Mit Beschäftigung, mit neuen 'Zukunfts-, 'Ersatz-' oder sonstwas- A r b e i t s p l ä t z e n, hat diese Wirtschaftsförderung und die politische Konkurrenz um ein günstiges regionales Investitionsklima gar nichts zu tun, auch wenn den Arbeitslosen im Revier weisgemacht werden sollte, das alles würde extra wegen ihnen veranstaltet. Umgekehrt. Genau dieses Zusammenspiel von Unternehmerkalkulation und Wirtschaftspolitik - lokal, regional und (inter)national - hat ja die 2,5 Millionen Arbeitslosen geschaffen, in deren Namen jetzt wieder investiert, rationalisiert, subventioniert und gewerkschaftliche Zurückhaltung beim Lohn geübt - also für rentable Geschäfte gesorgt wird. zurück