Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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STANDESGEMÄSSER PROTEST
I. Der Sachverhalt
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Kriegsplanung durch den Staat geht nicht nur über das Kalkulieren
und Bereitstellen, welches Waffenmaterial mit welchen Kriegsqua-
litäten er braucht, um das Herrschaftspotential seines Gegners
vernichtend zu treffen: die Einrichtung einer Wehrmedizin, die
die eigenen Opfer durch die Waffen des Feindes wieder fit machen
soll - auf daß sie erneut für ihren Staat an der Front ihre Rübe
hinhalten dürfen - ist dazu das Komplementäre. Der mit "Triage"
bezeichnete Maßstab der Brauchbarkeit der Untertanengesundheit
als Kanonenfutter - demokratische Politiker sind darin so dreist
zynisch, das gleich beim Namen zu nennen: "die Spreu vom Weizen
trennen" (Bayerns Sozialminister Pirkl) - welche Opfer überhaupt
noch in den zweifelhaften Genuß dieser medizinischen Fürsorge ge-
raten, ist der Inhalt des von der Bundesregierung geplanten
"Gesundheitssicherstellungsgesetzes", was alle jemals im Gesund-
heitswesen tätig gewesenen Personen (übrigens einschließlich de-
rer, die als Kriegsdienstverweigerer Zivildienst leisten) für die
kriegsmedizinischen Aufgaben dieser für den Staat funktionalen
Euthanasie unter die Bedingungen militärischer Disziplin dienst-
verpflichtet.
II. 2. Kongreß: "Ärzte warnen vor dem Atomkrieg" in Berlin
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In Gegensatz zu den offiziellen Ärztekammern, die "ein klares Ja
zur Mitwirkungspflicht... Dann herrscht schon im Frieden klare
Ordnung, dann sind wir Deutsche opferbereit und handlungsfähig.
(Dr. Stordener, bayr. Ärztekammer)" heraustrompeten und dabei -
Äskulapstab bei Fuß - ihre "ethische Dimension", für den leiden-
den Menschen zu sein, erblicken, will sich diese Ärztefraktion
stellen - unter Berufung auf dieselbe Ethik: Unter dem Kongreß-
motto "Im Ernstfall hilflos!" lautet ihre Schlußfolgerung: "Die
einzig sinnvolle ärztliche (!) Maßnahme im Atomkrieg kann nur
seine Verhinderung sein, gemäß dem medizinischen Grundsatz: Vor-
beugen ist besser als Heilen. Ärzte müssen also, wenn (!) sie
ihre berufliche Verpflichtung ernst nehmen, alles tun, um einen
Atomkrieg zu verhindern. Diese Verpflichtung begründet unseren
ärztlichen Widerstand gegen den Atomkrieg."
1.
Verhinderung des Atomkriegs als ärztliche Maßnahme? Auf solch
eine offensichtliche Unsinns-Formulierung kommt nur, wer so be-
rufsborniert ist, daß er unbedingt als Arzt und nur als solcher
gegen die Atomkriegskalkulationen "seines" Staates antreten will.
D a h e r rührt die mindestens peinliche Folgerung, daß man im
entgegengesetzten Fall - sofern man als Arzt im Ernstfall
n i c h t "hilfslos" wäre wohl keinen Einwand mehr auf Lager
hätte!? Dieser absurde Gedanke bricht sich Bahn eben aus der
ethischen Verantwortung, "Medizin (müsse) lebenserhaltend (!) im
aktuellen Sinne sein", die diese Mediziner so fest als ihre
"Verpflichtung" fühlen, daß sie sich mit der "Unmöglichkeit ärzt-
licher Hilfe" dafür r e c h t f e r t i g e n, warum sie dies-
mal nicht für die Opfer, die der Staat ganz jenseits dieses Ide-
als an den Leuten herstellt, "lebenserhaltend" wirken könnten.
Diese Entschuldigung lebt von der gewußten Implikation dieses un-
erfreulichen Ideals vom Helferdasein für den leidenden Menschen,
daß man ganz unabhängig von den Gründen für dessen Hilfsbedürf-
tigkeit als Fachmann für deren Kompensation überall mitmachen
müßte; ja wenn man noch Chancen zur Bereinigung der Wirkungen da-
von sehen könnte - dies der Einwand gegen den Dienst für den
Staat.
2.
Von daher wollen sich die Ärzte auch nicht aus der Verantwortung
gestohlen haben; nicht nur, daß sie ihre eigene Glaubwürdigkeit
in punkto Einsatz für die Opfer betonen: "das ändert nichts an
unserer Bereitschaft, in allen Situationen unsere ärztliche Hilfe
anzuwenden" (Prof. Begemann). Indem sie sich als fachmännische
Aufklärer in ihrer "Information als Prävention vor dem Atomkrieg"
auffahren, geben sie dem Staat kritisch gemeinte Hinweise über
die Wirkungen des Atomkrieges, die jetzt nicht etwa in der kalku-
lierten Zerstörung von Leib und Leben der Beherrschten liegen,
sondern vielmehr in deren N i c h t b e h e b b a r k e i t
durch medizinische Reparaturkunst. Von ihrem bornierten ärztli-
chen Standpunkt aus, die Physis der Leute jenseits der Genese der
Schädigung kompensieren zu wollen, bemerken sie den veränderten
Maßstab des Gesundheitswesens im Krieg, in dem nach der neuen Art
der Brauchbarkeit der Gesundheit, nämlich für den Frontdienst und
nicht mehr für die Arbeitsfähigkeit, eine erkleckliche Masse un-
behandelt zu bleiben hat. Sie entdecken nicht die Härte eines Ge-
sundheitswesens, das dem Kriterium der Tauglichkeit für staatli-
che Zwecke unterworfen und demgemäß ausgestaltet ist - umgekehrt:
sie reklamieren ein Abgehen des Staates von der ihm unterstellten
guten Absicht, für Gesundheit zu sorgen (als würde er nicht die
Grunde für deren Ruinierung herstellen und absichern) und zwar so
sehr, daß sie mit der Verweigerung ihres Mittuns drohen. Vorge-
stellt als Kriegsmedizin machen sie im Szenario des
A t o m krieges ein hartes Zugeständnis - dort ist "ärztliche
Hilfe nicht mehr sinnvoll" - im Unterschied zum konventionellen
Krieg, oder wie? Gegen Krieg als M i t t e l der Politik wollen
sie nichts einwenden, dafür gegen die Kriegs m i t t e l bedacht
haben, daß ihre zerstörerische Qualität - Schlüsse auf die Poli-
tik, die diese anschafft und installiert, wollen sie da nicht
ziehen - ein Argument gegen sie wäre. Das bilden sie sich so fest
ein, daß sie dies zum Urteil über Politik machen. "Ich kann mir
nicht vorstellen, was in den Köpfen von Politikern für Gedanken
vorgehen, wenn sie solche Vernichtungswaffen planen" (Begemann).
So ist dann auch die Forderung nach Beschränkung der Kriegsmittel
- "aktuelle politische Einmischung ist notwendig, d.h. konkret:
ein weiterer Aufbau von Atomraketen darf nicht zugelassen werden"
- kein Imperativ gegen die Politik, vielmehr das Bewahren dieser
vor Waffen, die unanwendbar sein sollen und somit nie adäquate
Mittel der Lösung politischer "Probleme" sein können. "Ich kann
mir keine sozialen, politischen oder ökonomischen Gegensätze vor-
stellen, die solche (!) Vernichtungswaffen notwendig machen."
(Begemann).
3.
So gelangen die Ärzte zu dem billigen Verdacht, die Politik wüßte
schlußendlich über die Vernichtungsgewalt ihrer Waffen nicht so
recht Bescheid und würde leichtfertig unbedacht sich dieses Zeug
hinstellen, - billig, weil ihnen dies, ohne daß ihr Idealismus
Schaden leidet, erlaubt, Protest gegen die bemerkte Rücksichtslo-
sigkeit der Politik als Aufklärungsfeldzug f ü r die
V o l k s gesundheit zustarten, die doch unser aller Anliegen
sei. Dabei und darin machen sie einen gewußten Übergang zur Welt-
fremdheit: gerade so, als wäre die verantwortliche Sorge um die
aus dem Atomkrieg entstehenden Seuchen, Verstrahlungen, "das Auf-
treten von Abermillionen von Insekten" etc. pp. identisch mit
Angst -, eine Angst, die schon längst die eigene Betroffenheit
durch die Herrschaft in ein Generationen- und Menschheitsproblem
übersetzt hat - verlangen sie ein Bekenntnis zu dieser, und
warum? Glauben sie denn allen Ernstes, daß die Politik Zweifel an
ihrem Waffenarsenal bekommt, wenn "wir alle" nicht "unsere Angst
vor dem Atomkrieg" verdrängen?? Einerseits schon, andererseits
selbstverständlich nicht. Auf alle Fälle bereinigt solche Sorte
Aufklärung, die von den Zwecken der Herrschaft nichts wissen will
und sich ideell mit ihr in der Sorge um den Fortbestand der
Menschheit zusammenschließt, eines: das schlechte Gewissen eines
Berufsstandes, welches nichts ungetan gelassen hat, vor den nega-
tiven Folgen des Atomkriges zu w a r n e n.
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