Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK WOHNUNGEN - Der Staat bestellt sein Haus
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MIETERHÖHUNG IN DEN WERKSWOHNUNGEN
MAN erhöhte die Mieten für ihre Werkswohnungen. Nach einer 30%
Anhebung zahlen die Mieter Quadratmeterpreise, die dem Nürnberger
Mietspiegel entsprechen. Damit ist der Vorzug, als MANler in ei-
ner MAN-Wohnung billiger wohnen zu können, vorüber. Die MAN kas-
siert nun Mieten wie jeder andere Hausbesitzer. Sie will nicht
weiter auf Mieteinahmen verzichten, nur weil die Mieter bei ihr
arbeiten. Die MAN behandelt nun diesen Teil ihres Vermögens wie
jeden anderen auch: es ist Kapital und soll sich wie jedes andere
Kapital laufend und immerzu verzinsen. Daher bezahlt die Miete
den Preis einer Wohnung nicht nur einmal, sondern viele Male, mit
Zins und Zinseszins.
Die Gleichstellung der Werkswohnungen mit anderen Mietwohnungen
beendet die Geschichte der MAN-Werkswohnung, die in den Nach-
kriegsjahren als menschenfreundliche Tat Nürnberger Traditionsun-
ternehmen beim Wiederaufbau ihrer Stadt begonnen hatte.
1.Die Nachkriegsjahre
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Kapitalistische Unternehmen bezahlen dem Arbeiter einen kosten-
kalkulierten Lohn und benutzen dafür seine Arbeitskraft. Der Ar-
beiter verausgabt seine Arbeitskraft, was dem Kapital Gewinn er-
bringt und ihn verschleißt. Der rechte Ort für den Verschleiß ist
der Arbeitsplatz, sonst ist der Verschleiß nicht "Produktiv".
Eine Mininmalbedingung kapitalistischer Lohnarbeit ist es daher,
daß der Arbeiter nicht seine ganze Lebenskraft außerhalb der Fa-
brik dafür verwendet, seine absoluten Existenznotwendigkeiten zu
sichern.
Als der Kampf um die Heimat beendet war, war der deutsche Arbei-
ter, der überlebt hatte, damit beschäftigt, nicht zu verhungern
und sich ein Dach über den Kopf zu besorgen.
Die Versorgung über Lebensmittelkarten oder Hamstern bei den Bau-
ern und das Schlangestehen bei Wohnungs- und Bürgermeisterämtern
kostete Zeit. In dieser Lage waren Kriegsheimkehrer und Trümmer-
frauen noch keine richtigen, kräftigen und voll einsatzfähigen
Arbeitskräfte. Sobald die Produktion wieder richtig lief, gab es
deshalb die erste Sozialleistung: Zum Hungerlohn die Werkswohnung
in Fabriknähe. Besser als Barracken waren sie, und daher begehrt;
- und sie waren doch nur, was sie sind: Billigwohnungen für Ar-
beiter - ohne Bad mit Kohleofen.
Damals mögen auch Direktoren darin gewohnt haben, bevor sie dann
nach Ebensee gezogen sind. Mit dem Wohnungsbau half die MAN in
der "Stunde Null" blanker Not ab, - ihrer eigenen. Sie sorgte für
die Einsatzbereitschaft ihrer Mannschaft und alle dankten es ihr
als Einsatz für die Menschen. Die großartige Sozialleistung be-
diente sich dazu gleich der staatlichen Förderung des Sozialen
Wohnungsbaus, die steuerfrei die Verwandlung von Gewinnen in Im-
mobilien zur Eigenkapitalbildung erlaubte. So waren die Werkswoh-
nungen schon immer ein Teil des MAN-Kapitals.
2. Die 60er Jahre
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Mit steigenden Geschäftserfolg wird die Produktion und damit auch
die Nachfrage nach Arbeitskräften ausgedehnt. Die Löhne steigen.
Die Kontkurrenz um gefragte Arbeiter wie Facharbeiter mit beson-
derer Qualifikation, tragen die Unternehmen so aus, daß ihnen die
Freiheit der Wahl gesichert bleibt: Sie machen übertarifliche An-
gebote. So entstand die 2. Generation Werkswohnungen. 80 Quadrat-
meter mit Balkon und Zentralheizung - die Miete unter der übli-
chen.
In der 1. Generation blieben die ausgemusterten Arbeiter oder
ihre Witwen wohnen, oder es zogen Gastarbeiter mit ihren Familien
ein.
3. Die 80er Jahre
Inzwischen beruhen die Exporterfolge deutscher Weltfirmen darauf,
daß sie jeden erziehlten Gewinn zur Umwälzung ihrer Produktion
benutzen: Ständige Rationalisierungen, um durch gesteigerte Pro-
duktivität die Lohnstückkosten zu senken. Diese Fortsetzung des
Wirtschaftswunders bekamen die Arbeiter dadurch zu spüren, daß
sie entweder zu erhöhten Arbeitsleistungen gezwungen oder einfach
überflüssig gemacht wurden. Die so entstandene Reservearmee an
Arbeitslosen wirkt so, daß Unternehmen inzwischen jede Art von
Belegschaftspflege für überflüssig halten.
Daher sind der MAN ihre über 30 Jahre alten und renovierungsbe-
dürftigen Werkswohnungen als Unkosten aufgefallen. Sie legt bei
den Mieten jede Zurückhaltung ab und bereinigt diese Kosten-
stelle: Werkswohnungen werden der zinstragenden Verwertung zuge-
führt.
Doppelte Abhängigkeit
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Ihre Eigentumslosigkeit bekommen die Arbeiter so doppelt zu spü-
ren: Sie zwingt sie erstens zum Dienst am Eigentum derer, die die
Produktionsmittel besitzen. Für diesen Dienst erhalten sie einen
entsprechenden knappen Lohn, mit dem Sie zweitens die Verwertung
des Eigentums an Mietshäusern, Grund und Boden bezahlen dürfen.
Das eine Kapital vermehrt der Arbeiter durch seine Arbeit, beim
anderen liefert er einen gar nicht kleinen Lohnteil gleich wieder
als Mietzins ab. So dient er der Vermehrung beider.
Ist beides Eigentum in einer Hand, so ergeben sich für den Arbei-
ter neue zusätzliche Abhängigkeiten, für den Kapitalisten neue
Druckmittel: Beim Vermieter wird sich keiner der Mieter einer
Werkswohnung wegen steigender Mieten beschweren, denn dann steht
nicht nur die Kündigung eines Mietverhältnisses an. Beim Arbeit-
geber wird er nicht so leicht gegen die Bedingungen von Lohn und
Leistug aufbegehren, denn es kann sein, daß der Mutige dann nicht
nur bildlich auf der Straße sitzt und nicht nur aus der Fabrik
fliegt. Die doppelte Abhängigkeit als Mieter und Arbeitnehmer
wird von der Firma schamlos ausgenutzt. Jeder Streit auf einem
Feld wird mit der Drohung bezüglich des anderen zu ihren Gunsten
entschieden: Der Arbeiter wird mit dem Mieter und der Mieter mit
dem Lohnabhängigen erpreßt. So fällt der MAN-Arbeiter und Mieter
noch hinter die Möglichkeiten des Mietrechts zurück, das ja wahr-
lich nicht den Mieter schützt, sondern das recht des Haus-Eigen-
tümers auf "wirtschaftliche Nutzung". Nur die
w i r t s c h a f t l i c h u n n ö t i g e W i l l k ü r wird
durch das Mietrecht beschränkt. Ein MAN-Arbeiter und -Mieter aber
kann sich in seiner doppelten Erpreßbarkeit auch den Gang zum Ge-
richt kaum leisten.
Jeder Schein von Freiheit hört sich auf, sobald der Arbeiter mit
seinem Interesse nicht der Klasse der Kapitalisten gegenüber-
steht, sondern einem einzigen. Dabei wird daran nur offensicht-
lich, wie die Gesamtheit der Arbeiter zur Gesamtheit der Eigentü-
mer steht.
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