Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
zurück
Münchner Hochschulzeitung 5. Sonderausgabe, 18.02.1981
Asbest
"EINE BEDROHUNG DER VOLKSGESUNDHEIT"
liegt nach Ansicht der "Süddeutschen Zeitung" vor, wenn der Bun-
desarbeitsminister "die Gefährdung von 5000 Arbeitsplätzen in der
Asbestzementindustrie auch durch ein erst in 10 Jahren wirksames
Verbot dieses Baustoffes "nicht für vertretbar hält" (Süddeutsche
Zeitung vom 28.2.81). Er würde damit nämlich eine "mindestens in
der gleichen Größenordnung liegende Zahl von Asbestkrebs-Neuer-
krankungen in Kauf nehmen, die jedoch heute kein notwendiger
"Preis für den Fortschritt" mehr seien, "denn Asbest läßt sich
zumindest schon weitgehend ersetzen". Das Vorgehen des Ministers
sei deswegen, bitteschön, eine "Milchmädchenrechnung".
Uns fällt da doch zweierlei auf:
1. ist es auch für die "SZ" eine Selbstverständlichkeit, daß für
die Produktion von Asbestzement Leute hops gehen müssen - solange
es nicht z u v i e l e sind. Eine Zahl "von mindestens 5 000
Asbestkrebs-Neuerkrankungen im Jahr" ist der der "SZ" der Rede
wert, allerdings nicht wegen der Betroffenen - dann wären
schließlich in Anbetracht der bekannten Ursachen bereits ein As-
bestkrebepatient ein Grund, das Zeugs zu verbieten und zu erset-
zen -, sondern wegen der Volksgesundheit. Dem Arbeitsminister,
der den Arbeitern die Alternative aufmacht, entweder ihr fliegt
raus und krebst dann als Arbeitslose herum oder aber geht lang-
sam, aber sicher durch Asbestkrebs drauf, wird ausgerechnet ein
Verstoß gegen die Volksgesundheit vorgeworfen!
Wäre Asbest noch "unersetzbar" - so die 2. Selbstverständlichkeit
des Schreibers -, fielen die Opfer eben unter die Kategorie
"Preis des Fortschritts", den "wir" (!) zu zahlen haben - so als
ob die staatlich geregelte Verwendung von Asbest und damit die
Zerstörung der Leute einem Sachzwang entspringen würde.
Dabei wird diese Entscheidung tagtäglich in der betrieblichen
Kalkulation getroffen, wo Asbest als b i l l i g e r Werkstoff
eingesetzt wird. Schließlich steht unter dem Strich, wieviel Ge-
winn gemacht wurde und nicht, wieviele Meter "Fortschritt" man
gemacht hat! Und daß die t e c h n i s c h e Ersetzbarkeit noch
lange kein Argument für die Betriebe ist, Asbest nicht mehr zu
verwenden, zeigt ja die von der "SZ" aufgeführte Liste der vor-
handenen Ersatzstoffe recht deutlich. Solange mit Asbest Profit
gemacht wird, besteht kein Grund für den Betrieb, dieses Material
zu ersetzen.
Somit ist klar, was es mit der
Volksgesundheit
---------------
auf sich hat: Ihr Maß liegt nicht darin, was gemäß
m e d i z i n i s c h e m Wissen gegen Krankheit getan werden
kann, sondern darin, wie sich der Staat zwischen der Gesundheit
der Leute und der "Gesundheit" der Wirtschaft entscheidet - mit
eindeutigem Ausgang . Volks g e s u n d h e i t ist das Ausmaß
an K r a n k h e i t, das dem Staat als Kompensation der mit
der florierenden Wirtschaft produzierten Zerstörung der Leute
ausreicht.
Von daher verbieten sich auch Vorstellungen 'verantwortungs-
bewußter' Mediziner, man müsse angesichts herrschender Zustände
Staat und Öffentlichkeit 'warnen' oder 'aufklären' - schließlich
ist Asbest als Krebsursache schon seit mehr als 30 Jahren bekannt
- oder gar im Namen der Volksgesundheit den Staat kritisieren, da
ihnen der Idealismus zugrundeliegt, die Gesundheitspolitik hätte
die Gesundheit des einzelnen zum Zweck, welche (noch) nicht
realisiert sei.
"Mit jedem Liter Luft atmen Stadtbewohner in der Bundesrepublik
bis zu 30 Asbestfasern ein." - also raucht nicht soviel, Leute!
P.S.: Unterstützung fand die "SZ" jüngst beim Bundesminister, der
erklärte:
"Es muß bei der Diskussion ermittelt werden, bei welchen Produk-
ten Maßnahmen sofort eingeleitet werden müssen und auf Abwägung
von Arbeitsplätzen zu verzichten ist, weil die Gesundheitsgefahr"
(auch eine Umschreibung für den sicheren Tod von einigen tausend
Leuten!) "zu groß ist." (Süddeutsche Zeitung vom 6.2.81)
Er wollte also nochmals von seiner Seit her betonen, daß die An-
gelegenheit besonders verantwortungsvoll behandelt werden müßte.
Einig in der Sache, empörte sich sein arbeitsministerieller Kol-
lege doch über den Herrn Baum und verlangte in Zukunft eine
"bessere Abstimmung, damit neben Ankündigungen des Künftigen
nicht die Leistungen der Bundesregierung vergessen werden" ohne
diese "Leistungen" gäbe es nämlich noch mehr Tote, weswegen es
einfach unverschämt ist, wenn sich der Innenminister allein die
Sorge um die lieben Mitbürger ans Revers heften will.
zurück