Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens


       zurück

       Münchner Hochschulzeitung Sonderausgabe Medizin, 19.05.1980
       
       Erfolg auf der ganzen Linie
       

GESUNDHEITSTAG 1980

Gesundheitstag '80 im Dienste des Menschen "Es braut sich etwas zusammen" warnte bereits vor Wochen das Standesblatt "Der Deutsche Arzt" seine Adressaten und konnte auch mit einer so bekundeten Gegnerschaft nicht verhindern, daß sich am letzten verlängerten Wochenende in Berlin rund 10.000 Gesund- heitsarbeiter(innen) zu einem Gesundheitstag '80 getroffen haben und damit eindrucksvoll im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit als "blühende Wiese voller Ideen" Selbstbewußtsein demonstriert haben, "während sich im riesigen ICC ein versprengtes (!) Häuf- lein von gerade einmal 300 Ärztefunktionären zum 83. Deutschen Ärztetag versammelt." (taz) Es herrschte Aufbruchstimmung, Medi- zin in Bewegung, Protest - wobei radikale Forderungen nicht lange auf sich warten ließen. Die "Auflösung der Ärztekammern, der kas- senärztlichen Vereinigungen, der Bundesversicherungsanstalten, Gesundheitsämter und Landeskrankenhäuser" wurde da verlangt. Der Kongreß stimmt sich ein --------------------------- Damit waren immerhin schon am ersten Tag die Z e i c h e n für das Kongreßleben gesetzt: jeder der Beteiligten war sich der Tat- sache bewußt, daß es mit diesen Forderungen nicht darum gegangen wäre, das Gesundheitswesen aus der Welt zu schaffen. Sie dienten dazu, den Kongreß einzustimmen. Die Radikalität der Forderungen stand für die Radikalität des A n l i e g e n s, das die Kon- greßteilnehmer verbindet und ihnen zu ihrer vollen Zufriedenheit von Seiten des Ärzteestablishment die Charakterisierung als "Traumtänzer und berufsmäßige Gesellschaftsveränderer" eingebacht hat: nämlich die Anklage "der Gesundmaschine mit ihrer krankma- chenden Gewalt", in der der Arzt Hindernis, nicht Promotor der Heilung ist. Die Medizin, lautet das knappe Urteil, macht kaputt, statt zu heilen. Gegen eine solche Medizin legt der Kongreß das Bekenntnis zum Ideal der Gesundheit ab und demonstriert "die Be- reitschaft, die bisherigen Rollen radikal in Frage zu stellen." Und so war das Thema der Eröffnungsveranstaltung - 'Medizin im Nationalsozialismus' - bewußt gewählt worden, um die E i n h e i t des Kongresses über dieses gemeinsame Anliegen herauszustellen - was die Frage beantwortet, was 30 Jahre zurück- liegende Greueltaten von Medizinern mit der medizinischen Sorge um den im wesentlichen pflichtversicherten Teil der Menschheit heutzutage zu tun hat. Mit der Beschwörung der unrühmlichen Ver- gangenheit leistete man sich vor versammelter Mannschaft im "überfüllten AudiMax" zwar keinen richtigen Gedanken über das fa- schistische Gesundheitssystem, dafür aber ein ganzes Bündel von gekonnten Ungeheuerlichkeiten: Da galt es zunächst einmal Betrof- fenheit herzustellen, um den Zweck der Veranstaltung, sich in seiner Verantwortung dafür zu e r l e b e n, wie tief doch "die Versäumnisse und Mißstände des heutigen Gesundheitswesens rei- chen", auskosten zu können. Und so war man allseits beeindruckt über die Ausführungen der Referenten über ihren persönlichen Zu- gang zu dieser Problematik" was beweist, daß die bunte Schar der Teilnehmer reif genug war, die professionelle Heuchelei und Selbstdarstellungssucht der Referenten (es verriet der Ge- schichtsprofessor seine persönliche tägliche Niedergeschlagenheit nach nunmehr 13-jähriger Beschäftigung mit dem Thema, aber auch seine Schwierigkeit, an weiteres Material ranzukommen) als die Einstimmung für das zu nehmen, für die sie stand. Die "Leistungsmedizin mit Kontinuität bis heute" (Baader) ist nichts anderes als die unbewältigte Praxis von Ärzten während ihrer Dienste für den faschistischen Staat, lautet das Urteil der De- batte und ließ alle Anwesenden sich dem Erlebnis aussetzen, daß das Gesundheitswesen des Faschismus nichts anderes als das Resul- tat seiner sich absolut setzenden Medizin war. Mit der Attacke gegen die "Leistungsmedizin" kam zum Vorschein, zu welch radikaler Kritik am demokratischen Gesundheitswesen sich die Anwesenden bekannten. Der "Medizin ohne Menschlichkeit" wird der rücksichtslose Drang vorgeworfen, Krankheit auszurotten, sie zu "bekämpfen" (hier galt es die militärische Sprache zu kriti- sieren, ihre Nähe zum Militärwesen aufzuzeigen) statt die Krank- heit als der Würde des Menschen zugehörig anzuerkennen: "Was wir brauchen, ist die Anerkennung des Andersartigen und nicht den Drang, die Welt von ihr zu befreien." (Dörner) Mit der Umdrehung, der Faschismus befand Kranke nicht wert zu le- ben der Mensch muß gerade als K r a n k e r anerkannt werden -, wird ausgerechnet die Heilung zur Mißachtung des Patienten. So ergab sich das Schauspiel der Beschwörung faschistischer Greuel- taten für die Ideale heutiger medizinischer Taten. Dabei wollte den Kongreßteilnehmern nicht auffallen, daß ihnen bei ihrer Aus- malung einer gesunden (!) Medizin für heute ausgerechnet f a s c h i s t i s c h zu bezeichnende Ideale von Volksgesund- heit einfielen. (Daß man sich mit den Naturheilmethoden die im Faschismus Hochkonjunktur hatten in die selbstgeschaffenen Nes- seln setzte, war ebenso konsequent wie peinlich, daß dies "leider aus zeitlichen Gründen nicht weiter verfolgt werden konnte".) Praktische Bekenntnisse zu Gesundheit als Ideal ----------------------------------------------- Der Kongreß versammelt also Leute, die es nicht nur auf ihren Plaketten stehen haben, sondern auch fest daran glauben: daß näm- lich der Zweck des heutigen Gesundheitswesens in der Schaffung von "Gesundheit" bestehen müßte, daß umgekehrt alle Mißstände und Brutalitäten in dieser vom Staat unter der selbstverantwortlichen Beteiligung der davon nicht schlecht lebende, Mediziner einge- richteten Sphäre das mißliche Resultat dessen sein soll, daß die- ses Ideal der Gesundheit nicht zur Verwirklichung fortgeschritten ist. Die Tatsache, daß Gesundheitswesen im Kapitalismus heißt, die Leute nicht zu heilen, sondern sie für einen erneuten Einsatz als Arbeitsmaterial herzurichten bzw. die Verschlissenen so zu behan- deln, wie es sich nach dieser brutalen Logik gehört; daß das Ge- sundheitswesen eben so ist, wie es ist, wollen diese Kritiker nicht zur Kenntnis nehmen. Im Gegenteil: an der Aussage, daß "der Mensch verschlissen wird wie ein Ottomotor" stört sie nicht der Umstand, daß dies jeden Tag passiert, sondern daß dies die Menta- lität eines Autobesitzers widerspiegeln soll. So verurteilen Leute die Realität als Zynismus, die sich entschieden haben, aus der Kritik am Gesundheitswesen die Chance für ein Versorgungssy- stem im Dienste der Gesundheit zu machen. Die b e s s e r e Alternative zu sein, den eigentlichen Ärzte- tag ins moralische Abseits zu setzen - dazu diente nicht nur der gezielte Einsatz der Prominenz wie Hackethal oder Basaglia; die Begegnung des Vorwurfs von "sachunkundigem Geschrei" durch staat- lich geprüfte Intelligenz wie der des Frankfurter Soziologiepro- fessors Deppe; triumphierende Überschriften im Kongreßblatt wie: "Gesundheitsminister eingetroffen!" (auch wenn er nur aus Nicara- gua kam); kurz: alle Spielarten des Opportunismus, die vorgeführt sein wollen, um in der bürgerlichen Öffentlichkeit anerkannt zu sein. Dazu diente auch die Heuchelei, sich selbst als die besse- ren Menschen vorzuführen. Daß dieser Einsatz der falschen Gefühle auch seine Schlagseiten hat -' "Mit kalter Wut reagierten die Henry-Ford-Bau-Betreuer auf die Teilnehmer, die gleichgültigen Blickes daneben standen, als sie die Berge von Bechern und Papier aus dem AudiMax fegten." -, war für einen moralinsauren Angriff auf die Versammelten gut, die nur "über Gesundheit quatschen", diese aber nicht als Einstellung zu praktizieren bereit sind. Nichts unterstreicht das Bekenntnis zur Gesundheit besser als praktische Demonstrationen in unzähligen Workshops, Arbeitsrunden und Gesprächskreisen, die verdeutlichen, daß die Einnahme des Standpunkts des Ideals der Gesundheit keineswegs bedeutet, daß es um diese geht. In diesem Zirkus dem es weder an Brutalität noch an Lächerlich- keit ermangelte, ging es um Fragen wie: Lassen sich Tampons durch Schwämme ersetzen, über ganzheitliche Wege zum besseren Sehen ("Brille - nein danke"), über offensives Altern bis zur spiritu- ellen Psychologie und der Geburt ohne Medikamente; also Themen, in denen der "eigene Geist als das entscheidende Werkzeug", zur Gesundung angeboten wurde: nur wollen muß der Mensch. Zu der Lä- cherlichkeit solcher Alternativen gesellt sich also die Brutali- tät, daß die Ideologie hochgehalten wird, daß es gerade der medi- zinische Eingriff sei (und wer merkt nicht schon am Wort, daß hier Unerlaubtes stattfindet?), der dieses Wollen und dessen hei- lende Potenz - dies die linksgestrickte Moral des Aushaltens - behindert. Gegen die Radikalität, an der "Subjektivität anzuset- zen", blamiert sieh jede gelungene Entfernung eines Blinddarms als ein läppisches "bloß". So sieht es also aus, das auf dem Kongreß beschworene Kampfziel gegen Brutalität und Unmenschlichkeit: Ziel ist die Tugend eines die Krankheit gegen sich selbst auslebenden und aushaltenden Sub- jektes. Daß auf dem Kongreß Ideale eines gesunden Lebens gegen alle ent- gegenstehende Realität beschworen werden, daß hier also die Be- schäftigung mit I d e o l o g i e n Geschäftsgegenstand war das hatten alle Anwesenden bereits zur Kenntnis genommen, ehe sie heimgefahren sind und wieder ihren Jobs nachgingen - "... der Ausdruck der Gefühle, der Phantasie und der Kreativität läßt sich nicht über Worte vermitteln, sondern nur erleben..." -, und dies mit dem guten Gewissen, für ihre Einstellung, auf deren mangelnde Anerkennung und Berücksichtigung sie alles mögliche ih- rer Berufe zurückführen, etwas gemacht zu haben - den Gesundheitstag eben, der ihnen zudem die hoffnungsfrohe Perspek- tive mitgab, dabei nicht allein zu sein. Die als Lob vorgestellte Behauptung, daß das "Eigentliche des Ge- sundheitstages der Gesundheitstag selbst" sei, bedarf also einer kleinen Ergänzung: immerhin demonstrieren da Leute, die sich als "Gesundheitsarbeiter" verstehen, daß die vom Staat eingerichtete Beschränktheit des Gesundheitssystems ihnen Anlaß zu einem mora- lischen Engagement im Namen d e r Gesundheit innerhalb und f ü r das bestehende staatliche Medizinwesen ist. Gäbe es nicht den B e r u f des Mediziners und ginge es nicht um die e f f e k t i v e Ausgestaltung dieses Dienstes am Menschen, gäbe es auch nicht jenen etwas abwegigen, nichtsdestrotrotz aber sehr n ü t z l i c h e n Idealismus, der auf dem Kongreß der Gesundheitsarbeiter vorgeführt wurde. Solch "alternatives" Be- wußtsein findet der Staat durchaus anerkennenswert: "Aus den vorgelegten Nachweisen ist zu ersehen, daß Zielsetzung der Bildungsveranstaltung die Heranführung an die staatsbürger- liehe und politische Mitarbeit in Staat und Gesellschaft ist." (Berliner Senat) Daß mit der alternativen Modellvorstellung keinem kranken Men- schen (einschließlich seiner armen Seele) geholfen wird, ist da- bei nebensächlich. Daß es Ärzte gibt in unserer Republik, die nicht nur an sich denken, sondern an die Menschheit - dies ist die Botschaft des Kongresses. Und in der Versicherung, daß die Ärzteschaft so schlecht gar nicht ist, war der Kongreß ein Erfolg auf der ganzen Linie! zurück