Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ALLGEMEIN - Erfolgsrezepte einer Nation


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       Ein Geld wird 40:
       

"DIE DM - VOM KELLERKIND ZUM WELTSTAR"

Ein Jahrestag ohne kritischen Unterton. Statt dessen nur Freude und Zufriedenheit über die prächtige Entwicklung "unserer DM". Alle Welt hält sie für sehr "hart"; Geschäftsleute und Notenban- ken verschiedenster Nationen verwahren sie gern in Kellern und auf Konten; sie ist eine "Weltreservewährung", die sogar dem Dol- lar Konkurrenz macht; ausländische Staaten und Bevölkerungen freuen sich, wenn ein deutscher Unternehmer mit seinen DM an- rückt, um einheimische Waren oder Arbeitskraft einzukaufen - die man ihm dann auch billig gibt -; ein deutscher Politiker kann in den allermeisten Ländern der Welt mit Entgegenkommen rechnen, wenn er mit einem Kredit winkt; und schließlich profitiert nicht zuletzt der deutsche Urlauber von der "Kaufkraft der DM". Das hat er auch nötig; denn meist hat er nicht allzuviel davon. Anläßlich des Jubiläums waren Deutsche ohne Ansehen ihrer Klas- senzugehörigkeit aufgerufen, ihre Währung zu beglückwünschen und sich mit ihrem Wohlergehen zu identifizieren. Das ist verständ- lich. Politiker und Unternehmer freuen sich über die M a c h t, die in der DM r e p r ä s e n t i e r t ist. Sie haben darin ein Zugriffsmittel auf Reichtum im In- und Ausland, das den Kon- ten der Kapitalisten beständig Nullen hinzufügt und den Einfluß des Staates ebenso beständig vermehrt. Und, nicht zu vergessen: In der DM besitzen sie eine unschlagbare Kommandogewalt über je- nen Rest der nationalen Mannschaft, der mit dieser Währung seine eigenen Erfolgserlebnisse gehabt hat: Immerhin hat er in 40 Jah- ren, wenn man einmal von der Inflation absieht, 1000 harte Deutschmark mehr pro Kopf und Monat verdient. Wenn das einfache Volk davon absieht, daß die Q u a n t i t ä t ihrer DM nie reicht, dann spricht nichts dagegen, daß es die Q u a l i t ä t dieser Währung mitfeiert. Der Vater aller Dinge: eine Währungsreform ------------------------------------------ Man kann es so sehen, und so fängt die Märchenstunde über die "Geburt der DM" ja auch immer an, daß von '45 bis '48 in Deutsch- land unerträgliche Zustände herrschten. Fast so etwas wie eine klassenlose Gesellschaft. Es gab kaum jemanden, der Arbeiter ein- stellen und entlohnen wollte, wenig zu essen, viel zu frieren - und sehr viel Ungerechtigkeit: Die, die über "Sachwerte" verfüg- ten, waren die Kings, der Unterschied zwischen a r m u n d r e i c h war unübersehbar, unübersehbar auch, daß die meisten der alten Reichen schon wieder zu den neuen Reichen zählten - aber es schlichen sich auch sehr viele Neureiche ein, deren Ver- dienst in keinem Verhältnis zu ihrer Arbeit einerseits oder zu ihrem K a p i t a l e i n s a t z andererseits stand: (Nach-)Kriegsgewinnler, Schwarzmarkthändler, Bauern, Schieber, Kleinkriminelle aller Art. Mit ohnmächtigem Zorn mußten deutsche Familienväter - miterleben, wie sie für eine Scheibe Speck den letzten Familiennachttopf hergeben mußten oder für eine Zigarette entwürdigende Dienste für einen dieser Lackaffen zu verrichten hatten. Überhaupt die "Zigarettenwährung": Darin drückte sich in geradezu schlagender Form die Unhaltbarkeit der damaligen Zu- stände aus. Erstens hing die Überlebenskraft ganzer Großfamilien von den Spendierhosen eines (womöglich schwarzen) GI ab; zweitens widersprach der Gebrauchswert dieses Tauschwerts seinem Ge- brauchswert als Tauschwert. Diese Währung wurde zinslos wegge- raucht. Da schlug die Währungsreform wie ein Blitz dazwischen, und die DM verrichtete wahre Wunderdinge. Am ersten Tag schaffte sie es, "alle Deutschen f a s t gleich zu machen" (Hans Jochen Vogel auf der Feierstunde) - weil der Staat nämlich jedem nur 60 Mark gab -, und haufenweise Waren in die tags zuvor noch leeren Schau- fenster zu zaubern. Am zweiten Tag hatte sie es geschafft, alle Deutschen ordentlich zu sortieren, nämlich in K l a s s e n. Schlagartig war klar, daß es nur noch zwei anständige Erwerbs- quellen gab: A r b e i t e n u n d A r b e i t e n- l a s s e n. Ab sofort stand fest, daß Ziel und Zweck eines jeden Mitglieds dieser Gesellschaft sein mußte, an dieses Lebensmittel zu kommen, und sofort stellte sich heraus, daß die einen nichts anderes als ihre Arbeitskraft anzubieten hatten, während andere - die wenigeren - urplötzlich Fabriken und Läden hervorzauberten, in denen Arbeiter ihre Arbeitskraft und Käufer ihre Kaufkraft ablieferten. Gerechterweise bekamen die wenigeren noch einmal 60 Mark extra für jeden Arbeitsplatz, den sie sich vom Notwendigsten absparten. So mancher Schwarzmarkthändler und Kriegsgewinnler mußte dabei feststellen, daß seine Zigaret- tenlager einer unheimlichen Entwertungsrate unterlagen, während andere rechtzeitig den Absprung schafften und ihr Vermögen in an- ständiges Kapital umwandelten - und dann endlich zurecht Neurei- che hießen. Mit den 60 Mark pro Mann, hätte man denken können, war die Volks- wirtschaft von vornherein zu sehr kleinen Sprüngen verurteilt. Aber die "Wirtschaftssubjekte", die Geld vorschießen, um es mit Profit angereichert zurückzubekommen, ließen sich von der "begrenzten Nachfrage" überhaupt nicht irritieren. Sie produzier- ten fröhlich drauf los, räumten ihren Käufern - sofern es sich um ihresgleichen handelte - großzügig K r e d i t ein, kauften wiederum selbst auf Kredit, und schrieben auf ihren Guthaben im- mer größere Summen auf. Diese Guthaben befanden sich bei den Ban- ken, die ebenfalls aus dem Boden schossen, weil sie diese Gutha- ben anstandslos wie ordentlichen Reichtum betrachteten und ihrer- seits die Gelegenheit ergriffen, Kredite zu vergeben. Die "Bank deutscher Länder" betrachtete dieses Treiben mit Wohlgefallen, warf ihre gesetzlich geschützten Druckmaschinen an und lieferte Bargeld aus, sofern eine Geschäftsbank ein begründetes "Liquiditätsbedürfnis" nachwies. So wusch eine Hand die andere: Immer mehr DM wurden in die Welt gesetzt, immer größere Kre- ditsummen aus- und gutgeschrieben, immer neue Händel und Produk- tionen damit angeleiert, die wiederum Gelegenheit abgaben, Kre- dite zu "schöpfen" und mehr DM anzufordern. Die Staatsreform ---------------- Dies alles waren natürlich keine Leistungen der D e u t s c h e n M a r k, sondern der a m e r i k a n i- s c h e n S t a a t s g e w a l t. Als diese beschloß, deutsche Lande mit einem bei ihr gedruckten, also auch mit ihrem S e g e n versehenen Geld einzudecken, war über Nacht auch wieder das "V e r t r a u e n" da, das während der 3 Nach- kriegsjahre so schmerzlich vermißt wurde. Diese Nachkriegsjahre zeichneten sich dadurch aus, daß die oberste Siegermacht n o c h n i c h t e n t s c h i e d e n hatte, was sie mit dem kleinen Deutschland anfangen wollte. Nachdem aber die Würfel zugunsten des "Frontstaates" gefallen waren, also d e r d e u t s c h e S t a a t w i e d e r K r e d i t g e n o ß, handelten die USA schnell und tatkräftig: Erstens mußte der deutsche Staat überhaupt e i n g e s e t z t, zweitens ihm das Mittel des öko- nomischen Aufbaus an die Hand gegeben werden. G r u n d g e s e t z und Z w a n g d e s G e l d e s - die zwei Pfeiler der für die Amerikaner selbstverständlichen Ent- scheidung zu einem k a p i t a l i s t i s c h e n Aufbau. Die 60 Mark pro Mann sind da tatsächlich eher ein Witz. Worauf es ankam, war die Kreditwürdigkeit des deutschen Staates, die sich sofort in handfesten ökonomischen Kredit übersetzte. Dafür be- durfte es nur einer kleinen Voraussetzung, nämlich der G a r a n t i e d e s E i g e n t u m s und seiner F u n k t i o n s t ü c h t i g k e i t. Diese Garantie leistete der neugebackene Staat mit Hilfe von Polizei, Justiz, dem Auf- druck "...wer nachmacht oder verfälscht..." sowie einem Rechen- kunststück: Die alte Reichsmark wurde im Verhältnis von 100:6,5 auf Deutsche Mark "umgestellt". Während der berühmte "kleine Spa- rer" mal wieder seinen kleinen Ersparnissen nachtrauern durfte, waren die Banken ihre Bauchschmerzen los, die ihnen ihre riesigen Guthaben aus den Zeiten der Kriegsfinanzierung für den Vorgänger- staat verursachten. Über Nacht hatten sie einen Batzen anständi- ges Geld zur Verfügung. Damit nichts anbrannte, schoß der Staat gleich nochmal 17 Milliarden Mark nach. Die Zuflüsse aus dem Mar- schall-Plan und eine demokratische Einheitsgewerkschaft noch hin- zugerechnet, war eine solide Basis geschaffen, die Gleichung Kre- dit = "Vertrauen" = Ausbeutung ihrem eigenständigen Wirken zu überlassen. Seither hat sich die "Kaufkraft" der DM bei aller "Härte" um zwei Drittel vermindert. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da der bundesdeutsche Staat sofort loslegte und seine Ausstattung nicht bloß per Steuern aus dem ökonomischen Treiben seiner Bürger abzweigte, sondern je länger um so mehr seine Geschäftsleute mit einer ständig wachsenden Zahl von S t a a t s s c h u l d- v e r s c h r e i b u n g e n beehrte. I n f l a t i o n war somit von vornherein in das deutsche "Wirtschaftswunder" mit eingebaut, und alle Klagen darüber sind sehr heuchlerisch: Schließlich ist eine Klassengesellschaft nicht zuletzt dafür da, daß sich der Staat an ihrem Reichtum b e d i e n e n kann. Dafür d i e n t er dann auch dem Geschäft seiner Gläubiger; und an der Munterkeit des nationalen Geschäfts m i t t e l s zeigt sich der Erfolg dieser guten Zusammenarbeit. Das Ganze heißt seither "Marktwirtschaft", und die Großtat des Ludwig Erhard soll darin bestanden haben, daß er allen Verlockun- gen widerstand, sich darin e i n z u m i s c h e n. Wozu auch - er hatte sie ja auftragsgemäß e i n g e r i c h t e t. Diese Einrichtung funktioniert bis zum heutigen Tage wie geplant: Die einen vermehren die D-Märker, die ihnen nicht gehören; den anderen gehören die D-Märker um deren Mehrung die ganze Nation sich dreht. Weiter so, DM! zurück