Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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MEDIZIN UND KRIEG
Der bundesdeutsche Staat plant seinen nächsten Krieg. Das
schließt ein: Er kalkuliert dessen Kosten, nicht nur an Tornados
und Rolands, an Sold und Betriebsstoffen. Sondern auch an Men-
schenleben und Gesundheit - und was zu tun ist, damit ihm mög-
lichst lange eine kampffähige Truppe zur Verfügung steht. Ein Re-
alismus der Vorsorge, der durchaus das Attribut z y n i s c h
verdient.
In dieser Kalkulation kommt auch der Medizinerstand vor, an ge-
wichtiger Stelle. Schließlich kommt es im Krieg b e i d e n
Seiten darauf an, das Menschenmaterial ihres Gegners kampfunfähig
zu schießen. Was ist da wichtiger als ein Gesundheitswesen - im
Krieg heißt es dann Sanitätsdienst -, das die kaputten, aber noch
lebensfähigen menschlichen Überreste der geschlagenen Schlachten
wieder zusammenflickt? Das Interesse des Staates, die wiederher-
gestellten Leichname erneut in den Kampf zu schicken, deckt sich
da sogar nahtlos mit dem - ausgerechnet! - Überlebensinteresse
der Opfer; und deswegen auch mit Ethos und Pathos des Mediziner-
standes, für nicht und niemanden als für den leidenen Menschen da
zu sein. Grund genug, meinen wir, einiges Mißtrauen zu fassen ge-
gen eine Standesethik, die darauf verpflichtet, h e l f e n -
aber vom dem G r u n d der Hilfsbedürftigkeit und dem aus-
schlaggebenden Zweck der Hilfe n i c h t s wissen zu wollen.
Grund genug, meinen wir, einem Staat die treuen Mediziner- und
Sanitätsdienste aufzukündigen, der so brutal 'Gesundheit' als
'Brauchbarkeit für mörderische Zwecke' vorbuchstabiert und jeden
Heilerfolg als Grundlage für erneute Zerstörung will, herstellt
und benutzt. Und unseres Erachtens kein Grund, gegen die wirkli-
chen staatlichen Zwecke deren Idealismus des "Helfens und Hei-
lens" hochzuhalten; kein Grund, in dem verzweifelten Glauben an
e i g e n t l i c h bessere Absichten des demokratischen Staates
dessen praktischer Politik dort einen W i d e r s p r u c h
vorzurechnen, ausgerechnet, wo ihr Ziel ganz unübersehbar zutage
tritt. Denn wie will man den befohlenen Zynismus des staatlichen
Heilungsdienstes bedoch lieber nicht für möglich hält?
Den Initiativen kritischer Mediziner gegen den Atomkrieg und ih-
ren Sympathisanten wollen wir daher folgendes zu bedenken geben:
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Wenn ihr sagt, "Bei diesen Dienstvorschriften (des Gesundheitssi-
cherstellungsgesetzes) ist typisch, daß dabei die Front- und Ar-
beitsfähigkeit die allein ausschlaggebenden Kriterien sind...",
dann seid ihr auf die brutale Wahrheit gestoßen, daß der Staat
Gesundheit und Leben der Leute unmittelbar für sich zu vernutzen
gedenkt, um sein Kriegsziel durchzusetzen. Deshalb veranstaltet
er alle Maßnahmen zur Wiederherstellung von Gesundheit auch nur
für diesen Zweck und m i ß t sie an ihm.
"Die Ärzte sollen im wesentlichen im Sichtungsverfahren, der
Triage, ausgebildet werden", eben weil der Staat mit der optima-
len Organisation des Militärs auch und gerade ein Gesundheitswe-
sen unterhält, das seine Leute zur Fortsetzung des Krieges wieder
zusammenflickt oder sterben läßt, ganz nach dem Kriterium der
Tauglichkeit für ihn. Daß Gesundheit in der Pflicht besteht, sie
nach Maßgabe der maßgeblichen nationalen Zwecke vernutzen zu las-
sen, diese brutale Gleichung des bürgerlichen Lebens wird im
Krieg durch den Staat in Extremform verwirklicht: Wer zu ihrer
Erfüllung keine Tauglichkeit mehr besitzt, bekommt sie nicht.
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Ihr bemerkt selbst: "Im Atomkrieg sollen nur noch diejenigen be-
handelt werden, bei denen es sich noch 'lohnt'" - um dagegenzu-
setzen: "Medizinische Hilfe ist unmöglich." Von wegen! Es ist
doch viel härter: Medizinische Hilfe, wie ihr sie versteht, ist
einerseits gar nicht mehr vorgesehen (und was man nicht will, um
dessen Möglichkeit kümmert man sich dann natürlich auch nicht),
um andererseits damit so viel herauszuholen wie überhaupt noch
möglich. Das ist der wirkliche High Noon des staatlichen Gesund-
heitswesens: Bei so massenhafter und radikaler Benutzung des Le-
bens der Bürger gibt es zu tun wie noch nie also "packen wir's
an!" Um das noch benützbare Quantum an Kriegstauglichkeit wieder-
herzustellen, muß das Gesundheitswesen in allen seinen Teilen bis
zum letzten angespannt werden, und das Ethos der Hilfe bekommt
Stoff jede Menge!
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Ihr urteilt selbst: "Mediziner würden sich damit wieder zum Hand-
langer der Politik machen." Wie kommt ihr dann aber auf die kri-
tisch gemeinte Fortsetzung: "Ein Atomkrieg würde die Ärzte und
das medizinische Hilfspersonal vor unlösbare Probleme stellen"-?
Der p o l i t i s c h e Z w e c k, für den ihr im Atomkriegs-
fall vorgesehen seid und zu dessen "Handlangern" ihr euch machen
sollt, kennt e u e r "unlösbares Problem" doch überhaupt nicht!
Im Gegenteil: I h r s e i d die "Lösung". Und wenn ihr vor der
Massenhaftigkeit des Elends verzweifelt, das ihr sortieren und
betreuen sollt, dann läßt das den Veranstalter des Ganzen kalt,
oder es ist ihm sogar recht und er gibt euch noch ein paar ermun-
ternde Sprüche mit auf den Weg - wenn ihr um so engagierter euren
Dienst verseht. Für den Staat gibt es euren Widerspruch zwischen
Krieg und Medizin nicht, ganz im Gegenteil! Für ihn paßt das sehr
logisch und notwendig zusammen: Seine Bürger planmäßig verheizen
- und seine "Vorsorge" treffen, von der ihr selber richtig sagt:
"Ziel des Sicherstellungsgesetzes ist es, das Gesundheitswesen
soweit vorzubereiten, daß eine Anordnung genügt, es total auf
Kriegsmedizin umzustellen."
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Wenn ihr meint: "Ein Atomkrieg ist die letzte Katastrophe für
Mensch und Natur", dann habt ihr erst recht ein anderes Problem
als der Staat, der ihn plant. Mit der - euch wohlbekannten! -
Perfektionierung seiner konventionellen wie seiner atomaren Waf-
fen tut auch der bundesdeutsche Staat doch alles, um den Krieg
zur "letzten Katastrophe" nicht "für Mensch und Natur", sondern
f ü r s e i n e n F e i n d werden zu lassen. T o t a l e
Vernichtung ist sicher nicht sein Zweck die braucht man ihm also
auch gar nicht auszureden. Das hindert ihn aber überhaupt nicht,
beflügelt vielmehr die Phantasie seiner Strategen und Militärtak-
tiker, die "Versaftung" einiger in- und auswärtiger Menschenmas-
sen als M i t t e l zum Sieg zu planen, minutiös in die Tat um-
zusetzen, wenn es darauf ankommt. Ihr meint, das letztere könnte
ein Staat nicht wollen? Da ist der Feind, gegen den die Kriegs-
planung und -vorbereitung läuft, realistischer als ihr: Der be-
reitet sich jedenfalls auf a l l e s vor!
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Kriegshandwerk und Sanitätsdienst gehören zusammen wie siamesi-
sche Zwillinge. Auch und erst recht im Zeitalter des Atomkriegs.
Wenn der Staat Waffen entwickeln läßt, die die Wiederherstellung
des getroffenen Menschenmaterials möglichst unmöglich machen sol-
len - des feindlichen, versteht sich -, dann kümmert er sich auch
um Fortschritte des ärztlichen Hilfsdienstes - für die eigenen
Opfer. Das ist die A b s u r d i t ä t e u r e s B e r u f e s
und kein Widerspruch zwischen Gesundheitswesen und Militär.
Umgekehrt: Ein Widerspruch dicksten Ausmaßes ist es, die Einrich-
tung des K r i e g s g e s c h e h e n s nach Maßgabe der ver-
fügbaren Sanitätskapazitäten und der "medizinischen Möglichkei-
ten" zu verlangen. Damit wird der Zynismus staatlicher Gesund-
heitsvorsorge für den "Verteidigungsfall" doch nicht zurückgewie-
sen, sondern moralisch auf den Kopf gestellt - also zu allem
Überfluß noch verrückt!
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Die Forderung: "Atomwaffen sind für uns als Mittel des politi-
schen und militärischen Kalküls kompromißlos abzulehnen", sollte
man sich als Kritiker der bundesdeutschen und westlichen Kriegs-
planung also doch noch mal überlegen. Meint ihr denn wirklich,
eine Abschaffung der Mittel staatlicher Gewalt wäre zu haben ohne
Abschaffung der Zwecke, für die sie da sind? Wenn ihr euch wirk-
lich nicht zu Handlangern der nationalen Kriegsbereitschaft ma-
chen wollt - d a s i s t b i l l i g e r n i c h t z u
h a b e n.
P.S. Der Eifer, das b l o ß medizinische Ethos eures Protestes
herauszustreichen, nützt euch in der bundesdeutschen Öffentlich-
keit sowieso nichts - obwohl es dem Protest die Schärfe nimmt! In
den Verdacht, Kommunisten und vom Feind unterwandert zu sein,
kommt ihr auf alle Fälle.
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