Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 16, 07.07.1982
       
       Selbstverständnis der Medizin '82
       

ÄRZTE ERFÜLLEN IHREN AUFTRAG

"Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen! Ihr durchstudiert die groß und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu lassen, Wie's dem Staat gefällt." (Goethe, Faust I) Da beschließt der Staat aus eindeutigen Gründen, die wieder ein- mal aufzuzählen wir uns ausnahmsweise sparen - sie sind als Bun- deswehr und NATO jeden Tag im Fernsehen zu besichtigen -, daß er sich ab sofort auch die Krankheiten seiner Bürger weniger kosten lassen will und richtet den dringenden Appell an die Mediziner, sie sollten die Gesundheit der Leute billiger wiederherstellen - da greifen die Herren Ärzte in ihren Standesvertretungen die Or- der von oben prompt auf und lassen sich jede Menge "medizinische" Argumente dafür einfallen, daß man "im Interesse des Patienten" für ihn weniger Geld ausgibt. Die "Krise der Heilkunde": Zuviel Medizin ----------------------------------------- Gehen tut das, weil es beim öffentlichen Gesundheits w e s e n um die Gesundheit ohnehin immer schon nur insofern ging, als ihre Abwesenheit die A r b e i t s f ä h i g k e i t der Ortskran- kenkassenklientel nicht gefährden soll. Daß die "Verrentungen aus Krankheitsgründen seit Jahren außerordentlich zunehmen" (SZ vom 3. Juni), ruft so keineswegs den Staat auf den Plan, weil er sei- ner Ökonomie sehr wohl gestattet sich aus den Lebensjahren eines Arbeiters die leistungsfähigsten herauszupicken, und ihm deshalb die frühzeitige physische Ruinierung des Arbeitsviehs nur Indiz für eine gelungene Ausbeutung ist, was er an der Konkurrenzfähig- keit seiner Wirtschaft bemerkt. Auf die Konsequenzen des erreich- ten Stands der "Benutzung lebendiger Arbeitskraft, eine ständige Zunahme der Krankheiten, reagiert die öffentliche Sache mit dem Ruf nach Kostendämpfung bei der Krankenbehandlung. Und angesichts der gegenwärtigen "gespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt" trägt die Arbeitslosigkeit und die Drohung damit ohnehin vielmehr zur s t a t i s t i s c h e n Hebung der Volksgesundheit bei als alle Arzneien. Der Medizinerstand, der vor ein paar Jahren noch in jeder Praxis eine Eiserne Lunge installieren wollte greift die neue Direktive nicht nur dadurch auf, daß er sie exekutiert: Seine Wortführer versehen einen schlichten Staatsbeschluß, die Leute billiger - oder, wo geht überhaupt nicht zu behandeln, in t h e o r e- t i s c h e r Botmäßigkeit mit einem ganzen Bündel von Ideologien, denenzufolge vorher den Patienten weniger ihre Krankheit, als zuviel Medizin dagegen geschadet haben soll: "Die 'Grenzen des Wachstums', die das Bewußtsein kurz vor dem Jahre 2000 prägen, signalisieren auch in der Medizin ein Umden- ken, in die Krise, wie auf anderen Gebieten, begleitet von der Frage nach Zweck, Ziel und Sinn allen medizinischen Handelns." (Ärztefunktionär Winckelmann in "Münchner Medizinische Wochen- schrift" 19/82) Daß dabei das "Wachstum" nur bei bestimmten Leuten und in be- stimmten Bereichen seine vom S t a a t gesetzten Grenzen hat, taucht hier natürlich nicht auf, wo behauptet werden soll daß es sich bei der Kostendämpfung um einen "Sachzwang" handle und daß die "Sorge um die Gesundheit" und nicht um den H a u s h a l t Grund fürs Umdenken sei. "Es mehren sich die Stimmen" (vor allem die seine und die seiner Kollegen) "die mutmaßen, daß das Wachstum allein die tieferlie- genden Probleme der modernen Medizin nicht lösen könne, im Gegen- teil: daß es eher Lösungen erschwere oder gar verhindere, zumin- dest sei Wachstum um jeden Preis geeignet, neue und noch schwie- rigere Probleme zu erzeugen." Oberflächlich mag man meinen, daß die Streichung von Kuren der Gesundheit abträglich ist und so der Medizin und den Menschen per vermehrter Krankheit ein Problem schafft. Weit gefehlt. Die Krankheiten, die soviel kosten, werden nämlich durch den "Einzug von Naturwissenschaft und Technik" "die Verbesserung der medizi- nischen und medikamentösen Versorgung weiter Bevölkerungskreise" erst hervorgerufen. Die Halswehtablette Ursache für Halsweh? So direkt wollen sie es nicht behaupten. Indirekt aber letztlich schon: Die Medizin hat mit ihren Fort- schritten dem Bürger "jedes Risiko abgenommen", weshalb sich ein "Einstellungs- und Anspruchswandel zur Krankheit, bzw. gegenüber den bestehenden Therapiemöglichkeiten" vollzogen hat. Weil die Medizin die Leute angeblich immer wieder heile macht, passen die nicht mehr auf das hohe Gut auf, sondern verprassen es "als Kon- sumgut" und pochen dann auch noch auf ihr "Recht auf Gesundheit". Weil ein Knochenbruch geheilt werden kann, soll man herumlaufen und ihn sich leichtfertig zufügen? Macht nicht gar die Medizin mit dem Heilversprechen "die Krankheit schlimmer, haben wir nicht die Kompetenz und Autarkie über den Körper, das Vertrauen in die Hilfskraft der Na- tur und die unvergleichliche Robustheit des Körpers per Kranken- kasse an die Medizin abgegeben?" (Vorlesung "Inhalt und Grenzen des ärztlichen Auftrags" vom 3. Juni) - das fragen sich jetzt sorgenzerfurcht die gleichen hippokrati- schen Eidgenossen, die vorher den "ärztlichen Auftrag" ganz gemäß der kassenärztlichen Gebührenordnung so ausgelegt hatten, daß sie selbst einen eitrigen Furunkel stationär behandelten. Jetzt, wo von oben andere Töne kommen, stellen sich die Ärzte als M e d i z i n e r hinter die staatlichen Maßnahmen und tun so, als wären sie aus lauter Sorge um die Patienten auf die Reduzie- rung des "Bettenbergs" gekommen. Von diesem neuen Standpunkt aus, begrüßen sie die angebliche "Geldknappheit" der öffentlichen Hand - "beschleunigen doch die ökonomischen Zwänge den Umstellungspro- zeß" -, weil sie der M e d i z i n (keineswegs den Ä r z t e n!) "eine Chance zur Besinnung auf ihre Grundlagen" bieten. Der "Volkskörper" und seine störenden Glieder --------------------------------------------- Die ärztliche Berufsordnung, in deren Paragr. 1 immer schon stand, daß der Onkel Doktor auch und nicht zuletzt an die Grund- lage der Ordnung von Vater Staat zu denken hat - "Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und des ge- samten Volkes" -, wird jetzt zeitgemäß interpretiert und d.h., daß ein Arzt sich "künftig noch weniger (!) lediglich auf seinen Auftrag dem ein- zelnen Patienten gegenüber berufen" kann (Winckelmann.) Denn: Der einzelne "kann individuell nur existieren, sich individuell entfalten als Glied der Gesellschaft" (Prof. Deneke in: Bayer. Ärzteblatt 11/81) Ein solcher s o z i o l o g i s c h e r Kalauer kriegt bei den Weißkitteln, die ja im Unterschied zu Soziologieprofessoren nicht nur dozieren, sondern auch praktisch mit der (kranken) Menschheit zu tun haben, gleich einen sehr brutalen Dreh, der dann absolut nichts mehr mit H e i l k u n d e zu schaffen hat, sondern mit Sieg-Heil!-Gedanken im Krankenhaus: "Der moderne Mensch betrachtet Krankheit nicht mehr als Schick- sal, sondern als ein Gebrechen dessen Beseitigung durch die Ge- sellschaft gefordert wird." (Dr. Bäcker. a.a.O.) Demokratische Ärzte sind natürlich nicht für die Eliminierung wehleidiger Volksgenossen damit der Volkskörper gesund bleibt; sie fordern lediglich "die Gesellschaft" auf, die "Schmerzerlebnisse" nicht so einfach "zu reduzieren", gehören sie doch zum "menschlichen Schicksal" (Prof. Deneke). Ein Prof. Hartmann entdeckt am kranken Bürger eine "Ausbeuter- Mentalität", wenn er ernstlich auf den Gedanken kommt, sich auch einmal b e h a n d e l n und nicht nur seinen Zwangsbeitrag zur AOK abknöpfen zu lassen und wirft ganz radikal die E i g e n t u m s f r a g e auf. Natürlich nicht an den Produk- tionsmitteln, sondern - am menschlichen Körper: der gehört näm- lich nur in Grenzen einem selbst, sondern vor allem Staat & Kapi- tal = d i e Gesellschaft "Bedenkt man aber die Bedeutung der Gesundheit des einzelnen" (nicht für eben diesen einzelnen, sondern) "für das Gemeinswesen und die Leistungen, die die Gemeinschaft" (nicht seine Kranken- kassenbeiträge "für den einzelnen im Krankheitsfall erbringt, so ist die Überlegung, ob nicht auch der Körper und die Gesundheit sozialverpflichtet sind, nicht abwegig." (Deutsches Ärzteblatt 15/82) In der Tat, wenn man es s o "bedenkt", daß wir nicht für uns, sondern für die BRD da sind, da ist jedes Gramm Butter zuviel, jede halbe Bier über den Durst und bereits die Zigarette nach dem Essen eine Schädigung des g e s u n d e n V o l k s k ö r- p e r s. Und der muß gesund bleiben, weil Staat und Kapital mit ihm noch einiges vorhaben, was nicht gerade gesund ist ... zurück