Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Argumente zur Kriegsmedizin, Juni 1981
Der 3. Weltkrieg als ärztlicher Auftrag
WAS FÄLLT EUCH EIGENTLICH EIN!
Wir halten die Veranstaltung "Katastrophenmedizin - eine Kata-
strophe?" für einen Skandal. Kaum gibt es einen Entwurf für ein
"Gesundheitssicherstellungsgesetz", mit dem der Staat sein Ge-
sundheitswesen auf den Krieg umstellt, stellt sich die deutsche
Ärzteschaft darauf als ihren Auftrag ein. Noch ehe der erste
Schuß gefallen ist, stehen die Weißkittel geistig im Schützengra-
ben, Skalpell bei Fuß:
"Ein klares ja zu einem Gesundheitssicherstellungsgesetz, dessen
Zielsetzung die Vorbereitung und Steigerung der Leistungsfähig-
keit des zivilen Gesundheitsswesens im Rahmen der zivil-militäri-
schen Zusammenarbeit im Kriegsfall ist. Ein klares Ja zur Mitwir-
kungspflicht bereits im Spannungsfall! ... Dann herrscht schon im
Frieden klare Ordnung, denn sind wir Deutsche opferbereit und
handlungsfähig." (Dr. Stordeur, geschäftsführender Arzt der Baye-
rischen Landesärztekammer)
Was ist das eigentlich für eine Diskussion
- bei der ein klares Ja zum Krieg abgelegt wird;
- bei der die Überlegung verboten ist, wie die Kriegsabsichten
des Staates verhindert werden können;
- bei der also ganz selbstverständlich vom Krieg ausgegangen
wird, bei dem die Mediziner mitmachen wollen: der Pflicht, den
"massenweisen Anfall" von Toten und Verletzten zu bewältigen,
will sich keiner entziehen.
Mitgemacht wird, das steht fest - wobei eigentlich? Für Mediziner
keine Frage: beim V-Fall! Da sieht das Helfen eben anders aus:
- das zum Töten vorgesehene soldatische Kanonenfutter muß wieder
zusammengeflickt werden
- und wenn sich das nicht lohnt, gilt die Gleichung Hilfe =
Verreckenlassen.
Wenn Krieg, dann medizinisch einwandfrei!
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Der Krieg ist also eine prima Gelegenheit, sich die Wichtigkeit
der ärztlichen Tätigkeit zu bestätigen! Dabei wird dem Staat der
harte Vorwurf nicht erspart die Kompetenz und Verantwortlichkeit
der Mediziner nicht genug in Anspruch zu nehmen. Die Opfer, die
der Staat im Kriegsfall einfordert, sind Ärzten kein Problem,
sondern eine Herausforderung: Wann kommt es je so auf die Medizin
an wie im Krieg? Deshalb kennen sie nur eine Frage: Sieht der
Staat, wie wichtig die Ärztemafia ist?
Da kommt sogar bei Rechten Kritik auf. Rebentisch und Stordeur
meinen, daß nicht Verwaltungsfachleute, sondern lediglich Ärzte
ordnungspolitische Entscheidungsbefugnisse haben sollen: Herr
über Leben und Tod dürfen nur Kenner sein.
Die anderen, wie Begemann und kritische Gesundheitsinitiativen,
melden die bange Frage an, ob die Versorgung "angesichts der Di-
mensionen (!) des Elends auf der einen, und der minimalen Hilfs-
möglichkeiten auf der anderen Seite " nicht zu schwierig sei. Der
Atomkrieg als besonders schlechte Bedingung für den Arztberuf?
Diese Experten in Sachen Aufräumarbeiten halten (ungewollt?)
einen konventionellen Krieg für weniger schlimm weil hier die
Ärzte besser zum Zug kommen. Das ist mal eine Kritik, die den
Staat darauf hinweist, wenn er schon Krieg macht, dann doch bit-
teschön die ärztliche Versorgung zu garantieren. Vor aller Kritik
geben aber auch die Linken stets zu Protokoll: mitgemacht wird!
"Wir weigern uns nicht, Hilfe zu leisten..."
Wir meinen, es gehört sich nicht
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- mit seinem ganzen Sachverstand willfährigst an den Staat zu ap-
pellieren, er möge doch sein Gesundheitswesen mehr berücksichti-
gen, da es von kriegsentscheidender Bedeutung sei. Die schlichte
Wahrheit, daß ohne Rotes Kreuz kein Krieg zu machen ist, wollen
deutsche Arzte in dieser Brutalität nicht gelten lassen. Lieber
geben sie sich der lächerlichen Vorstellung hin, der Kriegsver-
lauf sei von ihnen abhängig - als ob eine Atombombe nur geschmis-
sen werden könnte, wenn die Ärzte vorher gefragt worden sind, ob
sie mit der "schwierigen Versorgungslage" hinterher fertig wer-
den.
- darum zu wetteifern, wer sich die größere und glaubwürdigere
Sorge um den Erhalt der deutschen Nation macht. Wo ist da eigent-
lich ein Unterschied, wenn Ärzte vor dem "nationalen Selbstmord"
warnen oder für die Anspannung aller Kräfte für "das Überleben"
des deutschen Volkes plädieren?
- sich auf die "hilfsbedürftigen Opfer" des Krieges zu berufen,
wenn man als politische Untercharge der Kriegsvorbereitung an-
tritt,
Was gibt es noch zu diskutieren?
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- mit Leuten, die selbst das bedenkliche Mitmachen kritischer Me-
diziner als fehlende Staatstreue definieren und heute mit Berufs-
verbot, morgen mit Härterem drohen? (Rebentisch)
- mit Leuten, die ihre Staatstreue für die massenweise ins Gras
gebissen werden wird, dadurch unter Beweis stellen, daß sie die
Bereitwilligkeit ihres verantwortlichen Mitmachens unterstrei-
chen. (Begemann)
- mit Medizinern also, die nichts anderes mehr für ungeheuerlich
halten als einen Angriff auf ihre Aufgabe.
Was ist heute eigentlich noch ein Skandal? Eine Diskussion, bei
der die per Gesetz demokratisch verordnete Euthanasie ganz un-
skandalös problematisiert wird dahingehend, ob dann das Gesund-
heitswesen seiner Funktion noch gerecht wird? Oder die Kritik
dieses ehrenwerten Nationalismus der deutschen Ärzteschaft?
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