Quelle: Archiv MG - BRD SOZIALPOLITIK GESUNDHEIT - Ökonomie des Gesundheitswesens
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Von Sekten und Seuchen
NOCH ZWEI KOSTEN DER FREIHEIT
Dem Verstand eines durchschnittlichen Zeitungslesers wird hierzu-
lande nichts erspart. Wo es um seine alltäglichen Dienste geht,
soll er 'einsehen' und das sogar für eine prima Wahlwerbung hal-
ten, daß seine Interessen vor so wichtigen Anliegen wie denen
"der Wirtschaft" und "der Verteidigung" auf jeden Fall nichts
zählen. Ausgerechnet auf Gebieten, wo es um überhaupt nichts
geht, soll er dagegen alles als seine Angelegenheit betrachten,
sich mordsbetroffen vorkommen und sich eine höchstpersönliche
Meinung bilden. Auf diese Weise kommen Sachen zu Ehren, die man -
mangels freier Presse - anderswo womöglich gar nicht kennt. Ob
das ein Nachteil ist?
Bhagwan
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z.B. ist eine Figur der 'Zeitgeschichte' die sich schon seit Jah-
ren der breitesten Aufmerksamkeit erfreut, obwohl der Grund die-
ser aufgeregten Begutachtung durchaus nicht ohne weiteres er-
sichtlich ist.
Das, was er macht, betreiben Dalai-Lamas und sonstige Woytilas
schließlich auch, ohne daß es ihnen jemand zum Vorwurf machen
wollte. Wer hat denn schon etwas dagegen, jungen Leuten "Sinn",
eine gemeinsame "Aufgabe" und die irgendwie immer dazugehörige
Uniform zu verpassen? W i e der indische Opa seine Seelenfänge-
rei organisiert, ist ebensowenig außergewöhnlich, bestenfalls
eher dilettantisch im Vergleich zur Konzernpolitik des Heiligen
Petrus. Was soll also an Psychoübungen in Kleingruppen anstößig
sein, wenn wöchentliche Bußorgien auf Massenbasis als ehrenwert
gelten? Und der Angriff auf 99 Bhagwan-Rolls-Royce zielt doch
auch nicht auf Abschaffung der Kirchensteuer, die für etwas grö-
ßer dimensionierte Petersdöme und sonstige Werke der Nächsten-
liebe verschleudert wird! Ja, noch nicht einmal der kleine
U n t e r s c h i e d zur Amtskirche rechtfertigt das öffentli-
che Getue um den bärtigen Guru: Wen stört es denn eigentlich wo-
bei, daß es immer wieder Leute gibt - z.B. Bhagwan-Fans -, die
"aussteigen" und sich neben den attraktiven Angeboten des Ar-
beitsmarkts häuslich einrichten? Das könnte denjenigen, die mit
i h r e m Auskommen offenbar zufrieden sein sollen, doch ganz
und gar gleichgültig sein.
Darf es aber nicht! Stattdessen werden immer wieder Hilferufe be-
sorgter Eltern kolportiert, deren Kinder dem Bhagwan "verfallen"
sind, und großartige Erleichterung ist angesagt, wenn ihm die
Chefsekretärin mit der Vereinskasse abhaut, als ob das jetzt ir-
gendetwas (wohl, daß hier auch nur mit Wasser gekocht wird) be-
weisen würde. Und der Schluß ist immer derselbe: Ohne den Inhalt
des belaberten "Mißbrauchs" einer großen Würdigung zu unterzie-
hen, soll man die Bhagwan-Story als einziges Gleichnis für
"mißbrauchtes Vertrauen" zur Kenntnis nehmen - und daraus womög-
lich den kindischen Schluß ziehen, daß man es mit der Liebe zu
Gott, Arbeit, Vaterland aber genau richtig getroffen hat.
AIDS
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wiederum ist eine Krankheit, die binnen kurzem die Illustrierten-
spalten weitaus rascher und gründlicher verseucht hat, als es
ihre Viren beim Krankengut schaffen konnten. Das statistische Me-
netekel vom 100%igen Durchseuchungsgrad, der - einmal vorausge-
setzt, daß über fünf Ecken die gesamte Weltbevölkerung miteinan-
der schläft - in nicht allzu ferner Zukunft erreicht wäre, ist
zwar hinreißend blöd. Und außer dem sinnigen Ratschlag, die Leute
sollten einen Lebenswandel besser vermeiden, den sie eh nicht
praktizieren, ist von den Gesundheitsbehörden auch kein Seu-
chenalarm ausgegeben worden. Aber darauf scheint es auch schon
gar nicht anzukommen, da die "Lustseuche" ohnehin in jedem Sta-
dium ihrer publizistischen Verbreitung für immer neue und andere
"Einsichten" gut war: Zunächst gestattete sie pikante Einblicke
in die internationale Homo-Szene - da gibt's vielleicht Sachen.
Dann sorgte Rock Hudson selbst vom Sterbebett aus noch für ein
wahres Feuerwerk öffentlicher Anteilnahme - 1. ist auch in Hol-
lywood nicht alles Gold, was glänzt, 2. der arme Mann, 3. ist
jetzt überhaupt spendenwilliges Mitgefühl gefragt, 4. Promiskui-
tät, wohin man schaut, 5. Pariser sind die Mutter der Porzellan-
kiste, 6. das Geschäft mit der Lust geht auch nicht mehr so gut,
usw. Und seit die Mediziner noch ein paar Übertragungswege mehr
entdeckt haben, ist (eigentümlich, wo die Bedrohung doch so um-
fassend sein soll!) allmählich die Unterhaltungsebene erreicht -
das anspruchsvolle Publikum wird serienträchtig über die histo-
risch bewiesene Sterblichkeit des Menschen aufgeklärt, und Haus-
frauen erkundigen sich in BILD nach Todesrisiken beim Einkauf.
Übermäßig e r n s t scheint den ganzen Krampf also niemand zu
nehmen (außer denjenigen natürlich, die sich wirklich angesteckt
haben) - e g a l soll die Sache aber auch keinem sein, ein biß-
chen Meinungsbildung nach dem Motto "Was bedeutet AIDS für
mich/dich/uns alle?" wird schon absolviert. Die Antworten können
frei aus dem oben in Auszügen genannten Angebot gewählt werden,
so genau kommt's nicht drauf an - eine doppelte Moral erschließt
sich aus AIDS (nicht anders als beim Krebs und beim Raucherhu-
sten) ja in jedem Fall, wenn eine Krankheit einen schon was
'l e h r e n' soll: Erstens besteht wieder mal Grund zur Dankbar-
keit, wenn's einen nicht erwischt. Und zweitens darf man wieder
ein bißchen z u f r i e d e n e r mit der eigenen Lebensführung
sein - jetzt schützt sie auch noch vor AIDS!
Das Interesse an Sekten und Krankheiten
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paßt also wunderbar in die politische Landschaft des Jahres 1985.
1. beruht es ganz offenbar darauf, daß die Unterscheidung zwi-
schen wichtig und unwichtig, zwischen dem, was mit der eigenen
Lage zu tun hat, und was einem gleichgültig sein kann, zielstre-
big zerstört wird. Themen werden aufgeworfen, nicht damit man
sich um sie kümmert - wie und wozu auch? -, sondern um in der
Wahrnehmung von "Problemen" Verantwortung zu zeigen und die Welt
ganz in Ordnung zu befinden.
2. wird also nichts von einem Interesse aus beurteilt, das man
hat und in dessen Verfolgung man auf Schranken stößt; statt des-
sen wir urteilslos alles mögliche für "interessant" gehalten,
weil man sich grundsätzlich beteiligt f ü h l e n will. So weiß
man dann zwar über nichts Bescheid, hat aber zu allem eine Mei-
nung, die darin besteht, daß längst fertige moralische Maßstäbe
tatsächlich auch auf den letzten Furz passen.
3. ist dieser Anschein von Betroffenheit nur zu haben, wenn man
die Welt von lauter Abstraktionen aus betrachtet. Sich und die
wirkliche Situation, in der man sich mit seinen Vorhaben befin-
det, findet schließlich keiner wieder, wenn er sich mit Bhagwans
oder Todkranken befaßt; und die erregen seine Aufmerksamkeit auch
nur einen Fernsehbericht lang. Aber "die Jugend", "die Volksge-
sundheit", "die Sexualmoral" und sonstige Gespenster, das sind
Subjekte, um die man sich sorgen kann - wenn es nur noch auf den
Anstand und die Gutigkeit der Menschen ankommt.
"Es gibt Höheres als Gut und Geld", diese von jedem Politiker je-
den Tag verbratene Frechheit schmeckt offenbar noch einmal so
gut, wenn einfache Staatsbürger sie unter fachkundiger Hilfestel-
lung der Presse ganz p r i v a t und garantiert unpolitisch
nachvollziehen.
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Soeben wird gemeldet: "Alle lieben Boris!"
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