Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Münchner Hochschulzeitung 5. Sonderausgabe, 18.02.1981
Kostendämpfung
DIE AMBULANTE HUMANITÄT
"Es zeigt sich, wie eng die soziale Krankenversicherung und damit
die Position der Kassenärzte, mit dem allgemeinen politischen und
wirtschaftlichen Geschehen verbunden ist.' (Muschallik, Kassen-
arztpräsident)
Nicht erst die jüngste Diskussion um den Tornado macht deutlich,
in welchen Gebieten des Staatshaushalts angesichts der aktuellen
Weltlage vermehrte Anstrengungen notwendig sind. Die jährliche
Steigerung der Ausgaben zur Kriegsvorbereitung muß schließlich
erbracht werden, weshalb gewisse "Bereinigungen" im Sozialhaus-
halt sowie Steigerungen der Steuereinkünfte erforderlich sind.
Die seit einigen Jahren laufende Kostendämpfung im Gesundheitswe-
sen erhält so neuen Auftrieb und keiner der Beteiligten will sich
der Verantwortung entziehen.
So befinden dann Politiker wie Ärzte das Volk für so gesund, daß
es ein Mehr an Krankheit - die praktische Konsequenz der Senkung
der Kosten - durchaus verkraften kann. Da spielt es dann keine
Rolle, daß die Krebserkrankungen und die anderen "Volksseuchen"
wie Bronchitis und Rheuma zunehmen; da werden "Bettenberge" ent-
deckt, wo die Gangbetten in den Krankenhäusern das Gegenteil zei-
gen; da gibt's eine "Ärzteschwemme", ein Hohn angesichts der
überfüllten Wartezimmer. Die weitere Beschränkung der medizini-
schen Leistungen fürs Volk steht an, und der Diskussion darüber,
wo dies am besten zu geschehen hat, verleihen diejenigen, deren
Aktivitäten ex professio für "Humanität" stehen den Gestus, als
geschehe dies alles in Sorge um den Patienten.
Die Politiker
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stellen die "humane Krankenversorgung" gleich "in den Mittelpunkt
der Gesundheitspolitik" und schaffen es so - indem sie den Men-
schen im Patienten entdecken -, den Schaden der Leute in einen
Vorteil umzulügen:
"Die zu erörternden Fragen einer humanen Krankenversorgung be-
zeichnete Ehrenberg als den 'Kern der Gesundheitspolitik über-
haupt'. Die Medizin und alle politischen Bemühungen seien Dienst
am Patienten und nicht Selbstzweck." (Süddeutsche Zeitung vom
25.11.80)
Die Wiederherstellung der Gesundheit in einen "Selbstzweck" der
Medizin zu verwandeln, um sie in Gegensatz zum "Dienst am Patien-
ten" zu stellen, den Menschen als Gegenstand der Krankenversor-
gung zu entdecken und aus Humanität die Leistungen der Medizin zu
beschränken, ist schon ein Bravourstück, das nur noch von den
Leuten übertroffen wird, die diese Heuchelei ernstnehmen.
Es ist also kein Geheimnis, warum "menschliche Zuwendung" jetzt
Konjunktur hat und nicht mehr nur im kleinen Kreis bei Ärztekon-
gressen in Besinnung aufs "Humanum" Fragen aufgeworfen werden, ob
Apparate nicht "kalt" seien, den Blick auf das Höhere, also den
"ganzen Menschen" verstellen und ob Krankenhäuser nicht zu
"anonym" und "seelenlos" seien. Der falsche Vorwurf an die
Adresse der naturwissenschaftlichen Medizin, sie erreiche ihr
Ziel Heilung aufgrund ihrer verkehrten Methoden nicht, der so
tut, als wären durch eine a n d e r e M e d i z i n die Folgen
der ständigen Zerstörung der Leute durch die Arbeitsbedingungen
zu beseitigen, paßt halt zur Billigmedizin - womit auch klar ist,
daß die "Humanität" nichts Gutes für die Patienten bedeutet.
"Ein Lächeln kostet weniger als der elektrische Strom und gibt
trotzdem mehr Licht!" (womit die Auswahl nicht schwerfällt) (Dr.
Müller, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft)
Die Experten
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für die Humanität lassen sich also nicht lange bitten und bemühen
sich aus tiefst empfundenem ärztlichen Ethos um die Kostensen-
kung. Daß eine Verminderung der Leistungen für die Kranken statt-
findet, ist ihnen selbstverständlich - haben sie doch wie jeder
anständige Staatsbürger Verständnis dafür, daß es gutes Schießge-
rät nicht umsonst gibt. Aber wie das zu bewerkstelligen ist, da-
bei gilt es den Sachverstand einzusetzen: In bestimmten Sparten
darf nicht gekürzt, ja muß mehr getan werden (wie z.B. in der
"Katastrophen"medizin), in anderen Bereichen kann eine Senkung
"verkraftet" werden.
Allerdings ist es selbstverständlich, daß die im Namen der Huma-
nität zu ändernde Krankenversorgung ebenfalls human ist - es gilt
festzuhalten, daß
"die derzeitige Krankenversoreung in der Bundesrepublik nicht in-
human ist, (man) jedoch die Notwendigkeit sieht, sie ständig zu
überprüfen und an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen." (DÄ
49/8)
So kann man's auch ausdrücken, was der Grund für die Neugestal-
tung ist!
Wie dem auch sei, die Experten sorgen dafür, daß es auch in Zu-
kunft nicht tierisch zugeht - schließlich sind sie ja gewohnt, in
der Unterwerfung unter die jeweiligen "Rahmenbedingungen" ihre
ärztliche Hilfe auf das vom Staat als ausreichend angesehene Maß
zu beschränken - wobei sie es verstehen, dies auch unter verän-
derten Bedingungen zum einträglichen Geschäft zu gestalten.
Dies zu erhalten ist allerdings eine Sorge und ein mit ziemlicher
Militanz vorgetragenes Anliegen. Die Vorwürfe der Öffentlichkeit,
die Ärzte sollten "in den Praxen, bei der Verschreibung, bei der
Gesundheitsberatung selbst energisch den Rotstift ansetzen"
(Ruhrnachrichten, zit. nach DÄ 29/79), fallen unter das Stichwort
unverschämte Ignoranz den Medizinern gegenüber und sie stehen in
diesem Fall nicht an, den Staat zu kritisieren, der auf anderen
Gebieten, wo sie das für überflüssig erachten, "zuviel" getan
hat:
"Vergessen wird immer wieder, daß der Gesetzgeber eine Fülle von
Aufgaben, die teils Wahlgeschenke, teils überflüssig und teils
seine Aufgaben wären, den Kassen aufgebürdet hat." (Hartmannbund
in Bayern, 1/81)
Untereinander beginnt allerdings - jeder pocht da schließlich auf
seinen Sachverstand -, ein "medizinischer Verteilungskampf um die
Patienten" (Süddeutsche Zeitung); jeder Ärzteverband entdeckt an-
dere "wahre Ursachen der Kostensteigerung, und es tun sich lauter
Humanitäts- (und nicht etwa Markt-)lücken auf. So stellen z.B.
die niedergelassenen Ärzte fest, daß ambulantes Operieren das hu-
mane Non-plus-ultra ist:
"Es gilt als wahrscheinlich, daß die seit langem erhobene" (und
schließlich aus gutem Grund nicht verwirklichte) "und in jüngster
Zeit von der Ärzteschaft erneuerten Forderungen nach einer Entla-
stung des teuren stationären Sektors zugunsten des humaneren",
(man beachte die Steigerung!) "und kostengünstigeren" (so ein Zu-
fall) "ambulanten Versorgungsbereichs eine wichtige Rolle spielen
werden." (Süddeutsche Zeitung vom 26.11.80)
Eine derartige Verbesserung muß schließlich auch honoriert wer-
den:
"Ab 1. Januar 1981 erhält jeder Vertrags- und Kassenarzt einen
Kostenzuschlag, dessen Höhe sich nach der Schwere des Eingriffs
richtet. Die Zuschläge betragen 30.- DM, 65.- DM oder 100.- DM."
(DA 1/81)
Diejenigen, die vorher die Patienten aus gutem Grund zur statio-
nären Behandlung einwiesen weil sie Überwachung und Pflege für
notwendig erachteten, entdecken jetzt lauter Vorteil für die Pa-
tienten: Zuhause "ist die Infektionsund Komplikationsgefahr we-
sentlich geringer als im Krankenhaus" (auch ein Urteil über die
Zustände im Krankenhaus, die man allerdings nicht beseitigen
"kann"), zudem wird "der persönliche Gesundungswille stärker ge-
fördert" (wenn in der komfortablen Sozialwohnung die Blagen stän-
dig um einen herumtollen und die Alte sich aufregt, daß ihr Ehe-
gespons faul im Bett rumliegt, hält es schließlich keiner lange
dort aus), welche "positiven medizinischen und psychischen
Aspekte nicht hoch genug einzuschätzen sind", vor allem, wenn
"Geld gespart wird, und nicht zu knapp" (medizin heute 2/81, Pa-
tientenzeitschrift der Deutschen Ärzteschaft).
Bei sovielen Vorteilen verblaßt die Kritik der Krankenhausärzte
an ihren niedergelassenen Kollegen, sie seien die Schuldigen mit
ihren "vermeidbaren und kostentreibenden Doppeluntersuchungen".
Man sieht: Einigkeit schützt nicht vor Streit, wobei sich da
schon ein kollegialer Kompromiß finden wird.
Ein verantwortungsvoller Journalist
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merkt da zwar, was läuft - und rechnet den Akteuren vor, es sei
fraglich, ob sie sich damit etwas Gutes tun:
"Der von Muschallik empfohlene Weg birgt ja nicht nur Gefahren
für Patienten, sondern - mit der zunehmenden Neigung, Gerichte
einzuschalten - auch steigende rechtliche Risiken für die Ärzte."
(Süddeutsche Zeitung vom 2.2.81),
deren sich seine Haftpflichtversicherung schon annehmen wird,
Herr Journalist!
"Es stimmt bedenklich, daß Ärzte plötzlich Leistungen übernehmen
wollen, die sie bisher bezeitwillig auf die Kliniken abgewälzt
haben, weil diese so miserabel honoriert wurden, daß weder der
Zeitaufwand, noch die Verantwortung oder das Risiko einigermaßen
angemessen abgegolten wurden, wie die deutsche Ausgabe der Medi-
cal Tribune es charakterisierte." (Süddeutsche Zeitung)
Wurde bislang wegen der Gefahren einer Nachblutung stationär ope-
riert, und die Blutung dann oft genug in der Klinik übersehen,
wovon die Kunstfehlerprozesse zeugen, so passiert das erst recht,
wenn den Angehörigen die Nachsorge aufgehalst wird und der Arzt
erst wer weiß wie spät geholt wird und dann auch nicht gleich zur
Stelle ist. Aber daß Patienten Schaden erleiden, daraus macht er
ja kein Hehl - um den zweiten im Bunde zu warnen, dafür Sorge zu
tragen, daß am Ende nicht er geschädigt ist:
"Wenn das nicht darauf hinausläuft, Kosten und Risiken den Kommu-
nen aufzubürden, die Abschöpfung aber den Ärzten zu überlassen,
sollte man den Vorschlag prüfen." (Süddeutsche Zeitung)
Wer kassiert, der sollte auch das "Risiko" tragen - der Patient
zahlt und wird sich hoffentlich als guter Patient so zusammenneh-
men, dem armen Arzt und den Kommunen nicht durch seinen frühen
postoperativen Tod ein Risiko zu sein.
Bei soviel Einigkeit in Sachen Humanität ist es fast überflüssig
zu sagen, daß die Humanität gänzlich unbrauchbar ist, in Berufung
auf sie die Zustände zu kritisieren. Von der Humanität haben die,
in deren Namen sie ständig beschworen wird, schließlich schon ge-
nug - nämlich die Kosten!
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