Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK RENTEN - Die Oma unterm Wertgesetz


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       Abschaffung der Vorruhestandsregelung
       

RUHESTAND BILLIGER

Die christlich-liberale Bundesregierung soll sich schon wieder ein sozialpolitisches Vergehen geleistet haben. Laut DGB, DAG und SPD ist die Abschaffung der Vorruhestandsregelung "arbeitneh- merfeindlich", "unerträglich" und "schamlos" und zeige, daß die Arbeitslosigkeit "bewußt in Kauf genommen" werde. Der Ar- beitnehmerflügel der CDU meinte sogar, er könne mit dieser Ent- scheidung "nicht leben". Kürzere Lebensarbeitszeit... ---------------------------- So schnell ändern sich die Zeiten. Während der DGB 1984 anhand seiner Jahrhundertforderung nach der "35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich" vorrechnete, wieviele neue Arbeitsplätze dadurch geschaffen würden, sahen Regierung und Wirtschaft die internatio- nale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährdet. Die Kapitalisten konterten mit dem Argument, das beste Mittel gegen die Arbeitslosigkeit sei eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Und die Regierung unterstützte sie darin: Wenn schon eine Ar- beitszeitverkürzung, dann eine befristete Lebensarbeitszeitver- kürzung, und führte die Vorruhestandsregelung als Gegenprogramm zur gewerkschaftlichen Arbeitszeitverkürzung ein, das der DGB entsprechend skeptisch betrachtete. Jetzt hat die Gewerkschaft den "Durchbruch zur 35-Stunden-Woche" geschafft, und die Massenentlassungen kümmern sich um die ar- beitsplatzschaffende Wirkung der Arbeitszeitverkürzung überhaupt nicht und gehen ihren Gang. Da kam es der Gewerkschaft gerade recht, daß sie die Vorruhestandsregelung zuhilfe nehmen konnte, um nachzuweisen, daß eigentlich viel weniger entlassen worden sind als tatsächlich. Und jetzt beschwert sich die Gewerkschaft, daß dieses schöne Mittel für ihren "Kampferfolg", das ihr von oben zugefallen ist, einfach abgeschafft wird. ... durch subventionierte Entlassungen... ----------------------------------------- Ein Mittel gegen Arbeitslosigkeit war die Vorruhestandsregelung natürlich nie. Angesichts dessen, daß die Entlassungen älterer Arbeiter auf Grund des tariflichen Kündigungsschutzes für das Ka- pital mit rechtlichen Schwierigkeiten und relativ hohen Abfin- dungskosten verbunden ist, wurde sie subventioniert. Wenn 58jährige vorzeitig in den Ruhestand geschickt werden sollten, konnten siech die Unternehmer 35 Prozent des vereinbarten Rube- standsgeldes und damit ein hübsches Sümmchen sparen. Die zahlte nämlich die Bundesanstalt für Arbeit aus den Beiträgen für die Arbeitslosenversicherung, unter der Bedingung, daß der Betrieb wieder einen "Neuen" einstellte. Die Unternehmer haben schon ge- wußt, wie sie das Gesetz zu nehmen hatten - sonst wäre ja die Differenz zwischen 120.000 Vorruheständlern und 30.000 Neueinge- stellten gar nicht zustande gekommen. Daß die auf diese Weise Entlassenen auf einige Prozent ihres Lohnes und ihrer zukünftigen Rente verzichten mußten, durften sie sich angesichts der Alterna- tive, noch fünf Jahre länger die Knochen für den Betrieb hinhal- ten zu müssen, auch noch als Vorteil anrechnen. Den Unternehmen wurde diese Verringerung der Lohnsumme und die Verjüngung der Be- legschaft als soziale Tat zuerkannt, und die Regierung konnte diese Umbuchung von Sozialbeiträgen auf Unternehmerkonten als Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ausgeben, weil die ausgemusterten Vorruheständler nicht in der Arbeitslosenstatistik geführt wurden. ...kostet zuviel ---------------- Heute befindet die Regierung diese sozialistisch getarnte Subven- tion fürs Kapital offensichtlich für überflüssig, also zu teuer: "Die Wirkung des Vorruhestandes auf den Arbeitsmarkt ist bei weitem hinter den Erwartungen zurückgeblieben", meint der dicke Bangemann, und sein Kollege Stoltenberg stimmt ihm von seinem Buchhalterstandpunkt aus zu: "Das Gesetz hat sich leider bisher kaum ausgewirkt. Die Kosten stehen nicht im Verhältnis zum Er- trag." Welche "Erwartungen" hatten denn die Herren? Daß halbe Be- legschaften in den Ruhestand geschickt werden und sich die Ar- beitslosigkeit in nichts auflöst? Natürlich haben sie gewußt, daß es in der bundesdeutschen Arbeitswelt nicht mehr viele 58jährige gibt, weil die meisten vorher als Frühinvalide und Berufskranke ausscheiden. Und was soll das gefasel von "Kosten und Ertrag"? Wäre das "Verhältnis" besser, wenn statt 120.000 Mann eine Mil- lion in den Ruhestand geschickt worden wären? Stoltenberg kann sich offenbar eine bessere Verwendung der Arbeitslosen- und Ren- tenbeiträge vorstellen. Für ihn und seinesgleichen hat der Sozi- alstaat die Sozialkasse nicht zu belasten. Entsprechend sehen die Vorschläge aus, die sich aus dieser staatlichen Zwecksetzung er- geben: Länger arbeiten oder weniger Geld für die Arbeitnehmer. zurück