Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation
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Jetzt kommen uns die Tränen: Unternehmer bejammern
"LEHRLINGSMANGEL"
In letzter Zeit häufen sich in den Zeitungen die Meldungen über
einen angeblichen Lehrlingsmangel. Nach Jahren des "Lehrstellen-
mangels" soll jetzt zur Abwechslung mal die Seite der Lehrherren
in Bedrängnis geraten sein, weil der Markt dringend benötigte
Azubis nicht hergebe. Das Ganze in ein tröstliches Bild umge-
setzt: Ein undurchschaubares Auf und Ab von "Angebot" und
"Nachfrage" läßt auf die Dauer beide Seiten auf ihre Kosten kom-
men. Zur Zeit sollen die Lehrstellensucher gut lachen haben, weil
die Unternehmer sich um sie reißen. Die Botschaft: Der Lehrstel-
lenmarkt ist eine nützliche Instanz, die den Interessen beider
Seiten dient.
Alles Lüge.
1. Die Nachfrage nach Lehrstellen ist immerzu sichergestellt. Das
liegt daran, daß die Unternehmer Leute ohne abgeschlossene Lehre
allenfalls für die miesesten Jobs in Betracht ziehen. Für einen
Haupt- oder Realschulabgänger ist es deshalb ein "Muß", sich um
eine Lehrstelle zu bemühen, sonst hat er für den Rest seines Le-
bens nicht einmal die Chance, zu einem halbwegs geregelten Ein-
kommen zu gelangen. Daß die Nachfrage nach Lehrstellen nicht aus-
geht, dafür sorgen also die Unternehmen mit ihrer kleinen Erpres-
sung selbst.
2. Über das Angebot an Lehrstellen entscheiden die Betriebe eben-
falls. Je nach Geschäftsgang entscheiden sie, wieviele Lehrlinge
sie als künftige Facharbeiter oder Gesellen ausbilden wollen bzw.
als Billigst-Arbeitskräfte einsetzen oder nach der Lehre als
stille Reserve auf den Arbeitsmarkt schicken.
Beide Seiten des "Lehrstellenmarktes" werden also von den Unter-
nehmen bestimmt.
3. Die Sorgen, die die Unternehmer laut werden lassen, sehen ent-
sprechend merkwürdig aus. Zum Beispiel haben kürzlich die Hand-
werker "zu wenig Lehrlinge" beklagt:
"Dennoch sind etliche junge Menschen ohne ein Lehrverhältnis. Die
Handwerker führen das unter anderem darauf zurück, daß einzelne
Jugendliche unbedingt an ihrem Wunschberuf festhalten wollen,
auch wenn sie für ihn keinen Ausbildungsvertrag bekommen können.
Manche befänden sich auch in außerbetrieblichen Maßnahmen, und
schließlich gebe es auch einen gewissen Prozentsatz 'nicht
ausbildungsfähiger' Jugendlicher. Lehrstellen blieben auch frei,
weil sich manche bei drei verschiedenen Meistern bewerben, dann
aber natürlich nur eine Stelle antreten können." (Weser-Kurier,
5.2.)
Von wegen also: der Markt ist leergefegt und jeder Bewerber wird
mit Kußhand genommen! Von ihren Ansprüchen haben sie seit den
Zeiten des "Lehrstellenmangels" kein Jota zurückgenommen. Die
Herren Klempner und Bäcker stellen fest, daß sich auf dem Lehr-
lingsmarkt doch glatt Leute rumtreiben, die eigene Vorstellungen
von ihrem künftigen Beruf haben: Leute, die ihren Meister selbst
suchen wollen, statt sich von ihnen auswählen zu lassen. Über-
haupt Arbeitsmarktschrott, der nicht wert ist, ihm etwas beizu-
bringen. - Und die sollen in der Klemme sein?
Praktisch kommt bei dem ganzen Wehklagen nichts anderes heraus
als eine Beschwerde darüber, bei den Bewerbern immer noch ein
paar Interessen und Eigenheiten vorzufinden, die sich nicht voll-
ständig dem Geschäftsinteresse unterordnen. Das duldet eben keine
Abstriche.
4. Nach wie vor werden am Lehrstellenmarkt Arbeiterkarrieren vor-
sortiert, nach wie vor fehlt es deshalb nicht an Nachwuchs für
die untersten Etagen des Arbeitsmarktes. Ganz marktwirtschaftlich
gibt es nur für eine Seite etwas auszunutzen. Immer für dieselbe,
vesteht sich.
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