Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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MSZ aktuell, Juli 1981
LIEBE PSYCHIATRIEGEMEINDE,
bevor auf dieser Veranstaltung der Mangel einer hinreichenden An-
zahl psychiatrischer und psychotherapeutischer Einrichtungen in
Bochum beklagt wird und diverse Modelle detailliert beschrieben
werden, was man alles einrichten und wie man eine optimale psy-
chosoziale Versorgung in dieser Region erreichen könnte, seien
ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu diesem Thema gestattet.
I
"Herstellung, Erhaltung und Wiederherstellung seelischer Gesund-
heit in einer Gemeinde" heißt das Ziel der Gemeindepsychiatrie.
Wer sich so etwas vornimmt, hat eine eigenartige Sicht der Dinge:
Ihn bekümmert, daß die Leute in dieser Gesellschaft nicht zu-
rechtkommen, viele vielleicht sogar verrückt werden, und zieht
den alles entscheidenden Schluß daraus: also braucht es Institu-
tionen, Gruppen und dergleichen, die sich darum kümmern, daß die
Leute F ä h i g k e i t e n entwickeln, m i t i h r e n
P r o b l e m e n f e r t i g z u w e r d e n. Aus den
Schwierigkeiten der Leute ist so ihr Problem m i t s i c h
s e l b s t gemacht, ihr Scheitern im beruflichen oder privaten
Leben zu einer Krise ihrer Psyche erklärt. So fröhlich die Psy-
chologie von der Natur aller Hindernisse absieht, die ihnen bei
der Verfolgung ihrer Interessen in den Weg gelegt werden - dies
sind ja in psychologischer Sicht nur die Anlässe, welche eine de-
fekte seelische Konstitution zutage treten lassen -, so sicher
beurteilt sie ihre "Probleme" (objektiver Art genauso wie die wü-
stesten Einbildungen) als Anzeichen einer mangelhaften inneren
Ausstattung des betreffenden Individuums für die Wechselfälle des
Lebens. Wenn jemand seine Arbeit verliert, im Berufsleben nichts
wird, eine Prüfung verhaut oder keinen Freund findet, so stellt
ein Psychologe nicht fest, daß da einer nicht erreicht, was er
wollte, um sich zu fragen, woran es gelegen haben mag; sondern
beklagt die abwesende Fähigkeit des Betroffenen, es zu schaffen.
Von der mangelnden "Selbstbehauptung" bis zur fehlenden Übung im
"Verarbeiten" von Mißerfolgen reichen die Diagnosen, die alle ei-
nes gemeinsam haben: Wenn einem was schiefgeht, muß es wohl an
ihm gelegen haben. Womit keineswegs Ungeschick, falsches Vorgehen
etc. gemeint sind, sondern eine (ihm unbekannte) seelische Prä-
gung, die ihn unvermeidlich behindert hat Kurz: Kommt jemand
nicht zurecht, dann ist er tatsächlich ein Versager - seine
"psychische Gesundheit" ist "gestört".
Wenn die Leute sich selbst für ihr Mißgeschick in der Weise ver-
antwortlich machen, daß sie behaupten, es läge an ihrer verkork-
sten Seele, daß sie nicht zurechtkommen, dann ist das ein Fehler,
weil sie sich nicht um die Gründe ihrer miesen Lage kümmern, son-
dern sich erstens global beschuldigen, ihre Macke, ihre untaugli-
che Individualität, verhindere ihren Erfolg, und damit zweitens
zugleich erklären, daß sie folglich auch nichts an der Sache än-
dern können. Das Schlimme ist, daß die Psychologen daraus auch
noch ein Programm machen: Sie bestätigen diesen Menschen nicht
nur dieses falsche Urteil (wenn sie es ihnen nicht sogar erst
noch aufschwatzen), sondern empfehlen ihnen dringend die Beschäf-
tigung mit ihrem eingebildeten seelischen Knacks als Weg zum
Glück: Du mußt lernen, anders mit deinem Problem umzugehen, du
mußt dir aneignen die Schwierigkeiten als Bewährungsproblem für
deine labile Psyche zu betrachten. In dem Begriff "psychisches
Wohlergehen" faßt sich diese reaktionäre Einstellung zusammen:
man betrachte sich selbst als (mehr oder weniger günstige) Vor-
aussetzung zur Bewährung an den Anforderungen, denen man genügen
muß; und den Erfolg respektive die Zufriedenheit mit dem Erreich-
ten als Ausweis seelischer Gesundheit.
II
"... jeder von uns hat bestimmte Lösungsmethoden für seine
Schwierigkeiten, die seiner besonderen Lebenssituation entstammen
Diese Lösungsmethoden vermeiden aber z.T. die eigentliche
schmerzliche Schwierigkeit und führen dann nicht zum gewünschten
Erfolg, sondern zu vermehrtem Leid für den Betroffenen und seine
Umwelt, d.h. zum Symptom und zur Krankheit." (Dörner u.a.: Ge-
meindepsychiatrie)
Von den wirklichen Schwierigkeiten der Leute (also auch vom ra-
tionellen Umgang damit) ist hier nicht die Rede, sie interessie-
ren nicht. Etwas ganz anderes ist beschlossene Sache: Hier kommt
jemand nicht klar, also stimmt etwas mit ihm nicht. Sehr
hilfreich tritt also der Psychologe auf den Plan und will sich
bei der Lösung dieses Problems nützlich machen. Ausgangspunkt ist
eine "Störung", sprich der Vergleich mit der idealen Funktionali-
tät des Klienten. Liegt "sozial auffälliges Verhalten" vor, ist
das ein "Symptom", der Zweck dieses Tuns "Vermeidung des Adäqua-
ten". Die Erkenntnis daß ein Verrückter nicht normal ist (wie
plausibel, daß er "von der Norm abweicht", wenn sich einer für
den lieben Napoleon hält!), dient Dörner hier zur Grundlage einer
hübschen Spekulation über den Sinn dieser Dysfunktionalität: der
Mensch ist nicht normal, weil er auf diese Weise nicht normal
sein muß. Die Auskunft, es liege Feigheit vor "Schwierigkeiten"
vor (unbewußt, natürlich!), wodurch der "Klient" sich und der
"Umwelt" allerdings erst recht zur Last fällt, täuscht eine Er-
klärung für die psychologische Überzeugung nur vor, welche da
lautet: ganz gleichgültig, was sich der Betreffende denkt oder
einbildet - es liegt ein Defizit an Normalität vor, und es ist
ein Akt hehrer Menschlichkeit, die Funktionalität wiederherzu-
stellen.
Der Vergleich, den der Psychologe hier bemüht, das Kurieren phy-
sischer Gebrechen, ist sehr ernst gemeint. Wer nicht funktio-
niert, ist krank, sein Geist ist nicht in Ordnung, und deshalb
ist auch alles nur das Beste für den Klienten wenn man ihn dazu
bringt, diese Störung abzulegen. Die Besonderheit der "Irren ist
menschlich" - Psychiatrie besteht denn nun erstens darin, bei den
herkömmlichen Methoden, die sie alle anwendet, auf eines besonde-
ren Wert zu legen: den "Klienten" die Einsicht aufzunötigen, daß
sie der "Hersteller der Störung" sind. Sie sollen also möglichst
freiwillig medizinische Manipulationen wie auch Dressurakte über
sich ergehen lassen, also mit ihren eigenen Einbildungen umgehen
wie mit einer Krankheit, immer das Ziel vor Augen, die "Beein-
trächtigung" ihrer Nützlichkeit so gering wie möglich zu halten.
Trotz der Verrücktheit, das heißt mit ihr, leben! Für diese
Leistung ist ihnen wohlwollendes Verständnis entgegenzubringen -
in Form der Heuchelei, daß man die Verrücktheit irgendwo sehr
normal findet, weswegen der Irre eben, "andersartig" ist und
deswegen ganz bestimmt nicht weniger wert Was aber auch heißt,
daß er sich gefälligst zusammenreißen und Rücksicht auf die
"Umwelt" nehmen soll.
Das Zweite, worauf sich diese Sorte Psychiatrie viel zugute hält,
ist die Betonung der Prävention. Vorbeugen ist besser als heilen,
heißt die Devise, mit der sie auf die alte Anstaltspsychologie
losgeht und ihr vorwirft, den Hauptteil der Arbeit zu vernachläs-
sigen. Alle Bürger sollen möglichst umfassend dazu angehalten
werden, auf sozialpsychische Gesundheit zu achten, also die ver-
rückte psychologische Betrachtungsweise zu pflegen; Erfolg und
Mißerfolg in der Konkurrenz wie im Privatleben als Äußerungen ih-
rer psychischen Natur zu interpretieren, sich um ihre Tauglich-
keit in Gestalt ihrer seelischen Gesundheit zu sorgen und auf
diese Weise zu vermeiden, zum klinischen Fall zu werden. Dazu
fällt uns zweierlei ein:
- Als ob die psychologische Weltanschauung nicht schon verbreitet
genug wäre - als ob sich die Schulmädchen, Hausfrauen, Männer in
der midlife crisis usw. nicht schon verrückt genug damit machen
würden, inwiefern sie's denn wo noch bringen und an welchen unbe-
wußten Zwängen und Hemmungen es denn liegen mag!
- Daß dieses Programm der Wunschtraum von Psychologen ist, leuch-
tet schon ein, schließlich leben sie ja davon.
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