Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens


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DIE GESUNDHEIT - ZU TEUER! - FÜR WEN?

"Wir alle", verkündet der Bundessozialminister, könnten "uns" die steigenden Gesundheitskosten nicht mehr leisten. Deswegen müßte genau die Reform her, die das Bundeskabinett soeben beschlossen hat. "Wir alle"? Wenn Regierungsmenschen mit ihrem vereinnahmenden "Wir" daherkommen, ist immer Vorsicht geboten. Denn es ist immer verlogen. So auch in diesem Fall. Die Gesundheit ist teuer für die, die sie brauchen -------------------------------------------------- Das können alle Betroffenen sich leicht ausrechnen. Und es würde sich auch lohnen, den Gründen dafür auf die Spur zu kommen. Die liegen nämlich auch, aber nicht bloß in der Geschäftswelt, die an den Krankheiten der modernen Menschheit klotzig verdient, weil unser Sozialstaat die medizinische Versorgung als Geschäftszweig eingerichtet hat. Vor allem wäre es mal zwei Überlegungen wert, w a r u m und w o z u die Mitglieder unserer freiheitlichen Gesellschaft sich dauernd um ihre Gesundheit kümmern und sich kostspielig aufmöbeln und reparieren lassen müssen. Aber davon ist nicht die Rede, wenn der Bundessozialminister über die Kosten des Gesundheitswesens meckert. Er meint sowieso und von vornherein g a n z a n d e r e Kosten als die, die den Beitragszahlern und den Patienten entstehen. Bei ihm und seinem Bundeskanzler und allen Gleichgesinnten, auch in der Opposition, haben diese Kosten einen Beinamen, nämlich "L o h n n e b e n k o s t e n". Und gemeint ist damit klar und deutlich: Die Leute, an deren Gesundheit aus den Mitteln der ge- setzlichen Krankenkasse fortwährend herumrepariert werden muß, Die Leute kosten zuviel! ------------------------ Da hat man das "wir alle", mit dem Blüm und Kollegen alle ihre Sätze anfangen. Diese Herrschaften und Damen stehen keine Sekunde lang auf dem Standpunkt des Lohn- oder Gehalts-"Empfängers", dem die Kassen mit Gesetzeskraft das Einkommen schmälern - wenn das arbeitende Publikum sich das fälschlicherweise einbildet, so ist das natürlich beabsichtigt und diesen Figuren sehr recht. In Wirklichkeit stellen sie sich aber von vornherein ganz unverfro- ren auf den Standpunkt, die Kassenbeiträge wären genaugenommen überhaupt kein gesetzlich eingesammelter T e i l des Lohns, sondern ein "z w e i t e r Lohn", eine reine Z u s a t z- a u s g a b e d e r U n t e r n e h m e r. Bei 'Lohn' denken diese Typen nämlich sowieso nie an das Sümmchen, von dem die "Empfänger" leben müssen, sondern sie denken voll Bedauern an das Geld, das die "Arbeitgeber" zu zahlen haben, also an d e r e n "schwere Last" - daß die Kapitalisten diese "Last" nur tragen, weil sie das Geld haben und weil und solange sich der Kauf von Arbeitsleuten f ü r s i e l o h n t, fällt dabei vornehm unter den Tisch. So gesehen ist es natürlich bloß konsequent, daß ihnen die Kran- kenkassenbeiträge auch gleich wie eine spezielle Last vorkommen, die der Sozialstaat nicht etwa den dauernd reparaturbedürftigen Lohnarbeitern, sondern deren Anwendern auferlegt hätte. D e r e n G e s c h ä f t haben die Sozialpolitiker im Auge, wenn sie über "zu hohe Lohnnebenkosten" quatschen. Und bevor man sich als schlichtes Krankenkassenmitglied von diesem Gemecker betören läßt, sollte man erst einmal das schöne Urteil auf sich wirken lassen, das damit eigentlich bloß ausgedrückt ist: Den bundesdeutschen Machthabern und ihren Geldbesitzern ist das M e n s c h e n m a t e r i a l, das vom Lohn lebt und sogar noch bei Gesundheit gehalten werden muß, z u k o s t s p i e l i g. Deswegen sollte man sich auch nicht allzu sehr davon beeindrucken lassen, wenn die Gesundheitapolitiker der Opposition dem Sozial- minister v o r w e r f e n und wenn dessen Kassenwarte sich darüber b e s c h w e r e n, daß die "Kostendämpfung im Gesund- heitswesen" immerzu nicht nach Wunsch gelingen will. D a s, w a s da eingeklagt wird, ist nichts anderes als die V e r b i l l i g u n g d e r L e u t e, die ein umfangreiches Gesundheitswesen brauchen, um ihr Arbeitsleben durchzustehen. Au- ßerdem gelingt Blüm und Co da in etlichen Bereichen einiges: Im- merhin schaffen sie es mit ihrem neuen Gesetz, verstärkt den "Nettolohn" der versicherten Mannschaft anzuzapfen, sobald da ei- ner eine Leistung des Gesundheitswesens braucht. Mit ihren Zuzah- lungspflichten m a c h e n diese barmherzigen Christen vieles zum L u x u s, was bislang noch in den Katalog der n o t w e n d i g e n Reparaturleistungen gehört hat. So bekämp- fen sie, und zwar nur allzu erfolgreich, den Zustand, daß für das gesetzliche Kassenmitglied die private Kostenfrage in Sachen Krankheit mit dem Abzug der Pflichtbeiträge mehr oder weniger ausgestanden war. In Zukunft sind diese Beiträge weg, und es ste- hen an allen möglichen Ecken und Enden mehr privat zu beglei- chende Z u s a t z k o s t e n ins Haus. Trotzdem wird sich mit den so heftig beklagten "Lohnnebenkosten" bei aller "Strukturreform" usw. nicht viel schieben. Das hat ver- schiedene Gründe. Warum aus einer "Entlastung der Beitragszahler" ----------------------------------------------- todsicher nichts wird --------------------- - Erstens wollen die bundesdeutschen Sozialpolitiker sich ja gar nicht am blühenden Geschäft ihrer Ärzte, Apotheker, Pharmafirmen, Krankenhausträger und Dentisten vergreifen. Sie respektieren diese ehrenwerten Berufsstände so sehr, daß sie denen auch welterhin mit der gesetzlichen Versicherungspflicht einen riesi- gen Geldtopf garantieren, den das gesundheitsbedürftige Publikum ohne Gesetzeszwang nie zusammenbringen würde. - Zweitens wollen die Macher der Nation sich vor allem überhaupt nicht an den G r ü n d e n vergreifen, die es zu einer so kost- spieligen Daueraufgabe für jedermann machen, sich halbwegs in Schuß zu halten und immer wieder fit machen zu lassen. Teuer ist nämlich nicht die Pille gegen die Bazillen, sondern der lebens- lange Kampf gegen den f o r t s c h r e i t e n d e n V e r s c h l e i ß, dem das Lebewesen Mensch, je nach seiner Lebenslage, in unserer fortschrittlichen Gesellschaft unterliegt, und der Kampf darum, diesen Verschleiß wenigstens a u s z u h a l t e n. - Deswegen ist es drittens eben auch gar nicht wahr, daß die Krankenkassenbeiträge ein "zweiter Lohn" wären, den der Sozial- staat den Unternehmern aufgezwungen hätte, von dem er die auch ganz einfach entlasten könnte, indem er ihn streicht. Der Aufwand für Gesundheit ist ein genauso notwendiger Posten im Lebensunter- halt eines "Arbeitnehmers" wie der fürs Wohnen oder Essen; und er ist aus dem "Nettolohn" einfach nicht zu bestreiten. Deswegen ge- hört dieser Aufwand aber doch zu der Summe, von der die Lohn- "Empfänger" insgesamt leben und mit der die Unternehmer rechnen, wenn sie die notwendigen Kosten ihres Geschäfts kalkulieren - also zum Lohn. Und weil die Lohn-"Empfänger" das nötige Geld nie einfach übrig haben, wird auch in Zukunft ein satter Lohnteil gleich von der Quelle weg verstaatlicht von wegen "Kosten- dämpfung" und "Beitragssenkung"! - Zumal Blüm und seine Sozial-Mafia viertens ja noch einiges vor- haben mit den eingesammelten Krankenkassengeldern. Ab Anfang nächsten Jahres sollen daraus die Versorgungskosten für unheilbare Pflegefalle bestritten werden, die bislang noch der Sozialhilfe, also einer Unterabteilung der öffentlichen Haushalte zur Last fallen. Billiger wird dadurch nichts - außer für diese staatliche Armenkasse. zurück