Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens


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       WAZ-Umfrage:
       

WIRD ZU OFT KRANKGEFEIERT?

1. W e r mit dieser Frage gemeint ist, weiß jeder, weshalb die WAZ das gar nicht mehr dazuschreiben braucht. Leute höheren Stan- des werden bekanntlich vor lauter Verantwortung krank, wenn sie ihre Sparbeschlüsse durchsetzen, und verdienen deshalb höchste Anteilnahme und Rücksicht ihres Volkes. Wird dagegen ein Arbeiter krank, bloß weil er 40 und mehr Stunden in Akkord- und Schichtar- beit malocht, ist prinzipielles Mißtrauen angebracht. Bei d i e s e r Sorte von Bürgern ist es eben keine Selbstverständ- lichkeit, daß sie bei Krankheit zuhause bleiben und "trotzdem" noch ihre Familie ernähren können. 2. Wenn ein Arbeiter krank ist, "feiert" er. Daß Arbeiter norma- lerweise nicht von ihrer Alten, sondern von der Arbeit krankge- macht und ruiniert werden und deshalb nicht zur Arbeit gehen kön- nen, interessiert von daher nicht. Sie vernachlässigen eben ihre Pflicht, ganz egal warum. Im übrigen ein lustiges Urteil über die Lohnarbeit: Verglichen mit ihr ist alles andere, und wenn das eine Grippe ist, gleich ein Fest! 3. Warum es mehr denn je darauf ankommen soll, seiner nationales Pflicht nachzukommen, wenn man ganz unschuldig seinen Lebensun- terhalt verdienen will, ist kein Geheimnis: Staatlicherseits ist b e s c h l o s s e n worden, daß die Arbeiter im Krankheits- falle sparsamer zu behandeln sind. Und dabei verläßt sich der Staat nicht auf eine D i s k u s s i o n der Betroffenen dar- über, ob sie mit diesem Sparvorhaben einverstanden sind, sondern setzt durch allerlei gesetzliche Kostendämpfer auf den Z w a n g zum sparsamen Umgang mit der Gesundheit. Und weil die Politiker nicht nur s i c h, sondern auch den U n t e r n e h m e r n Kosten ersparen wollen, weil sie zur Finanzierung ihrer Vorhaben daran interessiert sind, daß sich das betriebliche Verhältnis Ko- sten-Überschuß verbessert, sollen jetzt Karenztage eingeführt werden. Sprich: die ersten drei Tage im Bett sollen dann ohne Lohn zugebracht werden - gemäß der Logik, die Politiker auszeich- net: wer eh schon den Schaden hat, weil er krank ist, kann gut noch einen weiteren verdauen, nämlich gerade deswegen (!) keinen Lebensunterhalt für diese Zeit zu kriegen! Dieser staatliche Be- schluß ist der Maßstab für "zu oft" kranksein, also von wegen man könne e r ö r t e r n, wieviele Tage "krankfeiern" gerade recht sind! 4. Die einfache Wahrheit, daß Staat- und Wirtschaft sich die Gesundheit in Zukunft weniger kosten lassen wollen, taucht bei der WAZ als eine N o t w e n d i g k e i t auf. Auffällig bloß, daß diese "Notwendigkeit" nur durch eine Lüge "begründet" werden kann: "Viele glauben, daß unser Sozialstaat geradezu zum Krankfeiern einlade. Hinzu komme, daß viele Ärzte es den Simulanten zu leicht machten und mit dem Krankenschein nicht gerade geizten. Und das geht auf Kosten der wirklich Kranken." Die berühmte Sache mit dem M i ß brauch. Schon mal aufgefallen, wann ein solcher immer "gefunden" wird. Immer genau an dem Tage, an dem sich das staatliche Kalkül geändert hat, an dem die Poli- tiker sich eine neue Ersparnis an den Arbeitern ausgedacht haben. Da gilt dann die Tatsache, daß bisher noch nicht gestrichen wurde, als Einladung zum "Krankfeiern" - und da, wo das Einkas- sieren von Krankengeldern aus den Lohntüten gerade fest damit rechnet, daß die Leute beim Arbeiten krank werden. Und da wird dann flugs ein Unterschied erfunden zwischen Kranken (die heißen dann "wirklich Kranke") und Kranken (die heißen dann "Simulanten"), um a l l e n Kranken vorzuwerfen, sie mißbräuch- ten da jemand. So als ob irgendein Kranker deswegen jetzt weniger bekommen würde, weil es angeblich lauter "eingebildete Kranke" gibt. Umgekehrt: Kriegt denn jemand eine Mark mehr, wenn sich ein anderer zur Arbeit schleppt? Natürlich nicht! Schließlich wurde die Sache mit dem "Mißbrauch" rein deswegen von den Politikern in die Welt gesetzt, weil sie an den Betroffenen eine Kostensenkung vornehmen wollen. 5. Der Gipfel der diesbezüglichen Heuchelei ist erreicht, wenn "die Kollegen" - heranzitiert werden, die im Be- trieb die Arbeit des kranken Kollegen mitaufgehalst kriegen. Hat denn der Kranke im Betrieb angerufen und angeordnet, daß der an- dere sein Pensum erledigen solle?! Wer spart sich denn da den Lohn für Ersatzarbeiter und hält sich schadlos an den "Kollegen"! 6. Statt sich zu fragen, ob "zu oft krankgefeiert" wird, sollte man sich besser einmal fragen, ob nicht von den Politikern und ihren Dolmetschern bei der WAZ zu viele unverschämte Fragen ge- stellt werden. zurück