Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation
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Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung
ERFOLGSBILANZ EINER ÖKONOMISCHEN LÜGE
Das Bundeskabinett hat sich auf einen "Jahreswirtschaftsbericht"
geeinigt. Wie kaum anders zu erwarten, handelt es sich um ein Do-
kument des regierungsamtlichen Optimismus, der anschließend von
Sachverständigen auf ca. 400 Seiten als berechtigt bewiesen wird.
Schier unaufhaltsam kommt er auf "uns" zu: "der Aufschwung".
Schier unabsehbar ist allerdings auch die Liste der "Gefahren"
für sein Eintreten. Bis hinters Komma ist er schon ausgerechnet
aber ob die exakte Prognose auch stimmt, das soll noch sehr davon
abhängen. Vor allem nämlich davon, daß die Löhne weiter sinken,
während die mit ihnen eingekaufte Arbeitszeit den Unternehmern
mehr einbringt.
Theoretisch gesehen - eine tiefsinnige Weisheit: Wenn die Ge-
schäfte besser laufen, dann nehmen sie einen Aufschwung; und der
ist genau so hoch, wie sie besser laufen als letztes Jahr. Oder
in der Kunstprosa des Sachverständigenrats:
"In seiner Buchfassung trägt dieses Gutachten den Titel 'Ein
Schritt voran'. Dies ist ein gerichtetes Wort. Es beschreibt die
wirtschaftliche Entwicklung, in der wir uns befinden, und es ent-
hält zugleich die Aufforderung, die Besserung nicht schon für
selbsttragend zu halten. Nötig ist die Anstrengung, voranzuge-
hen."
Eins darf man über dieser theoretischen Albernheit allerdings
nicht übersehen. Die öffentliche Gewalt hat sich zu ihr als
"Prognose" bekannt.
Die Lyrik der Wirtschaftsberichte
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Öffentlich bekanntgegeben wird "die Lage der Wirtschaft" in lau-
ter empfindsamen B i l d e r n, vorzugsweise aus dem Bereich
der Biologie und der Wettervorhersage. Von "Erholung" ist da die
Rede, die allerdings noch durch "Schwächeanfälle" in der einen
oder anderen Branche gefährdet sei - gerade so, als wäre die Rede
vom "wirtschaftlichen Kreislauf" kein mattes Bild, sondern eine
aufschlußreiche Bestimmung des ökonomischen Geschehens, die den
Weg zu wissenschaftlichen Diagnosen eröffnete. Für Sozialminister
Blüm - nomen est omen - handelt es sich bei dem Aufschwung (was,
nebenbei, selber nur ein sportsmännisches Bildwort ist) um ein
"zartes Pflänzchen" das sorgfältig vor "Hagelschauern im Mai" ge-
schützt werden muß: Damit sind Arbeitszeitverkürzung und Lohner-
höhung gemeint. Und daß "die Konjunktur" (bei aller lateinischen
Gelehrsamkeit auch das nichts als eine Metapher aus der Astrolo-
gie!) am passendsten mit dem Begriff "Klima" zusammenzusetzen
sei: Dieser Schwachsinn hat sich schon längst der öffentlichen
Begutachtung des Geschäftemachens so vollständig bemächtigt, daß
das Publikum schon gar nicht mehr merkt, wie es mit diesem
W o r t um jede klare V o r s t e l l u n g von der Sache be-
trogen wird.
Eines geht allerdings gerade aus dieser irrationalen Bilderspra-
che bereits hervor: Bei "der Wirtschaft", wenn so über ihre
"Lage" geredet wird, kann es sich unmöglich um ein zweckmäßig
eingerichtetes M i t t e l einer Gesellschaft handeln, deren
Mitglieder gemeinsam ihren Lebensunterhalt planen, das dafür Er-
forderliche schaffen, den nötigen Aufwand einteilen und bei alle-
dem ihr Wohlergehen im Auge haben. "Die Wirtschaft" wird ja wie
ein eigenständiges S u b j e k t besprochen, dessen Launen man
s i c h anpassen muß. Und wie verlogen diese Redeweise auch im-
mer ist: D a ß die "wirtschaftenden Subjekte" in ihrer großen
Mehrheit nicht i h r e materiellen Zwecke verwirklichen; son-
dern sich mit ihrem Materialismus v o r g e g e b e n e n Zwec-
ken zu f ü g e n haben, das ist das R e a l i s t i s c h e
an all den blumigen Ausdeutungen des Wirtschaftsgeschehens in der
BRD.
Allerdings: W e l c h e Zwecke die vorgegebenen und herrschen-
den sind, das verraten die offiziellen und die sachverständigen
Wirtschaftsberichte allenfalls in sehr indirekter und idealisier-
ter Form durch
die "harten Fakten"
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der Konjunkturentwicklung, in denen sie mit Vorliebe schwelgen.
Da veröffentlicht zum Beispiel die Bayerische Landesbank über
einen beliebigen Monat des Jahres 1983 das unten im Faksimile
wiedergegebene Schaubild.
Plus + Konjunkturdaten der Bundesrepublik Deutschland - Minus
Veränderung in v.H. Veränderung in v.H.
Auftragseingang, Verarb. Auftragseingang, Verarb.
Gewerbe Inland +7,5 Gewerbe, Ausland -2,3
(Juni 1983/1982) (Juni 1983/1982)
Pkw-Neuzulassungen +7,1 Kaufwerte, baureifes -3,6
(Juli 1983/1982) Land (1.Vj 1983/4 Vj. 1982)
Baugenehmigungen, Preisindex der
Wohnungen +36,8 Lebenshaltung (p) +3,0
(Juni1983/Juni1982) (August 1983/August 1982)
Produktivität je Arbeits- Walzstahlproduktion -6,4
stunde (Industrie) +5,5 (Juni 1983/Juni 1982)
(Juni 1983/Juni 1982)
Einfuhrpreise, Rohstoffe -6,5 Ausfuhr -3,8
(Juli 1983/Juki 1982) (Juli 1983/Juli 1982)
Es ist also "Plus", wenn an ausländische Lieferanten für Roh-
stoffe weniger gezahlt werden muß - aber wenn ausländische Kunden
dann weniger bestellen, so ist das "Minus": also was jetzt? Hängt
das nicht vielleicht ein bißchen zusammen? Der "Kaufwert baurei-
fen Landes" ist zurückgegangen: für wen ein "Minus"? (Für einen
anderen Monat rechnet dieselbe Bank einen Anstieg dieser "Werte"
unter die Minusposten der Konjunktur...) Mehr PKWs sind zugelas-
sen worden: Sind da Träume in Erfüllung gegangen? Oder Fuhrparks
erneuert worden? Und warum ist das egal für die Bewertung als
"Plus"? Weniger Walzstahl ist produziert worden - ja wenn's
reicht, was ist daran "Minus"?
- Eine besonders interessante Zahl entdeckt der Sachverständigen-
rat in seinem "Jahresgutachten 1983/84" unter Punkt 17*. Dort
würdigt er die Aktivitäten der Tiergattung "Verbraucher" folgen-
dermaßen:
"Eine wichtige Stütze erwuchs der Wirtschaft aus dem veränderten
Verhalten der Konsumenten. Die Ausgabenneigung der privaten Haus-
halte hat sich wesentlich stärker gekräftigt als erwartet. Daß im
Umfang von 6 Mrd. DM mehr Güter und Dienstleistungen gekauft wur-
den, ist insoweit überraschend, als die Einkommen von beschäftig-
ten und arbeitslosen Arbeitnehmern nach Abzug der Steuern und Ab-
gaben der Kaufkraft nach sanken.... Um ihre Kaufpläne nicht ein-
schränken zu müssen, waren die Verbraucher offenbar bereit, außer
dem laufenden Einkommen auch einen Teil der angesammelten Erspar-
nisse für den Kauf von Konsumgütern auszugeben,... oder sich da-
für zu Lasten künftiger Einkommen zu verschulden. In diese Rich-
tung wirkten wohl auch die Wertsteigerungen vieler Vermögensanla-
gen, in denen das Mehr an Zuversicht greifbar wurde."
Da gibt es "in diesem unserem Lande" also Leute, bei denen sich
die hochabstrakte Tugend der "Zuversicht" ganz unmittelbar lohnt;
denn sie wird in Wertsteigerungen "greifbar", von denen sie sich
durchaus einiges leisten können, sogar noch über ihr Einkommen
hinaus. Zu diesem Menschenschlag gesellt sich ein zweiter, der
allerdings als zahlungsfähiger Kunde ganz anders beieinander ist:
Hier geht es "zu Lasten künftiger Einkommen", wenn sie ihre
"Kaufpläne" wahrmachen, weil sie sich dafür verschulden müssen.
Gemeinsam mit einer dritten Gattung von "Verbrauchern", die Spar-
guthaben verprassen, bereiten sie unseren Gelehrten eine
'Überraschung'. Da geben nämlich Leute, die eigentlich doch 'von
der Hand in den Mund' leben, mehr Geld aus, als sie kriegen. Und
w a r u m beteiligen sich diese Menschen an der Steigerung des
Umsatzes um 6 Mrd. DM? Nein, nicht weil ihnen alles mögliche teu-
rer gemacht worden ist, was sie dennoch brauchen; wer wollte denn
so häßlich von "unserer Wirtschaft" denken! Sie w o l l t e n
einfach das Geld los werden und konnten gar nichts dafür: Ihre
"Ausgaben n e i g u n g" hat "s i c h" gekräftigt. Dieser lie-
benswerte Hang unserer "privaten Haushalte", der die Reichen mit
ihrer "Zuversicht" und die weniger Reichen mit ihren aufgelösten
Sparbüchern und ihren Ratenzahlungen unterschiedslos ergriffen
hat, wurde natürlich prompt bedient: "Die Wirtschaft" wußte die
zu mobilisierende Kaufkraft als "wichtige Konjunkturstütze" zu
nutzen - und d a r a u f kommt es an. Wenigstens den Sachver-
ständigen und Beratern der Bundesregierung.
- Noch ein Beispiel, diesmal aus Punkt 91 des Gutachtens:
"Mit der wirtschaftlichen Erholung ist auch die gesamtwirtschaft-
liche Produktionsleistung je Erwerbstätigen mit reichlich 2 1/2
v.H. wieder stärker gestiegen als in den letzten drei Jahren."
Nicht daß einer auf die Idee kommt, am Ende hätte die von den Un-
ternehmern gesteigerte Produktionsleistung der "Erwerbstätigen",
also vermehrte Ausbeutung der Arbeit, den Zustand wieder hervor-
bringen helfen, den die klugen Leute "Erholung" nennen. ...
Mit Ausnahme gewisser Ausrutscher ins vollends Abstruse - als
"Minus"-Datum für den September 1983 beispielsweise vermeldet die
Bayerische Landesbank einen Rückgang der Geburtenzahl gegenüber
dem Vorjahr von 6%: Was für ein Anschlag auf die Konjunktur mögen
ausgebliebene Babys wohl sein? - drehen sich "irgendwie " sämtli-
che "facts und figures" der gelehrten und politisch verantwor-
tungsbewußten Konjunkturbeobachtung um den
Geschäftserfolg deutscher Firmen.
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Nur dafür, keineswegs fürs Wohlergehen der hiesigen Menschheit,
können "Daten" wie eine durchschnittlich 5,5%ige Steigerung der
Produktivität je Arbeitsstunde in der Industrie oder ein Anstieg
der PKW-Zulassungen oder eine als "Ausgabenneigung" gedeutete Um-
satzsteigerung ganz unbesehen als "Plus", ein Rückgang der Auf-
tragseingänge oder der bundesdeutschen Ausfuhr als "Minus" gel-
ten.
Vom Geschäftserfolg als dem allein maßgeblichen Z w e c k des
gesamten Wirtschaftsgeschehens ist in all den gelehrten Betrach-
tungen allerdings nicht die Rede. Wenn er ausdrücklich vorkommt,
dann als eine und zwar: überaus günstige, daher besonders zu
pflegende - B e d i n g u n g des Aufschwungs; gerade so, als
bestünde dieser in noch etwas ganz anderem als zunehmender Kapi-
talakkumulation durch heftiges Gewinnemachen. Sachverständig be-
trachtet handelt es sich bei vermehrtem Geschäftserfolg und ent-
sprechender Geschäftsausweitung ohnehin mehr um eine Art Trieb:
"Die Angebotsneigung ist größer geworden", resümiert das Jahres-
gutachten in Punkt 16 seine einschlägigen Entdeckungen.
Sämtliche "Konjunkturindikatoren", sosehr sie allemal den Ge-
schäftserfolg als Zweck der Veranstaltung u n t e r-
s t e l l e n, benennen dessen - angebliche oder wirkliche -
Voraussetzungen denn auch in einer Form, wie sie den Ge-
schäftsmann oder eine Konzernleitung überhaupt nicht glücklich
machen. Nicht die gestiegene Summe aller PKW-Zulassungen freut
doch eine Autofirma - so wenig wie der Rückgang der deutschen
Walzstahlproduktion insgesamt das Management eines Hüttenwerks
schmerzt -, sondern der A b s a t z d e s
U n t e r n e h m e n s, die damit erzielte R e n d i t e so-
wie die K o n k u r r e n z vor- und -nachteile, die sich daraus
ergeben. Und dafür kann ein globaler Absatzrückgang, wenn er näm-
lich die Konkurrenz trifft, Gold wert sein und eine Ausweitung
des Absatzes, sofern gegnerische Firmen da ihren Absatz verbes-
sern, ein Unglück. Dem Wachstum jener Zahl, in der die Statisti-
ker vom neugebauten Haus bis zum Strafmandat der Verkehrspolizei,
vom Gehalt eines Parteisekretärs bis zum Stundenlohn einer Akk-
ordnäherin alles Wirtschaften einer Nation zusammengezählt haben
wollen: Dem Wachstum des "Sozialprodukts" gilt erst recht nicht
das I n t e r e s s e irgendeines Unternehmers. Am E r f o l g
dieses Berufsstandes hängt aber doch alle Ökonomie hierzulande
und jeder Aufschwung!
"Der Aufschwung": Ideologie von der Konkurrenz
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als nationalem Gemeinschaftswerk
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D e r Aufschwung des Geschäftemachens, über den der regierungs-
amtliche Wirtschaftsbericht sich freut und dessen Gelingen andere
Fachleute problematisieren, ist also selber überhaupt kein Zweck,
dem irgendein Wirtschaftskapitän oder auch alle Unternehmer zu-
sammengenommen folgen würden. Er ist die begriffslose, mehr noch:
ideologische Zusammenfassung des K o n k u r r e n z erfolgs der
vielen Kapitale, die sich unter der Steuerhoheit des bundesdeut-
schen Staates und unter der Obhut seiner Geldhoheit um die Schaf-
fung von Profit verdient machen. Begriffslos und ideologisch;
denn diese Zusammenfassung streicht aus der Konkurrenz ausgerech-
net das Konkurrieren, aus dem Eigentum das "eigen" heraus und be-
trachtet und addiert die Geschäftswelt wie eine verschworene, auf
g e m e i n s c h a f t l i c h e n Erfolg eingeschworene natio-
nale Körperschaft. D e s w e g e n können dann sämtliche gar
nicht profitträchtigen ökonomischen Operationen, die kein bißchen
produktiven Staatsausgaben vor allem andern, gleich auch noch
diesem fiktiven nationalen Gemeinschaftswerk hinzugezählt werden
- als "Sozialprodukt" bekommt diese Fiktion dann eine Ziffer bei-
gelegt, so als wäre da das rationale Maß "der Wirtschaft" ent-
deckt.
Die Kapitalakkumulation
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jedenfalls ist nicht auf den Begriff gebracht in den Konjunktur-
analysen der Regierung und ihrer sachverständigen Berater; weder
die Kapitalakkumulation, die jede einzelne Firma für sich und ge-
gen ihre Konkurrenz zu erzielen sucht, noch die Akkumulation des
produktiven Reichtums insgesamt, so wie diese sich aus den Akti-
vitäten der konkurrierenden Unternehmer ergibt - mitsamt ihren
notwendigen Aufs und Abs. Dafür nämlich, was insgesamt heraus-
kommt beim konkurrenzgeschäftsmäßigen Einsatz von Privateigentum,
dafür ist durchaus ein Gesetz anzugeben, das allerdings mit einem
nationalen Gemeinschaftsanliegen nichts zu tun hat.
- Ausdehnung und Effektivierung der Produktion, um den Konkurren-
ten Umsatz und Profit abzujagen - Ausdehnung unbekümmert um die
Schranken der Zahlungsfähigkeit, auf die das Geschäft zielt, und
über deren Schranken hinausgetrieben durch die segensreiche In-
stitution des Kredits, der staatlich garantierten Verwendung von
Schulden als Geld und dieses Geldes als Kapital: Akkumulation und
damit Ü b e r a k k u m u l a t i o n des Kapitals also, das
ist der ökonomische Inhalt jener "Konjunkturphase", die die öf-
fentliche Meinung als "Aufschwung" bejubelt und sich als immer-
währenden Zustand wünscht. Daß diese Hoffnung genauso regelmäßig
enttäuscht wird - allerdings nur, um erneut gefaßt zu werden usw.
-, liegt in der Natur der Sache: Im "Aufschwung" blühen die Ge-
schäfte im "Glauben" (= Kredit!) an unbegrenzte Zahlungsfähig-
keit. Jedes Unternehmen investiert, um mit der Kaufkraft der
restlichen Welt s e i n Geschäft zu machen. Daß da der Erfolg
an e i n e r Stelle den M i ß e r f o l g an der anderen und
damit auch einen neuerlichen Schwund der so geschätzten
N a c h f r a g e hervorruft, ist unausweichlich: Absatz, Zah-
lungsmoral, Auftragseingang, und wie die zuständigen betriebs-
wirtschaftlichen Gesichtspunkte auch immer heißen, "geraten in
die Krise". Die Konkurrenz bewerkstelligt die Anpassung des ex-
pandierenden Geschäfts an die Zahlungsfähigkeit als
"Pleitenwelle", schlägt also um in den Kampf um Entwertung oder
"Überleben" individueller Kapitale.
Leider sind solche Krisen der Kapitalakkumulation bis heute alles
andere als ihre Kritik und Anlaß zu ihrer Beendigung. Die Krisen-
gewinnler fangen nur um so tatkräftiger von neuem an. Und deren
erneuertem Erfolg entnimmt der volkswirtschaftliche Sachverstand
stets von neuem die wohltuende falsche Gewißheit, daß die voran-
gegangene Krise nur aufgrund eines besonders ungünstigen Zusam-
mentreffens von -zig Bedingungen zustandekommen konnte - eben we-
gen der "Konjunktur"...
So, wie die Regierung ihn verstanden haben will und die öffentli-
che Meinung ihn pflichtschuldigst auffaßt: als staatlich behüte-
ter oberster Zweck einer nationalen Ökonomie, ist "der Auf-
schwung" also - genauso wie "die Wirtschaft", die ihn nehmen soll
- eine pure Ideologie: eine gelehrte Lüge über die Wechselfälle
und die notwendigen Resultate kapitalistischer Konkurrenz; deren
Idealisierung nämlich zu einem Gemeinschaftswerk. In einer Demo-
kratie, die mit aller Gewalt die F r e i h e i t des Privatei-
gentums und seiner geschäftlichen Verwendung durchsetzt, ist der
immerwährende Gesamterfolg aller konkurrierenden Privateigentümer
eben nicht staatliches W e r k, sondern
Standpunkt und Wille der Staatsgewalt
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Entgegen allen Phrasen über die notwendige "Entstaatlichung und
Entbürokratisierung des Wirtschaftslebens" ist die Regierung da-
her auch nicht mit Zurückhaltung beschäftigt. Eben weil sie die
F r e i h e i t des Geschäftemachens nicht bloß wünscht, sondern
g a r a n t i e r t, wirft sie sich mit allem Nachdruck auf al-
les, was der Sachverstand ihrer Sachverständigen als
B e d i n g u n g des Geschäftserfolgs ihrer freien Eigentümer
ausmacht. Das Konzeptemachen, "Weichenstellen" usw. erschöpft
sich nicht im Dreschen der einschlägigen Phrasen. Die Konkurrenz
und ihre Resultate betrachtet und behandelt die Staatsgewalt un-
ter dem Gesichtspunkt "W a c h s t u m", also inwieweit sich
der private Reichtum, den sie regiert, auch ständig insgesamt
vermehrt und ihr damit H a n d l u n g s f r e i h e i t ver-
schafft. In dem wie auch immer errechneten Auf und Ab rechnet
d i e Wirtschaftspolitik sich aus, ob sie in diesem Sinne rich-
tig oder wo sie eventuell falsch liegt. Dem entsprechend wird ge-
handelt. Mit viel Diplomatie und Gesetzesgewalt, mit Erpressung
und Geldzuwendungen wird da beständig "eingewirkt": Aufs Ausland
in Sachen Geldwert und Außenhandel, auf den staatlichen Kreditbe-
darf und die Zahlungsfähigkeit der Nation, auf die Renten und den
Zinssatz... Wobei sich noch allemal e i n "roter Faden" ergibt:
Die Lohnarbeit muß produktiv, der Lohnarbeiter billig sein, und
einem unproduktiven Lohnarbeiter steht überhaupt nichts als Armut
zu.
Zwar garantiert nicht einmal das irgendeinem Kapital seinen be-
sonderen Geschäftserfolg. Im Prinzip, also für das Wachstum der
deutschen Wirtschaft, für die Konkurrenz gegen die Ausbeuter
fremdländischen Arbeitsvolks in anderen Ländern, also überhaupt
ist d i e s e Geschäftsbedingung nämlich die Verbesserung des
nationalen A u s b e u t u n g s niveaus, aber allemal goldrich-
tig. Im Aufschwung wie in der Krise und umgekehrt.
Bild ansehen
'Mehr Arbeitslose trotz Wachstum'
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