Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation
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Die Begleitmusik zur Einführung der Dauernachtschicht:
"NACHTARBEIT IST GESUNDHEITSSCHÄDLICH"
So heißt der Einwand des Daimler-Betriebsrats gegen die Einfüh-
rung der Dauernachtschicht. Da wird er wohl recht haben: Daß es
Leuten nicht gut bekommt, wenn sie Nacht für Nacht in die Fabrik
einrücken müssen, weiß ja irgendwie auch jeder.
Das schlichte Argument: Was den Daimlerarbeitern schadet, sollen
sie nicht machen, wollte der Betriebsrat allerdings nicht loswer-
den. Das gilt in diesem Falle offenbar ebensowenig wie sonst. Da
wäre die Sache ja einfach. Freiwillig käme sowieso niemand auf
die Idee, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen und dabei auch
noch die Gesundheit zu riskieren, bloß weil es dem Betrieb in die
Geschäftskalkulation paßt. Aber das weiß auch jeder: s o, als
p r i v a t e Ablehnung der Nachtarbeit, zählt der Einwand
"gesundheitsschädlich" in unserer wunderschönen Arbeitswelt über-
haupt nicht. Der Betrieb macht schließlich seine Arbeitszeit-
planung nicht davon abhängig, ob sie denen schmeckt, die die Ar-
beit machen müssen! Also bleibt sie den Arbeitern auch nur dort
und nur solange erspart, wo Betriebe die Nacht sowieso nicht oder
nicht in allen Abteilungen als Arbeitszeit nutzen wollen. Im an-
deren Fall hat man die schöne Alternative: Dann such dir eben
einen anderen Arbeitsplatz, wenn dir das Daimler-Angebot nicht
gefällt!
Es ist eben gar nicht so, daß A r g u m e n t e darüber
entscheiden, wer wann arbeiten muß, und seien sie noch so
"wissenschaftlich erwiesen". Entschieden wird nach Maßgabe des
Z w a n g s v e r h ä l t n i s s e s, das Gewinn heißt. Es fin-
det gar keine Debatte über den Nutzen oder Schaden von Arbeitsz-
eiten und/oder Lohn statt, sondern der Betrieb setzt den Arbei-
tern sein Interesse wie einen Sachzwang vor die Nase. Eben deswe-
gen sind auch die Arbeiter für die Frage, was ihnen bekommt und
was nicht, selbst gar nicht zuständig. Das entscheiden längst an-
dere für sie; z.B. der Betriebsrat. Wenn dem der Einwand
"gesundheitsschädlich" einfällt, dann hat er sich dies Zwangsver-
hältnis längst einleuchten lassen; entweder als "Fertigungstiefe"
oder als Arbeitsplätze oder unter welch wohlklingendem Namen auch
immer.
Deswegen folgt für den Betriebsrat aus diesem Einwand gar kein
unwidersprechliches "Nein!". Seine Vorschläge zu einem
"Gestaltungsrahmen" der Nachtarbeit gehen vielmehr alle davon
aus, daß sie stattfinden muß. A u f d i e s e r
G r u n d l a g e soll der Einwand "gesundheitsschädlich" aber
dann doch etwas zählen. Dem B e t r i e b wird der Ge-
sichtspunkt unterbreitet, er möge doch, wenn er die Leute schon
Tag und Nacht für seine Geschäfte einspannt, d a b e i ein biß-
chen Rücksicht darauf nehmen, daß sie die Arbeit doch auch schaf-
fen können müssen. Diese Art Einspruch ist meilenweit entfernt
von dem Interesse irgendeines Arbeiters, von der Nachtarbeit ver-
schont zu bleiben. Der Einwand will ja ausdrücklich davon abse-
hen, daß hier Interesse gegen Interesse steht. Er tut vielmehr
so, als müßte sich das Anliegen, S c h ä d e n der Nachtarbeit
abzuwenden, doch irgendwie mit dem S t a t t f i n d e n der
Nachtarbeit vereinbar machen lassen, wenn der Betrieb nur guten
Willens wäre. Heraus kommt der matte Appell an den Betrieb,
d e r müßte doch bei seinem Anspruch auf die Nacht als Arbeitsz-
eit deren Wirkung auf die Arbeiter irgendwie mit berücksichtigen.
Der Einwand "gesundheitsschädlich" will eben gar nicht die Nacht-
arbeit verhindern, sondern Gesichtspunkte geltend machen, wie ihr
Stattfinden für die Arbeiter "zumutbar" geregelt werden könne.
Also läßt sich der Betriebsrat lauter Zusatzregelungen einfallen
wie Pausen, Transportorganisation, Verpflegung, ärztliche
Untersuchungen (die den stattfindenden Schaden ja wohl unterstel-
len!); sogar an den Kleinkredit für die Schalldämmung im Schlaf-
zimmer hat er gedacht! Der Witz ist bloß: Gerade das, was diese
Arbeit unzumutbar m a c h t, daß sie nämlich dem Menschen nicht
nur die gewöhnlichen Strapazen eines Daimlerarbeitsplatzes abver-
langt, sondern dazu noch die Umkrempelung seiner sämtlichen Le-
bensumstände, das ist natürlich bei all diesen Regelungen nicht
angegriffen, sondern im Gegenteil deren feste Voraussetzung.
Auf das Angebot geht Daimler gerne ein! Wenn es darum geht, dem
Arbeiter Zumutungen zu ersparen, die zum Stattfinden der Nachtar-
beit nicht unbedingt n ö t i g sind, dann läßt sich darüber re-
den - wenn die Kosten nicht zu hoch sind, selbstredend. Das Er-
gebnis der phantasievollen Konstruktion eines betriebsrätlichen
"Gestaltungsrahmens" ist deshalb leicht vorhersagbar. Dem einen
Einfall stimmt der Betrieb zu, einen anderen lehnt er wieder ab,
irgendwo verständigt man sich, und die Nachtschicht geht los. Im
Ernst will ja auch keiner im Betriebsrat behaupten, m i t Pau-
sen und Kleinkredit bliebe den Arbeitern jetzt irgendetwas er-
spart, und wieso die Nachtarbeit jetzt weniger "ge-
sundheitsschädlich" sein sollte als ohne diesen
"Gestaltungsrahmen", wüßte ohnehin kein Schwein zu sagen. Der
ganze Einwand dient eben bloß dazu, daß der Betriebsrat bei sich
und anderen den Eindruck erwecken kann, er hätte bei der Ein-
führung der Nachtschicht ganz höllisch aufgepaßt, daß den Arbei-
tern nichts zugemutet wird, was unzumutbar ist. Was sie dann ma-
chen, ist logischerweise schon deshalb zumutbar, weil der Be-
triebsrat es mit abgeschlossen hat. Und darum ging`s ja wohl!
P.S. Wie der MAZ zu Ohren gekommen ist, haben sich schon die nö-
tigen "Freiwilligen" für die Dauernachtschicht gefunden. Angeb-
lich hatten sie dafür sogar gute Gründe: Es gibt mehr Geld,
schlimmer als Wechselschicht ist es auch nicht, und man macht es
ja nicht ewig. Bloß alles mitmachen, was der Betrieb von einem
will, reicht offenbar nicht. Man muß sich unbedingt auch noch in
die Tasche lügen, daß man auf ein Angebot eingegangen ist. Kein
Wunder, daß Betriebe wie Daimler immer anspruchsvoller und deren
"Angebote" immer unverschämter werden!
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