Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Diskussionsveranstaltung
GESUNDHEIT - EIN GUT UND SEIN PREIS
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Wenn der Entwurf zu einem "Gesundheitssicherungsgesetz" in seinem
ersten Satz bekanntgibt: "Zur Sicherung des Gesundheitsschutzes
und der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist das Gesund-
heitswesen an besondere Anforderungen des Verteidigungsfalles an-
zupassen" (Paragr. 1 (1)), fällt der Fachschaft Medizin an der
RUB nicht der staatliche Zynismus auf, der die totale Inpflicht-
nahme des Lebens der Staatsbürger im Krieg und deren medizinische
Regelung als "Sicherung" der Gesundheit bespricht. Anstelle eini-
ger mißtrauischer Gedanken über die Politik ihres Staates, der
ganz rechtsstaatlich mit Tod und Verwundung seiner Untertanen
kalkuliert, halten die Bochumer Jungstandesvertreter daran fest,
von den Gründen ihres geplanten Einsatzes nichts wissen zu wollen
und geben dem Staat zu bedenken, daß ein Krieg eine äußerst
schlechte Bedingung dafür ist, auch wirklich helfen zu können.
"Es steht für 3.000 Verletzte dann nur ein Arzt zur Verfügung und
lediglich 280 Betten gibt es für die zu erwartende 10fache Menge
an Strahlenopfern." Zudem sei die staatlich befohlene Sichtung
und Selektion der Verwundeten in solche, die nach dem ärztlichen
Einsatz wieder kämpfen können und solche, die einen solchen Ein-
satz nicht mehr lohnen ("Triage"), eine staatliche Behinderung
der Ärzte, "ihre Fähigkeiten gerade an Schwerverletzten unter Be-
weis stellen zu können". (Alle Zitate: Med. VV, 26.11.)
Man hält also auch dann noch an der Standesethik des
H e l f e n s fest und will von den Gründen der Hilfsbedürftig-
keit nichts wissen, wenn der Staat brutal "Gesundheit" als
Brauchbarkeit für seine "mörderischen Zwecke" definiert. Wir mei-
nen, es gibt keinen Grund, dem Staat ausgerechnet da einen Wider-
spruch zu einem "eigentlichen" Zweck vorrechnen zu wollen, wo
dessen Ziel so eindeutig zutagetritt.
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Aber auch mitten im Frieden sollte man mal ein paar Gedanken dar-
auf verschwenden, warum die Gesundheit, also das schlichte Faktum
der körperlichen Unversehrtheit in unserer Gesellschaft als ein
so hohes Gut gilt, um das sich jedermann nicht ernsthaft genug
kümmern kann. Die Frage, warum der Erhalt der Knochen und der Or-
gane eine b e s o n d e r e Anstrengung wert sein soll, könnte
glatt zu der Überlegung führen, daß mit dem Lob der Gesundheit
die traurige Wahrheit gemeint ist und anerkennend verklärt wird,
daß hierzulande nicht krank zu werden ein unverdientes Glück ist,
das wie jedes Glück Ausnahme bleibt.
In jeder Illustrierten stehen Ratschläge, was man anstellen soll,
um alt zu werden, oder was man zu meiden hätte, um keinen Krebs
zu bekommen. Statt sich dieser Sorge um die Gesundheit anzu-
schließen, könnte ein kritischer Mensch sich einmal über die
Selbstverständlichkeit wundern, mit der hier von der Schädigung
an Leib und Leben als allernormalster Lebensbedingung geredet
wird.
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Dem Staat schließlich ist die Volksgesundheit so wichtig, daß er
für sie sogar ein eigenes Ressort eingerichtet hat. Auf den
"Schutz des Lebens" und der Gesundheit gibt es einen gesetzlich
garantierten A n s p r u c h: ein unmißverständlicher Hinweis,
daß der Soialstaat mit dem Ruin der normalen Existenzvorausset-
zung seiner Bürger rechnet und Gründe weiß, für die er deren Ge-
sundheit aufs Spiel setzt - dazu gehört nicht nur die
"körperliche Ertüchtigung" bei der Bundeswehr. Neben dem Recht
auf Gesundheit ist sie auch noch eine oft vergessene
P f l i c h t, der die Leute mit Trimm-Dich und "gesunder" Er-
nährung nachkommen sollen. Wollen die Leute denn krank werden?
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Auf der Diskussionsveranstaltung "Gesundheit - ein Gut und sein
Preis" soll also geklärt werden,
- warum sie vernutzt wird, wer dafür zahlt,
- wie man sie kritisch pflegt
- und warum kritische Mediziner die Ursachen von Krankheiten
nicht beseitigen wollen
- und deshalb selbst im Krieg nur eine schlechte Bedingung für
die Medizin erblicken.
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